Sonntag, 22. April 2012

Predigt am 22. April 2012 (Miserikordias Domini)

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
1. Petrus 5, 1-4





Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte. Wir haben es in der Evangelienlesung (Johannes 10, 11-16. 27-30) gehört. Und nun heißt es: Ihr seid die guten Hirten. Jedenfalls: Ihr sollt gute Hirten sein!

Es ist dieselbe Logik, die wir schon mit dem Lichtwort von Jesus kennen: Er sagt: Ich bin das Licht der Welt, und er sagt: Ihr seid das Licht der Welt.

Wenn Jesus der gute Hirte ist, folgt daraus nicht – oder nicht nur –, dass wir brave Lämmer sein sollen, sondern dass wir gute Hirten sein sollen.

Wir? – Unser Predigttext hat eher einen exklusiven Adressatenkreis: die Ältesten unter euch, wörtlich: die Presbyter. In manchen Gegenden ist dieses Wort geläufig: Presbyter; in anderen Gegenden oder auch hier bei uns sagen wir Kirchenvorsteher. Noch anderswo, so wie Luther es übersetzt hat, Älteste. – Dann wäre unser Predigttext eigentlich nur an die Kirchenvorsteher gerichtet. – Dieter und Martina, ihr bleibt bitte hier; die anderen können jetzt gehen!

Die andere kirchliche Tradition, die ältere, die katholische, versteht unter Presbytern Priester. Aus den Ältesten in den Gemeinden der neutestamentlichen Zeiten wären dann die Priester hervorgegangen. – Und wenn wir auf der evangelischen Seite von Pastoren sprechen, dann sind wir wieder wörtlich bei den Hirten angelangt: Ihr seid die guten Hirten. – Also: Dieter und Martina, ihr könnt jetzt auch gehen; dieser Text ist nur für mich! – Und nächste Woche kommt ihr dann alle wieder, meine Schäflein! Willkommen in der Pastorenkirche!

Aber vielleicht interessiert es euch doch schon heute, wie das mit den Hirten gemeint sein könnte und wie das bei uns aussehen könnte mit dem Pastor und den Kirchenvorstehern, mit den großen und den kleinen Schafen unserer Herde, mit Führung und Verantwortung, mit Hierarchie und Demokratie in der christlichen Gemeinde. – Dann bleibt hier und hört mir noch ein wenig zu!

Im Grunde genommen geht es um eine ganz spannende Frage: Wer hat das Sagen in der christlichen Kirche, in der christlichen Gemeinde? – Und da stehen sich zwei Modelle gegenüber: das hierarchische und das demokratische Modell von Kirche.

Im hierarchischen Modell von Kirche gibt es einen Oberhirten, der hat wieder Unterhirten in verschiedenen Abstufungen und dann gibt es die einfache Herde, das Kirchenvolk, die Laien; vielleicht dazu noch Hütehunde. – Es gibt einen katholischen Orden, der hat sich in der Vergangenheit ausdrücklich so verstanden: die Hunde des Herrn, die canes domini, die Dominikaner, die entsprechend für die Heilige Inquisition zuständig waren. – Der Oberhirte in diesem Modell ist, so wie es unser Bibeltext ja auch nahelegt, Jesus Christus. Er ist der wahre gute Hirte. Und der hat dann seine Stellvertreter auf Erden, namentlich einen persönlichen obersten Stellvertreter auf Erden – den Papst. Schließlich hat der auferstandene Jesus Christus selber Petrus ausdrücklich und dreifach beauftragt: Weide meine Schafe! (Jh 21,15-17) – Und der Papst ist nun mal der Nachfolger von Petrus.

Ihr merkt es schon: Die katholische Kirche hat dieses hierarchische Modell von Kirche voll verwirklicht. – Und es hat einiges für sich: Es garantiert Einigkeit und Geschlossenheit. Es gibt klare Verantwortlichkeiten. Und natürlich kann nicht das einzelne Schäfchen für sich entscheiden, was gut und richtig ist, sondern der Hirte, der einen besseren Überblick hat. Je größer die zu entscheidenden Fragen sind, desto weiter oben fällt die Entscheidung. Es gibt entsprechend ein kirchliches Lehramt der Oberhirten und an der Spitze der unfehlbare Papst.

