Dienstag, 25. Dezember 2012

Predigt am 25. Dezember 2012 (Christfest)

Überarbeitete Fassung einer Predigt von 2006


Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Vom Himmel hoch, da komm ich her, haben wir gestern Abend gesungen. Die Botschaft des Engels, wie uns der Evangelist Lukas sie überliefert und Martin Luther sie uns zum Lied gemacht hat. Der Wunderglanz der Weihnacht erstrahlt über dem Hirtenfeld von Bethlehem, und er macht die Herzen licht und hell: bei den Hirten selber, bei allen, die davon hören, bei Maria, die das alles in ihrem Herzen bewegt. Und es bewegt eben auch unsere Herzen. Am Weihnachtsabend wahrscheinlich noch mehr als heute Mittag, wo wir dieses Evangelium noch einmal gehört haben.


Mit dem Predigttext für den ersten Weihnachtsfeiertag sind wir nicht mehr bei Lukas, sondern beim Evangelisten Johannes. Er schreibt ganz anders als Lukas; er lässt die ganze Weihnachtsromantik mit Hirten und Engeln und Schafen und Stall weg. – Aber eines ist auch ihm ganz wichtig: das Vom Himmel hoch, da komm ich her. – Nur dass bei ihm nicht der Engel kommt, sondern Jesus selber. Er kommt von oben, von ganz oben, von Gott. – Und das genau ist ja die Botschaft von Weihnachten: Den die Engel ankündigen, den Maria ins Stroh legt, den die Hirten anbeten, der kommt vom Himmel hoch herab zu den Menschen – Gottes Sohn.


Hört die Worte aus dem Johannesevangelium, Kapitel 3:


Der von oben kommt, ist über allem. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an. Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist. Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß. Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Johannes 3, 31-36

Jesus kommt von oben. Er kommt von Gott zu den Menschen. Das ist das Entscheidende. Und darum ist Weihnachten kein frommes Märchen, kein Rührstück vom armen Kinde armer Leute, das dann doch was ganz Besonderes ist, sondern es ist die Geschichte Gottes, der vom Himmel auf die Erde kommt. – Kein Märchen, sondern die reine Wahrheit. – Wer’s glaubt wird selig! – Wirklich! – Wer Jesus glaubt, der glaubt Gott, und wer Gott glaubt, der hat das ewige Leben, er wird selig. Wer’s nicht glaubt, verpasst das ewige Leben. Weil er der Erde verhaftet bleibt, ist ihm der Himmel verschlossen. So steht’s geschrieben.


Vom Himmel hoch da komm ich her. – Mit dem Himmel ist das ja so eine Sache. Woher kommt eigentlich der, der sagt: Vom Himmel hoch, da komm ich her?


Der Himmel ist uns in die Ferne gerückt. Wo die Menschen früher den Himmel vermuteten, da sind nur Wolken, Luft und Winde und Flugzeuge. War früher der siebte Himmel der Inbegriff der Seligkeit, so lassen uns heute auch 37.000 Fuß – das sind gut 11 km über der Erde, eine normale Reiseflughöhe, wenn wir nach Teneriffa fliegen – kalt: 50 Grad Minus und kein Engel weit und breit. Einer der ersten sowjetischen Kosmonauten, kam von seinem Flug zurück – mehr als 10-mal so hoch – und bezeugte, dass er Gott dort nicht gesehen habe – welch eine Enttäuschung! Wenige Jahre danach hat ein amerikanischer Astronaut auf dem Mond, rund 380.000 km »über« der Erde ein Gebet gesprochen, obwohl er Gott auch dort nicht gesehen hat. Heute lauschen Radioteleskope in »Himmels«-Regionen, die Lichtjahrmilliarden von der Erde entfernt sind – oder soll man lieber sagen: waren? – Sie lauschen auf das Hintergrundrauschen vom Rande des Universums, der zugleich der Anfang des Universums ist. Ob das, was sie da hören, die Stimme Gottes ist? – Der Himmel ist uns immer weiter weggerückt. Wir haben nach ihm gegriffen, und er ist uns immer wieder aus den Händen geglitten.


Egal, wie hoch wir uns über die Erde schwingen, egal, wohin wir uns innerhalb unserer Welt, unseres Universums bewegen, den Ort, wo Gott wohnt, woher die Engel herniedersteigen, woher Christus auf die Erde kommt, den finden wir so nicht. Denn: Der von oben her kommt, ist über allem. Und je größer uns das Alles, das All, wird, um so ferner rückt uns der, der über allem steht. Der Himmel, Gottes Himmel ist kein Teil dieser Welt. Er ist über allem, der Himmel über allen Himmeln.


Vielleicht brauchen wir heute neue Ausdrucksmöglichkeiten für Gottes Wirklichkeit. Vielleicht sprechen wir lieber von anderen Dimensionen, weil wir gelernt haben, dass wir den Himmel in unserer dreidimensionalen Welt mit Links und Rechts, Vorn und Hinten, Oben und Unten nicht finden.


Schon die Bibel spricht von Gott in einer vierten Dimension, das ist die Dimension der Zeit: Gottes Reich ist nicht oben, sondern in der Zukunft. Dann kommt Christus uns aus der Zukunft entgegen. Die Science Fiction hat uns auch diese Dimension entzaubert. Zeitreisen gehören zum festen Inventar des Genres. Da kann einem schon mal sein Urenkel aus der Zukunft begegnen. Und am meisten freut uns, wenn er in die Vergangenheit reist und dort zu unserem Großvater wird. Da beißen sich dann Ursache und Wirkung in den Schwanz, und wir merken, wie beschränkt unsere herkömmlichen Kategorien sind. Die Logik hat ein Problem, wenn wir uns auf der Zeitachse hin- und herbewegen können. Ich glaube, Gott hätte damit kein Problem.

