Montag, 31. Dezember 2012

Predigt am 31. Dezember 2012 (Altjahrsabend)

Jesus sprach zu den Juden, die an ihn glaubten: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Da antworteten sie ihm: „Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: ‚Ihr sollt frei werden‘?“ Jesus antwortete ihnen und sprach: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“
Johannes 8, 31-36


Liebe Schwestern und Brüder,

morgen beginnt ein neues Jahr. Und was wird damit anders für euch? – Nehmt ihr euch etwas Besonderes vor fürs neue Jahr? Wollt ihr etwas anders machen im Neuen Jahr? Am besten genau ab morgen? Es soll sie ja immer noch geben, diejenigen, die am 1. Januar das Rauchen aufgeben – vielleicht schon seit Jahren. Oder die keinen Alkohol mehr trinken wollen. Dieser Vorsatz fällt an einem verkaterten Neujahrsmorgen sicherlich nicht so schwer, aber was ist bei der nächsten Party in ein paar Tagen? Oder die Essgewohnheiten ändern. Was auch immer.

Es wäre auf jeden Fall ein Zeichen von Freiheit, so wie das Jahr neu anfängt, auch selber etwas neu anzufangen , einen neuen Lebensabschnitt – irgendwie …

Ach, ich weiß schon, die allermeisten werden das nicht tun – ich auch nicht. Wir werden morgen genau so weitermachen, wie wir heute aufgehört haben … Und was fängt mit einem neuen Jahr schon wirklich neu an!

Aber es muss ja auch nicht am Neujahrstag sein. Kann man nicht jederzeit etwas Neues beginnen? Haben wir nicht die Freiheit dazu?

Freiheit ist die Fähigkeit, von sich aus etwas Neues anzufangen; das ist eine ganz gute philosophische Definition. Ich kann Entscheidungen für mich treffen, die etwas verändern, die mich und die Welt verändern. Ich tue etwas, was ich noch nie getan habe – das ist Freiheit. Nur der Mensch kann das. Tiere folgen ihren unmittelbaren Instinkten und Bedürfnissen oder dem, was wir Menschen ihnen andressiert haben. Ihr Verhalten ist viel leichter vorhersehbar als das von Menschen.

Oder etwa nicht? – Nein, wir kennen das ja: Auch Menschen sind manchmal fürchterlich berechenbar. Wir verhalten uns – nicht anders als die Tiere – in bestimmten Situationen immer so, wie es uns unsere Gene, unsere Erziehung und unsere Erfahrung beigebracht haben. Und je besser wir einen Menschen kennen, um so genauer wissen wir schon im voraus, wie er sich in einer bestimmten Situation wohl verhalten wird. Und so wissen wir eben auch aus Erfahrung, dass sich mit dem Neujahrstag wenig bis nichts ändern wird, und schon gar nicht unsere lieben Mitmenschen.

Wie weit ist es also her mit unserer Fähigkeit, von uns aus etwas Neues zu beginnen? Wie weit ist es her mit unserer Freiheit?

Vielleicht habt ihr ja von jenem Experiment gehört, nach dem man im Gehirn schon den Impuls zu einer Handlung, zu einer bestimmten Bewegung gemessen hat, bevor derjenige überhaupt wusste, dass er genau diese Bewegung machen wollte. Spielt also das Gehirn im Hintergrund sein eigenes Spiel, und unser Bewusstsein bildet sich dann nur im Nachhinein ein, selber eine Entscheidung getroffen zu haben?

Wie frei sind wir wirklich? Können wir wirklich von uns aus etwas Neues beginnen? Und – man kann ja weiter gehen – können wir uns selber ändern, so dass wir bessere Menschen werden? – Leute also, die das tun, was richtig und gut ist, damit das Leben gelingt – und zwar so, dass es nicht auf Kosten anderer geht. Oder mit anderen, frommen Worten: Leute, die so leben, wie es Gott gefällt?

Aber: Wenn Freiheit nur eine Illusion wäre, wenn nicht wir selber entscheiden würden, sondern nur die Verhältnisse oder die Gene, dann gäbe es auch keine persönliche Verantwortung mehr. Es sind dann eben die Verhältnisse, die einen Menschen zum Delinquenten – zum Mörder oder Kinderschänder, zum Dieb oder zum Sozialschmarotzer gemacht haben. Da kann man nichts machen, da kann man auch nicht bestrafen … Man hat gelegentlich den Eindruck, dass das heute immer mehr so gesehen wird.

Aber was wären die Folgen? Wer nicht frei ist, wer sowieso nur machen kann, was über ihn vorherbestimmt ist, der übernimmt dann eben auch keine Verantwortung mehr für sich und für andere. Der glaubt nicht mehr, dass sich etwas ändern lässt – im Großen oder im Kleinen … – Wir brauchen die Freiheit. Wir müssen an sie glauben.

Die Bibel erzählt die Geschichte der menschlichen Freiheit.