Dieses Modell ist stark, wenn es richtige Entscheidungen trifft und die Wahrheit hochhält. Es ist stark, wenn der Stellvertreter Christi auf Erden das tut, was Christus im Himmel will. – Aber wehe, er tut etwas anderes! Der Papst und die kirchlichen Konzile können eben auch die ganze Kirche in die Irre leiten. – Das bestreiten sie zwar, aber genau das war der springende Punkt, an dem sich die evangelische Kirche von der katholischen abgespalten hat.

Martin Luther und die Reformatoren mussten deutlich sehen: Der Papst und die Kurie lehrten und handelten entgegen dem ausdrücklichen Willen des guten Hirten Jesus Christus. Sie waren keine guten Hirten. Sie vertraten nicht ihn, sondern sich selber. Das hierarchische Kirchenmodell war gescheitert.

Dazu noch eine kleine Anmerkung: Wir müssen die drastischen Urteile Luthers über den Papst nicht wiederholen. Inzwischen hat die katholische Kirche wieder fromme Päpste, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und die sich dem Oberhirten Jesus Christus wie auch ihrer Herde verpflichtet wissen. – Darüber, dass der Papst katholisch ist und katholische Ansichten vertritt, brauchen wir uns eher nicht aufzuregen. Ich denke, wir haben in der Ökumene ein klares und ernstzunehmendes Gegenüber. Und Benedikt XVI. ist besser als sein Ruf.

Die Evangelischen haben nun – das überrascht nicht – ein anderes Kirchenmodell gefunden, ein eher demokratisches. Das hängt mit dem evangelischen Glaubensverständnis zusammen: Der Herr ist mein Hirte, beten wir gerne. Mein Verhältnis zum guten Hirten Jesus ist ein persönliches. Seine Schafe kennen seine Stimme, und er kennt sie – persönlich. Und ich als sein Schaf höre auf seine Stimme und folge ihm, und er gibt mir, was ich brauche, und am Ende das ewige Leben (vgl. Jh 10,27f). Dazu brauche ich keine Unterhirten und keine Hierarchie, die mir Gottes Zuwendung von oben nach unten vermitteln.

Aber ich brauche doch Schwestern und Brüder, die mit mir zusammenhalten, die mir helfen zu glauben und bei unserem gemeinsamen guten Hirten Jesus zu bleiben. Und meine Schwestern und Brüder brauchen mich, dass ich auch auf sie achte. Soll ich meines Bruders Hüter sein? – Ja, selbstverständlich. Wir sind nicht nur Schafe in der Herde des Guten Hirten, wir sind auch füreinander Hirten.

Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte. Und Jesus sagt auch: Ihr seid die guten Hirten!

„Wir sind Papst“ – die Schlagzeile war genial, sie ist im kollektiven Gedächtnis geblieben. Aber sie stimmt nicht im Blick auf Papst Benedikt. Sie stimmt im Blick auf uns Christen: Wir sind Papst. Wir sind die Stellvertreter Christi auf Erden. Wir sind die guten Hirten.

Wir? – Ja, wir alle, die wir getauft sind.

Sicher, es gibt ein paar Abstufungen in der Verantwortlichkeit. Der eine ist beauftragt, das Wort Gottes öffentlich zu sagen und in besonderer Weise Seelsorger zu sein. Andere sind beauftragt, Entscheidungen für die Gemeinde zu treffen, das Miteinander zu organisieren und für das materielle Drumherum zu sorgen. Das wären der Pastor und die Ältesten. – Aber sie sind nicht von oben eingesetzt, sondern von unten gewählt. Unsere Gemeindestruktur ist demokratisch. – Kirchenvorsteher dürfen in ihrer Arbeit kontrolliert werden und Pfarrer dürfen in ihrer Lehre korrigiert werden. Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen heißt dementsprechend eine Schrift Martin Luthers.

Und dann gibt es außer Pastoren und Kirchenvorstehern noch die vielen, die in der Gemeinde mitarbeiten, mitwirken, Mitverantwortung übernehmen. Auch sie üben in gewisser Weise ein Hirtenamt aus. Wir alle sind füreinander da und aufeinander angewiesen.