Warum dann also nicht sagen: Gott kommt aus einer anderen Wirklichkeitsdimension zu uns? Wir können ihn in unserem dreidimensionalen Raum einfach nicht erfassen. – Das stimmt. Wenn aber die Physik heute keine Probleme hat in zehndimensionalen Räumen zu rechnen, dann müssen wir vielleicht enttäuscht feststellen, dass auch sie damit nicht etwa Gott berechnet, sondern Dimensionen unserer Wirklichkeit, die wir zwar mit unseren Sinnen und mit unserer Vorstellungskraft nicht erreichen können, die aber trotzdem nichts anderes beschreiben als unsere Welt, nicht Gott. Gott lässt sich auch nicht mit höherer Mathematik berechnen. Es bleibt dabei: Gott ist über allem. Und so ist auch das letztlich nur symbolisches Reden, wenn wir sagen: Gott kommt aus einer anderen Dimension.

Was hat das alles mit Weihnachten zu tun? – Sehr viel. Denn je unerreichbarer die Wirklichkeit Gottes von uns aus gesehen ist, um so größer und erstaunlicher ist das Wunder, dass dieser Gott sich so klein macht, dass er vom Himmel auf die Erde kommt, dass er aus der unerreichbaren und unberechenbaren Dimension der Ewigkeit in unsere kleine Welt kommt, sich den engen Gesetzen von Raum und Zeit unterwirft, um ... – ja warum eigentlich? – Weil er mit uns zu tun haben möchte; aber wir, auch wenn wir nach den Sternen greifen, den Himmel nicht erreichen können. Wir reden immer nur von der Erde. Manchmal auch von der ganzen Welt, vom Universum, davon verstehen wir eine ganze Menge – obwohl, die, die hier viel wissen, wissen, dass sie fast nichts wissen. Aber wenn wir vom Himmel reden wollen, von Gott, von der Ewigkeit, dann muss es uns eigentlich die Sprache verschlagen. Wir können genau genommen nur sagen, was Gott nicht ist und wo Gott nicht ist.


Manchmal meinen wir zu wissen, wo Gott sein müsste und was er tun müsste. Und wenn das nicht geschieht, dann fangen wir an, seine Existenz in Frage zu stellen. Ob das den ewig-unendlichen Gott berührt?


Doch, ja, es berührt ihn. Denn das ist das Wunder der Weihnacht, dass Gott sich von uns anrühren lässt und uns, die wir unsere Fragen scheinbar ins Leere stellen, oder die wir es aufgegeben haben, nach Gott zu fragen, dass er uns antwortet, so wie wir es sehen und verstehen können: irdisch, menschlich, dreidimensional. Gott von Mensch zu Mensch: Jesus Christus. Der, der Mensch unter Menschen ist, der, der allzu menschlich, allzu irdisch in einer allzu harten Wirklichkeit aufschlägt, als Kind in einem Viehstall – ja, da sind wir wieder bei der guten alten Weihnachtsgeschichte nach Lukas – der ist zugleich Gott, vom Himmel hoch, außerhalb aller irdischen Möglichkeiten.

Nichts anderes bedeutet auch das: Geboren von der Jungfrau Maria. Wir Menschen können Kinder zeugen. Aber keinen Gott. Das liegt völlig außerhalb menschlicher Möglichkeiten. Und weil durch Maria nun doch Gott zur Welt kommt, darum nennen die Christen sie – vor allem orthodoxe Christen sagen das so: Gottesgebärerin. Maria bringt Gott zur Welt. Eine Unmöglichkeit. Viel unmöglicher als eine Jungfrauengeburt (und damit tun wir uns schon schwer). Vom Himmel hoch, da kommt er her – dieser Jesus in der Krippe – Wahr Mensch und wahrer Gott, oder, wie wir vorhin gesungen haben: Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß; er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein.

Wer nur irdisch-menschlich-dreidimensional herangeht, der sieht in der Weihnachtsgeschichte eben nur ein frommes Märchen oder ein sozialromantisches Rührstück vom Kind armer Leuter. Wer nur danach geht, was auf der Erde üblich ist, der sieht auch in dem erwachsenen Jesus nur einen religiösen Fantasten. Den wundert es nicht, dass seine Geschichte schief geht und er am Kreuz endet. Und der hält dann auch die Auferstehung für Spinnerei. „Wer’s glaubt, wird selig“, sagt er, und weiß gar nicht, was er da sagt.

Nein, von uns aus gesehen ist das alles ganz und gar unglaublich. Und so ist auch unser Glaube, der Glaube an Jesus nicht mit Argumenten menschlicher Erfahrung und Vernunft zu begründen. Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten – so heißt es in Luthers Erklärung des Glaubensbekenntnisses.


Nein, wir können nicht kraft unserer eigenen menschlichen Möglichkeiten zu Gott kommen. Darum kommt Gott zu uns. Und er öffnet uns die Tür zum Himmel, zu seiner Wirklichkeit, die über allem ist. Jesus sagt selber von sich: Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, der wird selig werden (Jh 10,9). – Der von oben gekommen ist, Jesus, hat uns die Tür zum Himmel, zur neuen Dimension des Lebens, zu Gott dem Vater aufgeschlossen. Und – unglaublich – wir gehen da hinein, wie die Hirten in den Stall, und staunen, weil wir etwas davon ahnen, wer und was und wie Gott ist.

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!


Hörfassung