Sonntag, 26. Oktober 2014

Predigt am 26. Oktober 2014 (19. Sonntag nach Trinitatis)

Predigttext: 2. Mose/Exodus 34, 4-10

Bergauf, immer nur bergauf. Am Anfang, in der Kühle des Morgens, da ging es noch. Dann begann die Sonne zu brennen; der Weg wurde steiler; die Schritte begannen zu schmerzen; der Puls raste; der Schweiß lief.
In rund 1.585 Metern Höhe endet die reguläre Straße. Von hier aus kann der 700 Höhenmeter überwindende und rund 2.500 m lange Aufstieg nur noch zu Fuß oder per Kamel fortgesetzt werden. Auf dem letzten, viel steileren Abschnitt … müssen 750 in den Fels gehauene Stufen überwunden werden. Während des gesamten Aufstiegs sind fast 4.000 Treppenstufen zu bewältigen.
So die Wegbeschreibung für Touristen von heute (Wikipedia). Damals gab es keine reguläre Straße, keine Kamele, keine Treppenstufen. Nur Sonne, Hitze, Steine.
Bergauf, immer wieder bergauf. Zum siebten Mal innerhalb weniger  Wochen. Und dieses Mal ist der Aufstieg für ihn besonders schwer. Weil er schwer zu tragen hat. Steinplatten. Als ob es oben auf dem Berg keine Steine gäbe.
Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.
Das letzte Mal hatte er Steinplatten hinabtragen müssen: Die Tafeln mit Gottes Geboten. Und dann waren sie zu Bruch gegangen: die Platten. Und die Gebote:
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Du sollst dir kein Bildnis machen.
Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.
Da waren sie schon dabei, einen anderen Gott anzubeten. Hatten sich ein Bildnis von ihm gemacht, denn sie konnten nur glauben, was man auch sieht.
Im Zorn hatte er die Platten zertrümmert. Sie waren wertlos. Wertlos, wie alles, was er für diese Menschen getan hatte: ein halsstarriges Volk.
Nicht wert, dass Gott sich um sie kümmerte.
Immer am Zweifeln: Was nützt uns die Freiheit, wenn wir in der Wüste umkommen?
Immer am Murren (wie die kleinen Kinder): Wann sind wir endlich da?
Und immer bereit, goldene Kälber zu verehren und den lebendigen Gott zu vergessen.
Das war immer so, und es würde immer so bleiben.
Wieder bergauf. Mit schwerem Gepäck. Und mit schwerem Herzen. Schwer von Schuld, von Angst, von Zweifel: Wie konnte er noch vor Gott treten als Vertreter dieser Menschen? – Je näher er dem Gipfel kam, um so schwerer wurde ihm die Last, um so schwerer wurde jeder Schritt, um so ferner der Gott, den er suchte. Und dann stand er oben auf dem Gipfel; der Puls raste, der Schweiß lief. Weiter ging es nicht mehr.
Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an.
Bergauf. 2.285 Meter über Normal-Null. Das kann Mose. Mit Schmerzen, Schweiß und schwerem Herzen.
Wir können noch mehr. 3.718 Meter – der Teide. 11.278 Meter – 37.000 Fuß. Gängige Reiseflughöhe auf dem Weg nach Teneriffa.
41.000 Meter – vor wenigen Tagen wurde ein neuer Rekord für einen freien Sprung aus großer Höhe aufgestellt.
384.400 Kilometer – die Entfernung zum Mond. So weit haben es Menschen gebracht – schon vor 45 Jahren.
Weiter ging es nicht mehr. Bis jetzt.
Da kam der HERR hernieder.
Wie hoch wir auch steigen, was immer wir für Leistungen vollbringen. Gott erreichen wir nur, wenn er zu uns herniederkommt. Wenn er sich herablässt zu uns Menschen und uns erreicht.
Und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an.
In diesem Ruf war alles, was er hinaufgetragen hatte in seinem schweren Herzen: die Schuld, die Angst, der Zweifel, die Resignation, die Leere.
Und etwas Neues: Hoffnung.
Wenn Gott herniederkommt, dann gibt es Hoffnung.
Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“
Wenn Gott vorübergeht, dann gibt es Hoffnung.
Gott geht nicht vorbei, er geht vorüber.
Und im Vorübergehen berührt, ergreift und verwandelt er.
Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.
Diese Worte klangen in Mose, als der HERR an ihm vorüberging. Wurden immer größer. Füllten sein Herz aus – bis fast kein Platz mehr war für Schuld und Angst und Zweifel und Resignation.
Fast, denn da war noch ein leiser Zweifel, eine Spur von Angst: Er lässt doch niemanden ungestraft, Sünde und Missetat haben doch ihre Folgen, anders kann es nicht sein. Und was soll dann werden?
Aber: Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde. Vor diesen großen Worten wurden die Worte von Strafe und Heimsuchung ganz klein. Ja, drei, vier Generationen lang mögen Schuld und Missetat weiterwirken. Aber was ist das vor der Ewigkeit? Was ist das vor der Unendlichkeit der Gnade?
Was auch immer geschehen sein mag, wie schwer die Schuld, wie groß die Missetat – sie kann niemals größer sein als Gottes Barmherzigkeit. Sie wird immer kleiner und nach 100 Jahren ist sie schon vergangen. Gottes Gnade und Treue aber wird nie vergehen.
Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an und sprach: „Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk, und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.“
Wenn Gott herniederkommt, dann gibt es Hoffnung.
Wenn Gott vorübergeht, dann gibt es Hoffnung.
Hoffnung, dass er nicht nur vorübergeht, sondern dass er bleibt, und dass er mitgeht.
Auch mit einem halsstarrigen Volk, das murrt und zweifelt und um goldene Kälber tanzt.
Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.
Und der HERR sprach: „Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.“
Gott ist herniedergekommen. Vorübergegangen. Mitgegangen. Mit Mose. Mit seinem Volk Israel.
Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.
Das ist das große Wunder Gottes: dass er über tausende Generationen Gnade bewahrt. Mit Israel. Mit der Kirche. Mit der Menschheit.
Gott ist herniedergekommen. Zu all denen, die es mit ihrer Last von Schuld und Angst und Zweifel, nicht hinaufgeschafft haben zu ihm.
Er ist vorübergegangen. Und hat sie angeblickt und angerührt und Hoffnung geweckt.
Und er ist mitgegangen. Mitgegangen durch die Wüsten, durch die Meere, durch Höhen und Tiefen, durch Schuld und Leid, durch gute und durch böse Tage.
Ins gelobte Land.
Ja, wunderbar ist, was er an uns tut!
Amen.