Das Wort Älteste hat ja eigentlich auch einen ganz profanen Sinn, unabhängig von Ämtern und Würden: Es gibt ältere, erfahrenere Gemeindeglieder, es gibt die 'alten Hasen'. Und sie haben auf Grund ihrer Erfahrung auch eine größere Verantwortung, auch wenn sie nicht Mitglied im Kirchenvorstand sind. Wir schätzen diejenigen, die schon jahre- oder jahrzehntelang in der Gemeinde mitgearbeitet haben, die dabei vielleicht auch besonders achtsam sind, die wissen, worauf es ankommt und was die einzelnen brauchen. Wir sind froh, dass es diejenigen gibt, die in ihrem Glauben und Leben gereift sind, so dass sie andere mitnehmen, vielleicht auch ein Stück führen können, wie es ein guter Hirte tut. Wir, die wir in dieser Gemeinde zu Hause sind, wollen gastgebende Gemeinde sein: also gerade auch ganz bewusst für diejenigen dasein, die hier nicht oder noch nicht zu Hause sind, die hier mal für ein paar Tage oder Wochen hereinschneien, oder die immer wieder kommen wollen. Nehmen wir sie freundlich auf, weiden wir sie auf grünen Auen und führen sie zum frischen Wasser. So sind wir gute Hirten.

Nachdem wir das nun geklärt haben, dass wir alle, Pfarrer, Kirchenvorsteher und „normale“ Gemeindeglieder, füreinander gute Hirten sein sollen, dann können wir uns auch in aller Kürze die Mahnungen zu Gemüte führen, die der Apostel hier für Hirten bereithält. Es sind drei.

Und die erste heißt: Achtet auf die Herde Gottes, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt. – Mitarbeit in der Gemeinde basiert auf Freiwilligkeit. – Mir gefällt es nicht, wenn sich Leute, die mitarbeiten, über andere erheben, die das nicht tun oder die weniger tun. Freiwilligkeit heißt eben auch: Es aushalten, dass andere freiwillig Nein sagen. Aber vielleicht kann ich ja mit meiner Freiwilligkeit und der Freude ansteckend sein, dass ein anderer auch Lust bekommt …

Die zweite Mahnung: Nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund. – Schwierige Sache: Ist mein Pfarrergehalt schändlicher Gewinn? Erwerben andere durch ihre Mitarbeit in der Gemeinde Ansprüche auf Vergünstigungen? Ist öffentliche Anerkennung vielleicht auch nur schändlicher Gewinn? Mache ich mit, um gesehen zu werden und zur Gemeindeversammlung öffentlich gewürdigt zu werden? Und was ist, wenn dann doch jemand bei der Bedankerei vergessen wurde? – Und wie war das eigentlich bei dem guten Hirten Jesus? Was hat er dafür bekommen? – Göttliche Herrlichkeit, ja. Aber vorher das Kreuz … Von Herzensgrund, das heißt: um der Sache willen, um der anderen willen, um Jesu willen …

Die dritte Mahnung: nicht als Herren der Gemeinde, sondern als Vorbilder. – Das ist das Entscheidende. Hirte sein heißt Vorbild sein. Das große Vorbild ist der gute Hirte Jesus Christus. Wenn wir seinem Vorbild nachfolgen, dann sind auch wir vorbildlich. Er leitet, indem er leidet. Er herrscht, indem er dient. Der gute Hirte dient seiner Herde, jedem einzelnen Schäfchen.

Davon bin ich als Hirte der Gemeinde sicher noch weit entfernt. Aber zum Glück bin ich nicht allein der Hirte für euch. Wir sind gemeinsam Hirten. Wir sind berufen, aufeinander zu achten. Also erwartet bitte nicht nur, dass ich auf euch achte und dass ich für jeden da bin; das kann ich nämlich nicht und schon gar nicht allein. Sondern seid ihr miteinander und füreinander da. Und achtet bitte auch mit auf mich und auf die gewählten Ältesten der Gemeinde. Gemeinsam sind wir gute Hirten.