Der Mensch ist geschaffen, mit der Gabe der Freiheit. Er kann selber entscheiden. Und ist genau mit dieser seiner Freiheit überfordert. Er tut das Falsche. Das, was nicht nützt, sondern schadet; das, was Gott nicht gefällt. Und so ist es geblieben. Wir Menschen tun immer wieder das Falsche, und oft genau so wie die ersten Menschen: obwohl wir genau wissen, dass es falsch ist.

Wir brauchen die Freiheit, aber wir sind mit ihr überfordert. Und am Ende laufen wir in die Falle, wo wir nicht mehr frei sind, sondern nur noch Sklaven der Verhältnisse, der Erziehung und der Gene.

Der Ausdruck Erbsünde ist gar nicht so unpassend. Wir sind Erben der Menschen, die vor uns gewesen sind und die mit uns leben. Und wir geben Gene, Lebensformen und Erziehung weiter. Und dort, wo wir bei unseren Lebensformen Neues ausprobieren und bei der Erziehung neue Wege gehen, ist es häufig auch nicht besser als das Alte.

Wir gestehen uns das nur ungern ein. Wie die „Juden“ in unserem Abschnitt: Wir sind Abrahams Kinder und nie jemandes Knecht gewesen, sagen sie in kurioser Verkennung der Tatsachen. Denn Abrahams Kinder leben schon seit Jahrhunderten unter fremder Herrschaft, zur Zeit sind es die Römer.

Die Bibel erzählt uns die Geschichte der menschlichen Freiheit, die zugleich die Geschichte des Scheiterns menschlicher Freiheit ist. Gott schenkt ihnen Freiheit, und sie kommen nicht damit zurecht. Die Israeliten, die aus Ägypten aufbrechen, und dann doch lieber wieder zurückwollen in die Sklaverei, der sie doch gerade erst entronnen sind. Die Geschichte vom Dienst an falschen Göttern, vor denen man sich fürchtet, weil die Menschen Sicherheit wollen statt Freiheit: Der Wüstengott Jahwe, der die Israeliten befreit hat, kann er auch die Fruchtbarkeit des gelobten Landes sichern? Oder sollte man dazu nicht die Götter dieses Landes anbeten?

Abrahams Kinder haben sich eine Unzahl von Gesetzen und Gesetzesauslegungen gegeben, um ja auf Nummer sicher zu gehen, um ja nichts falsch zu machen. Da bleibt nicht mehr viel Raum zur Freiheit. Die Traditionen, Bräuche und Regeln lassen wenig Raum, um etwas Neues anzufangen.

So war es damals, zu biblischen Zeiten. Mit ein bisschen Fantasie könnt ihr das auch auf heute übertragen. – Wo sind wir wirklich frei? Wir beziehen unsere Sicherheit aus Regeln, Ordnungen und Gesetzen, vor allem den Gesetzen des Man: „Das macht man so“ und „Das macht man nicht“ sind mächtige Gesetze über uns. Und das stärkste Argument gegen etwas Neues – ich habe es bisher in allen meinen Gemeinden gehört – heißt: „Das war schon immer so.“

Wenn wir’s uns recht überlegen: Es bleibt nicht viel von unserer hochgelobten menschlichen Freiheit übrig. Wir kommen nicht heraus aus unserer Haut. Wir haben nur begrenzt die Kraft, etwas Neues zu tun, gar uns selbst neu zu entwerfen.

Weil das so ist – und hier geht die biblische Geschichte der Freiheit weiter – hat Gott sich entschieden, etwas ganz Neues zu beginnen. Er kann es, denn er ist frei.

Und das ist Weihnachten. Er fängt neu an, als Mensch. Gott wird Mensch. Und Jesus Christus ist der neue Mensch, der freie Mensch. Er ist in unglaublicher Weise frei gegenüber allen herkömmlichen Regeln und Konventionen. Statt zu sagen: „Das war schon immer so; haltet euch daran, weicht kein bisschen davon ab“, sagt er: „Den Alten ist es so und so gesagt worden, ich aber sage euch ...“ Er verweigert sich der Lebensform der Familie – eigentlich undenkbar für einen jüdischen Mann. Er verweigert sich der Anpassung an die herrschenden Verhältnisse, und er trägt die Konsequenzen. – Ja, dafür muss er mit dem Leben bezahlen. Aber das ist letztlich der Ausdruck höchster Freiheit: Er beugt sich nicht den menschlichen Autoritäten, die ihn mundtot machen wollen oder ihn für ihre Zwecke instrumentalisieren. Um ihn zum Schweigen zu bringen, müssen sie ihn schon töten. – Er beugt sich allein der Autorität Gottes. In der engsten Bindung an Gott ist er ganz frei.

Und genau das war Gottes Plan für uns Menschen: dass wir in der engsten Bindung an ihn frei sind. Und das ist Gottes Plan für uns, und mit Jesus Christus wird er wahr.

Mit Jesus Christus an unserer Seite, mit Jesus Christus in unserem Herzen sollen wir frei sein. Als freie Menschen leben. In der Bindung allein an Gott. Gott fängt neu an. Gott fängt neu mit uns an. Und wir können neu mit ihm anfangen.

Wir müssen mit dem Neujahrstag nicht unbedingt etwas Neues anfangen. Aber Gott soll im neuen Jahr etwas mit uns anfangen können.