Sonntag, 29. April 2012

Predigt am 29. April 2012 (Jubilate)

Wir werden nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
2. Korinther 4, 16-18





Liebe Schwestern und Brüder,

Ich glaube nur, was ich sehe. Ich glaube, dass bei La Gomera die rote Sonne im Meer versinkt. Ich glaube, dass die Erde eine Scheibe ist und dass da hinten irgendwo das Meer aufhört und mit dem Himmel zusammenstößt. Ich glaube, dass sich Sonne, Mond und Sterne um die Erde drehen, jeden Tag einmal. Ich glaube, dass mein Zug losfährt – bis ich merke, dass es doch der andere ist am gegenüberliegenden Bahnsteig. Ich glaube, was ich im Fernsehen sehe. Nur, was ich morgens im Spiegel sehe, das glaube ich nicht.

Ich glaube nur, was ich sehe. – Das ist das Bekenntnis des Vulgäratheismus. Ich hab's gerade erst wieder irgendwo gelesen. Du kannst dir im Internet inzwischen einen beliebigen Artikel zu einem religiösen Thema suchen; du wirst immer mindestens einen Kommentar darunter finden in dem Sinne, dass religiöse Menschen bekloppt sind, weil sie an etwas glauben, das man nicht sehen kann – oder, wenn's ein bisschen anspruchsvoller sein darf, das man nicht beweisen kann.

Aber hast du dir mal überlegt: Wenn die Menschen immer nur das geglaubt hätten, was man sehen kann, dann wäre niemals jemand losgefahren, um zu sehen, ob da auf der anderen Seite des Wassers vielleicht doch noch was ist, oder ob man vielleicht doch von der anderen Seite wieder zu Hause ankommt? Es gäbe kein elektrisches Licht und auch keine anderen elektrischen Geräte, denn Strom kann man ja nicht sehen, dürfte es also gar nicht geben. Radio, Mobiltelefon, und selbst das Fernsehen, dem wir doch so gerne glauben, das gäbe es nicht, weil es ja auch keine unsichtbaren elektromagnetischen Wellen gibt. Wir wüssten kaum etwas über den menschlichen Körper und seine Krankheiten, denn man kann ja nicht hineinsehen. Bakterien oder gar Viren? – Ein Gerücht, denn man kann sie nicht sehen. Usw. usf.

Ihr merkt schon: Dieselben Leute, die nur glauben wollen, was sie sehen, glauben doch an viel mehr, als sie sehen. Denn oft liegt ihnen gerade das naturwissenschaftliche Denken. Und das Verrückte daran ist: Das hat genau damit begonnen, dass Menschen nicht an das geglaubt haben, was sie sehen: Die Sonne versinkt im Meer? – Glaube ich nicht, hat jemand gesagt. Die Erde ist eine Scheibe? – Aber wieso komme ich nie am Rand der Scheibe an?, hat sich jemand gefragt. Könnte die Erde vielleicht auch eine Kugel sein? – Die Gestirne kreisen um die Erde. Aber warum machen manche das nicht gleichmäßig? – Wagen können nur fahren, wenn sie gezogen oder geschoben werden. Noch nie hatte jemand einen selbst fahrenden Wagen, ein Automobil gesehen, bis jemand die Idee hatte und sie umgesetzt hat. Wie verrückt muss das am Anfang gewirkt haben: Eine Kutsche ohne Pferde! Entsprechend sahen die ersten Autos ja auch noch aus.

Ich glaube, was ich nicht sehe. Vielleicht wird es einmal zu sehen sein. Vielleicht wird das Unsichtbare sichtbar, das Unmögliche möglich. Das ist die Haltung der Forscher, der Pioniere, die die Menschheit vorangebracht haben. Wir nennen solche Menschen, die etwas zu sehen vermögen, was es noch gar nicht gibt, auch Visionäre. Sie sehen das Unsichtbare.

Trotzdem: Es fällt uns Menschen für gewöhnlich schwer, zu glauben, was wir nicht sehen. Das hängt damit zusammen, dass wir Augentiere sind. Das Sehen ist für uns der wichtigste der Sinne. Personen, Gegenstände, Orte stellen wir uns zuerst und vor allem sichtbar vor: Wie sieht etwas aus? Welche Farbe, welche Form, welches Gesicht, welche Haltung? – Danach orientieren wir uns zuerst. Wenn ich jemanden beschreiben soll, dann sage ich bestimmt zuerst: die große Frau mit den blonden Haaren, und nicht: die, die immer dieses besondere Parfüm nimmt, oder: die mit der schönen warmen Stimme. Wir orientieren uns am Sichtbaren.

Aber das hat eben auch Nachteile: Was wir sehen, ist für gewöhnlich nur die Oberfläche der Dinge oder auch die Oberfläche der Menschen. Es ist der Augenschein, das Äußere.

