Sonntag, 8. April 2012

Predigt am 8. April 2012 (Ostersonntag)


Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,denn ich freue mich deines Heils.Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,und ist kein Fels wie unser Gott....Der HERR tötet und macht lebendig,führt hinab zu den Toten und wieder herauf.Der HERR macht arm und macht reich;er erniedrigt und erhöht.Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staubund erhöht den Armen aus der Asche,dass er ihn setze unter die Fürstenund den Thron der Ehre erben lasse.
1. Samuel 2, 1-2. 6-8a



Liebe österliche Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wir freuen uns in diesen Tagen mit Christiane und Mike aus unserer alten Gemeinde Augustusburg. Christiane und Mike sind so alt wie wir, und sind in dieser Woche Großeltern geworden: doppelte Großeltern. Und wir freuen uns mit Maria und Kevin. Sie sind so alt wie unser Sohn, und sie sind in dieser Woche Eltern geworden: doppelte Eltern. Leo und Lotta heißen ihre Zwillinge. Christiane und Mike haben uns eine ganze Reihe Bilder geschickt und wir staunen mit ihnen über die neu geborenen kleinen Menschlein. Wir staunen mit ihnen über das Wunder des Lebens.

Staunen über das Wunder des Lebens, das ist Ostern. „So ein schönes Osternest hatten wir noch nie“, schreiben Christiane und Mike.

Staunen über das Wunder des Lebens: Das ist auch der Hintergrund dieses Gebets, dieses Psalms aus dem Alten Testament, der uns heute – merkwürdig genug – als Predigttext gegeben ist.

Dieser Psalm ist das Gebet einer Frau, einer Frau, die das Wunder des Lebens am eigenen Leibe erfahren hat. Hanna heißt sie. Auch sie ist Mutter geworden. Und auch für sie ist das Wunder des Lebens ein doppeltes, nicht weil sie auch Zwillinge geboren hätte – nein, es war ein Sohn –, sondern weil es in ihrem Leben eigentlich keine Hoffnung auf Kindersegen mehr gab.

Ihr Mann liebte sie. Er versuchte sie zu trösten: Bin ich dir denn nicht mehr wert als zehn Söhne? – Aber was war das für ein Trost, wo er sehr wohl Söhne und Töchter hatte – von einer anderen, sie aber nicht?

Einmal betete Hanna im Tempel Gottes, lange, in Tränen aufgelöst, in tonlosen Worten, gab Gott ein Gelübde, wenn er ihr nur einen Sohn geben würde.

Und dann wurde sie schwanger, gebar sie den erwünschten Sohn – und nannte ihn Samuel; er sollte eine wichtige Rolle in der Geschichte des Gottesvolkes spielen. Und dann betete Hanna wieder im Tempel, und diesmal in lauten Worten, in poetischen Worten, betete diesen Psalm, den wir gehört haben:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN.

Dieser Pslam ist aus Staunen geboren über das Wunder des Lebens. Weil ein Kind geboren ist.
Wie sehr staunen wir noch über das Wunder des Lebens? Und können wir das überhaupt noch nachvollziehen, habe ich mich gefragt: die verzweifelte Hoffnungslosigkeit, die hoffnungslose Verzweiflung einer Frau, die ohne Kinder bleibt? – Für sie hing daran der Sinn ihres Lebens, hing sogar ihr Weiterleben nach dem Tod. Denn ohne Kinder würde sie vergessen sein. Ohne Kinder hätte sie umsonst gelebt.

Sollen wir froh sein, dass wir nicht mehr unter einem solchen Zwang stehen? Dass der Sinn und die Hoffnung unseres Lebens nicht am Nachwuchs hängt?

Oder sollen wir uns Sorgen machen, weil so vieles uns wichtiger und sinnvoller erscheint, als Leben weiterzugeben, mit allen Mühen, mit allen Kosten mit allen Opfern?

Ich denke an Paare, denen das Wunder des Lebens versagt bleibt, obwohl sie sich danach sehnen, die Mühen und Kosten nicht scheuen und doch feststellen müssen: Das Wunder lässt sich nicht planen, produzieren, erzwingen. – Gut, wenn für sie der Sinn ihres Lebens nicht daran hängt. Und traurig dennoch, wenn da überall Kinderwagen und dicke Bäuche sind.

Das Staunen über das Wunder des Lebens, wie Hanna es widerfährt, wie Maria und Kevin es widerfährt und wie es selbst noch für Großeltern und Freunde beglückend ist – das Staunen über das Wunder des Lebens – das ist Ostern.

Das Wunder des Lebens ist Gottes Wunder. Hanna spricht zu Gott. Und sie spricht von Gott:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.Die Unfruchtbare hat sieben geboren,und die viele Kinder hatte, welkt dahin.Der HERR tötet und macht lebendig,führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

Dieser Satz, war es wohl, der dem Lobgesang der Hanna seinen Platz in der Predigtordnung für das Osterfest verschafft hat: Gott, der Herr über Leben und Tod. Gott, der Leben nimmt und Leben gibt, wie es ihm gefällt.

