Sonntag, 9. Dezember 2012

Predigt am 9. Dezember 2012 (2. Sonntag im Advent)

Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unseres Gottes.
Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: “Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.”
Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.
Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.


Liebe Schwestern und Brüder,


anderthalb Jahre lang haben wir ziemlich viel Grau gesehen, wenn wir von unserem Balkon hinunterblickten: Halb verfallene Terrassen, ein paar falsche Pfefferbäume und ungepflegte Mönchspalmen. Dazwischen Sand, Dreck, und Trampelpfade, die früh und abends und zwischendurch von Hundehaltern und Joggern begangen werden. Im Sommer bin ich ein paar mal da lang gegangen; es war sehr staubig, und ich musste auf Tretminen achten. – Seit ein paar Wochen sieht es ganz anders aus, viel freundlicher – nämlich: Grün! Das Grau ist verschwunden. Die Trampelpfade sind noch da und die Jogger und die Hundehalter. Aber links und rechts davon wachsen Kräuter und Gräser. Und seit ein paar Tagen ist es nicht mehr nur Grün, sondern auch noch Gelb. Alles ist übersät von kleinen gelben Blümchen... Und es ist ja nicht nur bei uns hinterm Haus so. Überall ist aus Grau Grün geworden. So wie wir es aus unserer mitteleuropäischen Heimat kennen, erobert sich das Grün jede freie Fläche. Unsere graubraunen Berge grünen, und als wir gestern nach La Gomera kamen, habe ich die Insel fast nicht wiedererkannt: so viel Grün! – Da geht einem das Herz auf! Und das alles nur, weil es mal ein bisschen geregnet hat.


So was Ähnliches hat unser Prophet vor Augen gehabt, als er die Worte gefunden hat, mit denen unser Predigttext beginnt: Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen in aller Lust und Freude …


Da, wo er zu Hause war, da war es ähnlich, oder vielleicht noch extremer als hier: Wüste und Einöde, die jahrelang auf Wasser warten musste, und dann einmal in vielen Jahren kam der Regen – nicht nur bis zur Küstenregion am Karmel, nicht nur bis zu den Bergen des Libanons, sondern bis weit hinein ins trockene Land, in die Wüste Juda, die Bergregion im Regenschatten, die hinter Jerusalem ins Jordantal abfällt. Und dann innerhalb von Tagen spross das Grün hervor und nach ein paar weiteren Tagen blühten gelbe und weiße und lila Blumen. Es war eine Pracht! Es machte die Herzen froh und frei. Es füllte den Menschen die Zisternen. Und sicherte den Herden das Überleben. Das Leben blühte auf.


Euer Leben soll aufblühen, sagt der Prophet, sagt Gott durch seinen Propheten. Wie die Einöde nach dem Regen, so soll euer Leben aufblühen.


Ja, ich weiß, nach ein paar Wochen wird die Pracht wieder vorbei sein, spätestens wenn der nächste Sommer seine heißen Wüstenwinde schickt – dort im Heiligen Land oder hier auf den Kanarischen Inseln. Dann wird es wieder grau und staubig werden hinterm Haus.


Aber so soll es nicht sein, sagt der Prophet, sagt Gott durch seinen Propheten. Das Leben soll nicht nur für ein paar Tage oder Wochen aufblühen, sondern für immer. Brunnquellen sollen entstehen, Teiche sollen da sein, Feuchtbiotope sollen sich entwickeln.


Die israelischen Juden von heute sind ziemlich stolz darauf, dass sie einiges von dieser Vision wahr gemacht haben. Sie haben Steppen und Einöden in fruchtbares Land verwandelt, dank ausgeklügelter Bewässerungstechnik.


Trotzdem, was dieses Bibelwort verheißt ist immer noch mehr. Es ist nicht nur die bessere Nutzung der knappen Wasserressourcen. Es ist das Ende jeglichen Wassermangels. Dafür braucht es so etwas wie eine Klimaänderung. Damit Wüsten zu blühendem Land werden. Damit das Leben nicht nur hier und da und für kurze Zeit aufblüht, sondern für immer und ewig.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht merkt ihr das, wenn ihr so den Predigten und Predigttexten folgt: Sie kommen immer wieder, diese prophetischen Visionen vom blühenden Leben. Wie Variationen über ein Thema. Weil es das große Thema der Bibel ist: Gottes Vision vom blühenden Leben.