Wonach orientieren sich Menschen bei der Partnerwahl? Es ist nachgewiesen: Entgegen allen anderslautenden Beteuerungen spielt das Äußere dabei eine ganz wichtige Rolle.

Und entsprechend achten wir auch bei uns selber auf die Äußerlichkeiten: Wie sehe ich aus? Wie steht es um meine Figur? Was ziehe ich an? Was steht mir? Wie schminke ich mich? Usw. usf.

Manchmal denke ich: Wenn doch all die schönen Frauen genau so viel Zeit auf die Pflege ihres Charakters, ihrer inneren Werte legen würden, wie auf die Pflege ihres Äußeren!

Und manchmal denke ich: Wenn dieser oder jener doch mehr auf die inneren Werte sehen könnte, als auf die Äußerlichkeiten, ihm würde manche Enttäuschung erspart bleiben!

Wenn du nur glaubst, was du siehst, dann ist Liebe eben auch nur Sex.

Zu glauben, was wir nicht sehen, zu sehen, was noch nicht da ist, das unsichtbare Innere wichtiger zu nehmen, als das sichtbare Äußere – das ist die Wahrnehmungsweise des Glaubens. Es ist eine andere Lebenshaltung als die, die wir gewöhnlich haben. Damit bleiben wir nicht an der Oberfläche, sondern gehen in die Tiefe.

Unser äußerer Mensch verfällt. – Wir können noch so viel Zeit und Geld in unser gepflegtes Äußeres investieren. Wir können eine noch so gesunde Lebensweise pflegen, indem wir uns einreden, dass es unserem Körper gut tut, wenn wir ihn quälen. Wir können noch so tapfer leugnen, dass das Gegenüber, das uns morgens aus dem Spiegel anschaut, wir selber sind. – Wir kommen trotzdem nicht daran vorbei, dass unsere Jugendfrische nachlässt, unsere Kräfte weniger werden und unsere Gesundheit labiler ist als früher.

Nur wenn das alles ist, was wir haben – Jugend, Schönheit, Gesundheit –, dann sind wir wirklich arm dran. – Wenn das die wichtigsten Werte im Leben sind, dann zeigt das im wahrsten Sinne des Wortes, wie oberflächlich wir geworden sind. Das alles ist eben nur der äußere Mensch. Und der verfällt.

Eine ganze Weile kann man versuchen, das nicht zu glauben, es oberflächlich zu kaschieren. Es wird um so plötzlicher und erschreckender sichtbar werden. Und dann nur glauben, was wir sehen, heißt: an den Tod glauben. Er behält doch das letzte Wort.

Freilich, das wollen wir dann auch nicht mehr sehen. Wir verschließen unsere Särge und stellen stattdessen ein Foto darauf, damit wir der Wahrheit des Todes nicht ins Auge blicken müssen.

Mit der Wahrnehmungsweise des Glaubens sehen wir beides: Ja, der äußere Mensch verfällt. Ja, das Sichtbare ist dem Vergehen geweiht. Das leibliche Leben endet in Tod und Verwesung. Aber wir sehen eben auch die andere Seite, die Tiefendimension des Lebens: Der innere Mensch wird von Tag zu Tag erneuert. Das, was wir wirklich sind – wenn wir denn mehr sind, als man äußerlich von uns sieht, wenn wir mehr sind als unsere gepflegte Benutzeroberfläche –, das, was wir wirklich sind, unsere Seele, unser Geist, unser Betriebssystem, Christus in uns, das verfällt nicht, das geht nicht kaputt, das veraltet nicht, das lebt und bleibt und es ist jeden Tag wieder wie neu. Es hat eine Qualität, die sichtbare Dinge nicht haben können. Es ist unsichtbar, aber es ist ewig.

Mit der Wahrnehmungsweise des Glaubens können wir auch erkennen, dass das sichtbare Leiden, unsere Trübsal, wie der Apostel sich ausdrückt, nicht alles ist. Es bleibt doch an der Oberfläche. Was auch immer Schreckliches geschieht in unserem Leben, es ist nicht alles, und es trifft nicht die unsichtbare, ewige Mitte unserer Existenz. Es wiegt nicht so schwer wie die ewige Herrlichkeit, die Gott uns schenkt.

Unser Gottesdienst, unsere christliche Gemeinde, sie sind dazu da, dass wir diese Wahrnehmungsweise des Glaubens immer wieder üben. Eben weil wir so leicht an der sichtbaren Oberfläche bleiben – Augentiere, die wir sind –, eben darum brauchen wir die Erinnerung an die Tiefendimension unseres Lebens, an die inneren Werte, an das, was ewig bleibt.