Montag, 17. Dezember 2012

Predigt am 16. Dezember 2012 (3. Sonntag im Advent)

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige! und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinem Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
Jesaja 40, 1-11


Liebe Schwestern und Brüder,

27 Tote, davon 20 Kinder – das ist der letzte Stand vom Schulmassaker von  Newtown, Connecticut. Wieder einmal stehen wir fassungslos vor der Tat eines Wahnsinnigen, ahnen es ansatzweise, was das heißen könnte für Eltern, Geschwister, Verwandte, Nachbarn: Kinder von einem Moment auf den anderen tot zu wissen. Kinder für die sie eben noch Weihnachten vorbereitet haben. Kinder, jedes anders, jedes eine besondere Person, die gerade erst dabei war, das Leben zu entdecken. Und dann eben nicht nur ein Kind, sondern fast eine ganze Schulklasse. Ein ganzes Land, ja die halbe Welt ist da fassungslos.

Tröstet, tröstet, mein Volk! – Ja, das brauchen sie, diese Menschen in Connecticut. Und das braucht diese Welt, die immer und immer wieder fassungslos vor entsetzlichen Nachrichten steht. Und das brauchen die, deren Schicksal es nicht in die Nachrichten schafft, weil es der sicher eben so sinnlose aber eben nur einzelne Tod eines Kindes ist, da auf der Straße oder dort auf der Intensivstation. Oder weil es der Tod ist, an den wir uns schon gewöhnt haben, in Syrien oder wo auch immer, der tagtäglich seine Opfer fordert.

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. – Das ist sein Auftrag. – Schwer genug, wenn es uns die Worte verschlägt, wenn uns die Betroffenheitsphrasen nerven und Nichts-Sagen auch verkehrt ist.

Und doch sagt Gott: Rede! Predige! – Ja, was soll ich denn sagen? Was soll ich denn predigen, wenn es einem die Worte verschlägt? – Es ist sinnlos. Alles ist vergänglich wie Gras, das verdorrt, wie Blumen die verwelken. – Letzte Woche habe ich vom blühenden Leben gesprochen. Der Realist in uns sollte vom ver-blühenden Leben sprechen. Der Tod ist näher, als man wahrhaben will. Und das Böse ist auf schockierende Weise real.

Ich finde es immer wieder verrückt, wie manche standhaft an das Gute im Menschen glauben, wenn sich doch scheinbar ganz normale Zeitgenossen als brutale Killer entpuppen. – Übrigens, vielleicht ist es untergegangen: Gestern hat auch mitten in Deutschland ein junger Mann geschossen, seine beiden Eltern getötet und seinen Bruder schwer verletzt, in Quedlinburg. Geschossen! – Nicht vergessen, wenn allzu schnell wieder auf die schießwütigen und waffennärrischen Amis geschimpft wird! – Ach ja, und eine beinahe funktionsfähige Bombe in Bonn war da auch noch diese Woche.

Ja, ich ich finde es immer wieder sonderbar, wie manche Christen betonen, an Gott zu glauben, aber den Teufel nicht für real zu halten. – Hallo! Hast du nicht manchmal, vielleicht wenigstens an solchen Tagen wie vorgestern das Gefühl, dass es in dieser Welt verdammt oft mit dem Teufel zugeht? – Ich schon.

Und trotzdem, das ist es ja nicht, was ich predigen soll. Den Gefallen werde ich dem Teufel nicht tun, dass ich wie gebannt auf die Macht des Bösen starre und wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange stillhalte, bis es mich verschlingt.

Was soll ich predigen? – Jedenfalls nicht die Macht des Bösen und den Sieg des Todes über das Leben. – Also realistisches Klappehalten? Wie soll man denn noch an Gott glauben in dieser kaputten Welt?

Alles Fleisch ist Gras. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt. – Findet euch mit ab! Macht das Beste draus!

Nein! Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. – Er meldet sich zu Wort. Eine Stimme in der Wüste. Die muss erst mal einer hören.

Vielleicht hören wir sie besonders gut, wenn wir selber in der Wüste sind. Da, wo uns die geistlichen Nahrungsvorräte ausgehen. Da, wo uns die Worte und Erklärungen ausgehen. Da, wo uns der Trost teuer wird. Wo wir nach gutem Zuspruch lechzen.

Nach über einem Jahr hatte ich die Tage Chat-Kontakt mit einer Bekannten in Deutschland – rein zufällig, aber was sind schon Zufälle! –: Wie geht’s dir so? – Geht schon. – Klingt nicht überzeugend – Naja, psychische Probleme hat sie und ist schon lange krank. Und dann: Meinst du, dass der Glaube an Gott mir helfen könnte? Bin ein ganzes Stück vom Glauben abgekommen … – Ja, klar mein ich das. – Vielleicht hört sie die Stimme Gottes wieder … in der Wüste. Ich bete für sie.