Es beginnt mit einem Garten, dem Inbegriff des blühenden Lebens. Aber dann müssen sie hinaus aus dem Garten, die Menschen, müssen sich selber im Schweiße ihres Angesichts die Welt da und dort zum Garten machen, und es gelingt immer nur ein bisschen. Aber der Traum vom blühenden Leben ist nicht verloren gegangen. Ja, Gott selber nährt diesen Traum. Er sagt nicht: Findet euch ab mit der Welt, wie sie ist. Macht das Beste draus, aber wisst: Die meisten eurer Blütenträume werden nicht reifen. – Nein, Gott sagt: Träumt weiter. Denn es ist mein Traum. Meine Vision für euch. Euer Leben soll erblühen.


Und wie kommen wir da hin, zum blühenden Leben? – Wir bekommen hier eine doppelte Antwort.
Die erste Hälfte der Antwort heißt: Tut was dafür!


Darauf können sich die Juden in Israel, von denen ich sprach, gewiss berufen. Sie haben etwas dafür getan, Wüste in fruchtbares Land zu verwandeln. Und das auch im übertragenen Sinne.

Und wo wir auf schwaches, verdurstendes, müdes und sterbendes Leben treffen, da sind wir aufgefordert, dem etwas entgegenzusetzen: Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!«


Das ist unser Auftrag in dieser Welt, das wissen wir auch: Müde ermuntern, Schwache stärken, Verzagten Mut machen. – Ich höre in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und von ganz verschiedenen Seiten immer wieder die Frage: Wie können wir helfen? – Bei weitem nicht nur von Christen. Es ist geradezu eine Selbstverständlichkeit, dass wir Schwachen, Hilfsbedürftigen helfen wollen. – Dass das nicht immer so einfach ist, dass manche Hilfe schief geht, dass manche sich gar nicht helfen lassen wollen – alles geschenkt. – Aber es ist tief in uns drin: Das Bedürfnis zu helfen – damit verdorrendes Leben wieder blüht. Ich glaube, da ist etwas von der Botschaft der Bibel ganz tief in die Herzen der Menschen gedrungen, auch derer, die die Bibel gar nicht mehr kennen und Gott schon lange vergessen haben.


Aber wir wissen dabei auch: Was wir tun können, ist begrenzt und auf Zeit. Ja, wir können manchmal einem Menschen neuen Lebensmut geben, wir können jemandem zeigen, dass er geliebt ist und sein Leben einen Sinn hat, wir können Kranke, Alte und Behinderte liebevoll begleiten. Aber wir können das Leben nicht für immer am Blühen halten. Es ist wie mit den Blümchen, die wir jemandem mitbringen: Sie sind schnell verblüht. Wie mit dem Grün und dem Gelb hinter unserem Haus: Es wird nicht für immer dort sein. Der nächste Calima kommt bestimmt.


Darum setzt Gott noch eins drauf; und das ist die zweite Hälfte der Antwort. Gott verspricht, dass er selber zu Hilfe kommen wird. Und er verspricht, dass es nicht nur vorübergehende menschenmögliche Hilfe gibt, sondern die Hilfe, die nur er geben kann: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.


Wo wir einen Blinden nur führen können, damit er den Weg findet, da will Gott ihm die Augen öffnen, dass er selber loslaufen kann. Da wo wir dem Ertaubten mit Geduld und laut und deutlich ins Hörgerät sprechen, damit er ein bisschen versteht, da will Gott ihn wieder klar und deutlich hören lassen, auch die leisen Töne. Da wo wir einen Menschen stützen oder ihm den Rollstuhl schieben, da will Gott ihn wieder springen lassen wie ein junges Reh, nein, wie einen Hirsch. Und wo wir uns Mühe geben, den zu verstehen, der nicht richtig sprechen kann, da will Gott ihm klare Sätze und lauten Jubel auf Zunge und Lippen geben. – Wenn wir uns ansehen, wie wir hier sitzen mit unseren Schwächen und Behinderungen, dann sehen wir darin eben auch die Grenzen unserer Hilfsmöglichkeiten.

Gott verspricht mehr: Wir können helfen. Gott will erlösen.


Liebe Schwestern und Brüder, wir leben im Advent. Wir leben noch in der Zeit, wo wir zu warten haben. Zu warten auf die endgültige Erlösung. Auf das blühende Leben, das niemals verblüht. Wir werden weiter Advent feiern, bis er endlich und endgültig ankommt, unser Herr und Erlöser.
Und wir werden weiter tun, was wir tun können, damit Leben schon hier und jetzt und unter uns blüht: Wir stärken die müden Hände, wir stützen die wankenden Knie. Und wir sagen den verzagten Herzen das, was nur wir ihnen sagen können: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt!

Oder mit den Worten des Wochenspruchs aus dem Evangelium: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.