Vielleicht hat jetzt mancher gedacht: Du redest von dem Wunder der Geburt, aber nicht von dem Wunder der Auferstehung! Das ist doch eigentlich erst Ostern!

Ja, ist es. Und was Auferstehung bedeutet, die wir noch nicht kennen, das können wir gerade dann erahnen, wenn wir das Wunder des Lebens bestaunen, das wir kennen.

Ist nicht sogar das Wunder der Geburt das größere? Leben, wo vorher noch keins war. Ein Mensch, den es vorher noch nie gegeben hat. Leben, das sich auf einmalige Weise entfalten wird. Leben, das selbst da noch einmalig ist, wo es im Doppelpack in die Welt kommt.

Auferstehung dagegen ist Leben, wo vorher schon welches war. Ein Mensch, den es gegeben hat, tritt in eine neue Form des Daseins. Nur dass wir uns das viel schlechter vorstellen können als die Geburt eines Menschen. Aber es ist ja klar: Bei der Geburt tritt ein Mensch in die Lebensform hinein, in der wir uns befinden, die wir schon kennen; und darum erscheint uns die Geburt weniger wunderbar als die Auferstehung. Denn die liegt noch vor uns. Keiner hat sie erlebt. Wir kennen nur den einen Auferstandenen und ihn auch wieder nur in einer irgendwie in dieses Leben zurückprojizierten Form, wo er den Seinen erscheint, als wäre er in dieses Leben zurückgekehrt, während er in Wahrheit in Gottes neues Leben hinein auferweckt worden ist.

Geburt und Auferstehung stehen gleichermaßen für das Wunder des Lebens. Das Leben vor dem Tod und das Leben nach dem Tod, es ist in gleicher Weise Gottes Wunder. Wir können weder das Leben vor dem Tod noch das Leben nach dem Tod selber schaffen. Wir können das Leben nur staunend empfangen, so wie wir neu geborene Kinder staunend in unserer Welt empfangen.

Wir können dem Leben Raum geben: So wie wir das tun, indem wir die wohlbekannten Bedingungen schaffen, dass Same und Ei zueinanderfinden. So wie wir das ungeborene Leben im Mutterleib schützend beherbergen. So wie wir dem geborenen Leben Familie, Heimat, Geborgenheit, Versorgung und Bildung geben. So wie wir unser Kind vom Augenblick der Zeugung an mit Liebe umgeben.

Wir können auch dem Auferstehungsleben Raum geben: Denn es beginnt schon in diesem Leben. Es wird gleichsam gezeugt in der Taufe, es wächst heran im Glauben, es wird genährt und beschützt in der Gemeinschaft der Kirche. Man kann sagen: Die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen ist für uns der Uterus des ewigen Lebens. Schon hier sind wir geborgen in der Liebe Gottes, die uns zum ewigen Leben auferweckt.

Ostern feiern wir das Wunder des Lebens. Und ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir beginnen, auch dieses Leben hier und jetzt zu feiern. Es ist an der Zeit, dass wir uns zum Leben bekennen, zur Würde des Lebens, zum Recht auf Leben. Weil Gott allein das Leben schafft, darum haben wir kein Recht es abzuschaffen.

Es hat mich ziemlich erschüttert, dass vor kurzem Stimmen von zwei Medizinethikern laut geworden sind, die das Lebensrecht vonneugeborenen Kindern infrage stellenSo lange sie noch nicht die Fähigkeiten einer moralischer Personen hätten, wären Neugeborene nur „mögliche Personen“, keine „wirklichen“. Deshalb sollten Eltern auch das Recht bekommen, ihre wenige Tage alten Kinder töten zu lassen. Und als Argument wird hinzugefügt, es mache letztlich keinen Unterschied, ob man ein ungeborenes Kind durch Abtreibung töte oder ein neugeborenes Kind.


Und das, scheint mir, ist folgerichtig: Wenn das Töten ungeborener Kinder akzeptiert ist, dann braucht es uns nicht zu wundern, wenn man nun bereit ist, auch diesen weiteren Schritt zu gehen und die geborenen zu töten …


Wir Menschen machen uns immer mehr zu Herren über Leben und Tod und setzen uns damit an Gottes Stelle. Nur mit einem gewichtigen Unterschied: Wir können kein Leben schaffen; wir können nur Leben nehmen.

Mich bedrückt, was Kardinal Lehmann vor etlichen Jahren schon als Kultur des Todes bezeichnet hat: Dass wir es uns anmaßen über Leben und Tod entscheiden zu wollen: indem wir Ungeborenen das Lebensrecht nehmen, indem wir ein Recht auf Selbsttötung postulieren und Sterbehilfe zulassen.


Gott ist in Wahrheit der Herr über Leben und Tod. Nein, über Tod und Leben: Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. – Man beachte die Reihenfolge: Der HERR tötet und macht lebendig! Denn bei Gott steht am Ende das Leben, nicht der Tod.


Das feiern wir zu Ostern: das Wunder des Lebens und den Herrn des Lebens.