Die Stimme in der Wüste, sie will gehört werden, sie ruft nach Verstärkung: Tröstet! Redet! Predigt! – Gerade weil es uns doch so leicht die Worte verschlägt.

Was soll ich predigen? – Das, was sonst nicht gesagt wird: Gottes ewiges Wort.

Dass Sünde, Tod und Teufel ein Ende haben. – Ja, es gibt sie, und es sind die größten Feinde des Menschen: Sünde, Tod und Teufel. Sie reißen an manchen Tagen ihr Maul verdammt weit auf. – Aber ich soll euch sagen: Das geht vorbei! Sie werden für immer verstummen vor Gottes ewigem Wort.

Ich soll predigen, dass Gott kommt, dass er schon da ist, hier bei uns Menschen. Um dem Verderben ein Ende zu machen. Siehe, der HERR kommt gewaltig!

Im Moment sind die Zeichen seines Kommens nur die Krippe und das Kreuz. Das sieht nicht sehr gewaltig aus. Denn seine Gewalt ist nicht die Gewalt dieser Welt. Es ist die Gewalt dessen, der in kindlicher Unschuld die Sünde der Welt erträgt und wegträgt. Und es ist die Gewalt dessen, der in seinem Sterben den Tod besiegt. Ein drittes Zeichen ist das leere Grab, das Zeichen dessen, der hinabsteigt zur Hölle, um dem Teufel seine Beute zu entreißen. – Aber ich gebe es zu, es sind nur Zeichen, Glaubenszeichen, man muss ihnen nicht glauben – aber man kann es. Dann ist seine Gewalt auch die Gewalt über eure Herzen. Dann herrscht in euch das Leben und nicht der Tod!

Ja, das soll ich predigen: Ebnet ihm die Bahn! Räumt die Hindernisse zur Seite, dass er zu euch kommen kann! Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch! Dass der König der Ehre einziehe! Gott will bei euch einziehen, er will die Gewalt über eure Herzen haben. Die Hoheit über euer Denken, euer Fühlen, euer Tun.

Und ich soll euch predigen: Fürchtet euch nicht! – Das sagt Gott immer und immer wieder. Ja, wir leben in einer Welt, wir leben in einer Zeit, die uns das Fürchten lehren kann. – Gott will uns die Hoffnung lehren: Fürchtet euch nicht! – Denn er kommt. Und wo er ist, da braucht ihr nichts und niemanden mehr zu fürchten. Da ist dem Verderben ein Ende gesetzt.

Tröstet, tröstet mein Volk! – Das vor allem soll ich predigen.

Aber ist das wirklich Trost, wenn ich sage: Gott kommt und macht alles gut? Wenn du nur Gott in deinem Herzen herrschen lässt, dann ist alles Böse schon besiegt; fürchte dich nicht? Trägt dieser Trost, wenn wir fassungslos vor dem absolut sinnlosen und absolut bösen Mord an 20 Kindern stehen? Vor allem, trägt er die, die ihn am allernötigsten haben?

Wenn ihr mich fragt – ich weiß es nicht. – Ich sehe Menschen, die schweigen, die einander festhalten, und ich sehe ganz viele, die den Halt bei Gott suchen – die beten. Und – ich weiß es nicht – aber ich glaube, wenn uns etwas wirklich trösten kann, dann ist es dieser Herr und Gott mit seiner Zusage, dass die Macht des Bösen nicht unendlich ist.

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. – Ich kann nicht trösten, es sei denn mit dem Trost, den Gott uns verspricht. Den soll ich, den will ich predigen.


»Tröstet, tröstet«, spricht der Herr, »mein Volk, daß es nicht zage mehr.« Der Sünde Last, des Todes Fronnimmt von euch Christus, Gottes Sohn.
Freundlich, freundlich rede du und sprich dem müden Volke zu: »Die Qual ist um, der Knecht ist frei, all Missetat vergeben sei.«
Ebnet, ebnet Gott die Bahn,bei Tal und Hügel fanget an. Die Stimme ruft. »Tut Buße gleich,denn nah ist euch das Himmelreich.«
Sehet, sehet, alle Welt die Herrlichkeit des Herrn erhellt. Die Zeit ist hier, es schlägt die Stund,geredet hat es Gottes Mund.
Alles, alles Fleisch ist Gras,die Blüte sein wird bleich und blaß. Das Gras verdorrt, das Fleisch verblich, doch Gottes Wort bleibt ewiglich.
Hebe deine Stimme, sprich mit Macht, daß niemand fürchte sich. Es kommt der Herr, eu’r Gott ist da und herrscht gewaltig fern und nah.
Waldemar Rode (1938), EG 15

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