Donnerstag, 20. Dezember 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Donnerstag, dem 20. Dezember 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

gestern habe ich das Weihnachtslied Ihr Kinderlein kommet als ökumenisches Weihnachtslied gerühmt, das von einem Katholiken gedichtet, auch im evangelischen Liedgut heimisch geworden ist. So, oder umgekehrt, ist es mit vielen Weihnachtsliedern. Manchmal haben sie eine richtig spannende evangelisch-katholische Geschichte.


Ein sehr altes Weihnachtslied hat bis heute eine katholische und eine evangelische Fassung bewahrt. Ich meine das Lied Es ist ein Ros entsprungen.


So beliebt das Lied bis heute ist, es hat doch einen sehr bildhaften Text mit biblischem Hintergrund, der sich nicht so leicht erschließt.


Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart. – Da kommt das Bild eines Rosenstocks auf, der eine neue Blüte treibt. Aber wer die Bibel kennt, der weiß, dass es sich bei dem Ros eigentlich um ein Reis handelt. Da wurde ein Baum gefällt und aus dem Wurzelstock treibt ein neuer Zweig hervor. Beim Propheten Jesaja heißt es: Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais, das ist der Vater von König David. In der alten Fassung der deutschen Bibel hieß Isai noch Jesse – deshalb auch: von Jesse kam die Art. Und weiter im Bild bringt dieses Reis, dieses Zweiglein ein Blümlein hervor – mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht – das Weihnachtswunder!


In der zweiten Strophe wird dann das Bild aufgelöst: Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, ist Maria die reine, die uns das Blümlein bracht. Aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren, und blieb ein reine Magd.


Dieses ursprüngliche Textfassung war nun nichts für evangelische Ohren. Zu viel Maria, und dass sie bei der Kindsgeburt ein reine Magd, also immer noch Jungfrau geblieben sein soll, erschien denn doch zu abwegig. Aber das Lied war doch so schön! Michael Praetorius dichtete für seinen bis heute beliebten und unübertroffenen Chorsatz die Strophe kurzerhand um: … hat uns gebracht alleine Marie die reine Magd. Da war Maria nicht ganz aus dem Spiel, aber das stimmige Bild war zerstört, denn jetzt war sie nicht mehr das Reis, sondern Röslein und Blümlein (so in der späteren dritten Strophe, wo es wirklich um Jesus geht) standen jetzt gemeinsam für das Kind.


Das Evangelische Gesangbuch hat schließlich in seiner neuesten Fassung diesen Widerspruch geglättet, indem es aus dem Röslein in der zweiten Strophe auch noch ein Blümlein gemacht hat.


Eine Geschichte ökumenischer Verwirrung also. Und dabei geht es doch so und so um dasselbe Wunder: dass lang ersehnt – wie uns die Alten sungen – und wunderbar – wie eine Blume im Winter – Gottes Kind geboren wird.