Fürbitten:
Lasst uns den Herrn anrufen:
HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,
wir bitten dich für alle, die sich mühen auf dem Weg zu dir: Nimm ihnen ihre Lasten ab, ihre Zweifel, ihre Ängste, ihre Schuld! Komm hernieder zu ihnen. Und berühre und heile ihr Leben.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die deinen Worten und Geboten nicht trauen, die anderen Göttern dienen, um goldene Kälber tanzen, dich vergessen über den Lüsten und Lasten des Lebens: Komm hernieder zu ihnen. Bring dich in Erinnerung. Zeige ihnen und uns allen, was wahres Leben ist.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
Wir bitten dich für alle, die zwischen dir, dem heiligen Gott, und den unheiligen Menschen vermitteln wollen, für deine Kirchen, für ihre Bischöfe, Priester und Prediger, für ihre Seelsorger, Beichtväter und die stillen Beter: Komm hernieder zu ihnen. Gib ihnen Geduld und Freude, gute Worte und Taten, Liebe zu dir und zu den Menschen.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
Wir bitten dich für alle, die um deinetwillen leiden, für die, die Hab und Gut verloren haben, die ihre Kirchen und Gemeinden verloren haben, die ihre Freunde und Angehörigen verloren haben: Komm hernieder und berühre sie mit deinem Trost und deiner Heilung. Bewahre sie im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe – trotz allem. Schaffe ihnen Rettung und Zukunft.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
Wir bitten dich für alle, die den Namen eines Gottes missbrauchen, um die Werke des Teufels zu tun: Mord, Gewalt, Versklavung und Unterwerfung: Komm hernieder und weise sie zurecht. Öffne ihnen die Augen dafür, dass sie anderen und sich selbst die Hölle bereiten und nicht das Paradies, wie sie in ihrer Verblendung wähnen.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
Wir bitten dich für die Menschen, die uns persönlich Sorgen bereiten. In der Stille nennen wir dir ihre Namen: …
Komm hernieder und zeige ihnen den Weg, der zum Leben führt. Lass sie deine Gnade und Treue erfahren. Lass sie dein Heil schauen. Und lass uns für sie da sein, so wie es gut ist.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!

HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue. Wir beten dich an und bekennen: Wunderbar ist, was du an uns tust.