Freitag, 6. April 2012

Predigt am 6. April 2012 (Karfreitag)

Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.
Hebräer 9, 15.26b-28



Liebe Schwestern und Brüder,

ein neues Schimpfwort hört man auf deutschen Schulhöfen und Straßen immer öfter: „Du Opfer!“ – Und es heißt: Du bist schwach, du bist unterlegen, du bist dazu bestimmt, gedemütigt, benutzt und geschlagen zu werden. Und wir, wir sind diejenigen, die dich demütigen, benutzen und schlagen – „Du Opfer!“

Mir tut es weh, wenn ich das höre. Denn bisher hatte das Wort „Opfer“ noch einen anderen Klang. Dem Opfer, dem unschuldigen Opfer gleich gar, gehörte unser Mitleid, unsere Zuwendung, unsere Solidarität. Sei es dem Opfer von Krieg und Hunger in der Ferne. Sei es dem Opfer von Gewalt und Verbrechen in der Nähe – so wie uns in letzter Zeit das Schicksal der elfjährigen Lena aus Emden berührt hat, die Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Und selbst die Verkehrsopfer, an die wir uns im allgemeinen gewöhnt haben, gehen uns spätestens dann nahe, wenn unter ihnen jemand ist, den wir kannten. Menschen als Opfer wahrzunehmen bedeutete zugleich auch, mit ihnen solidarisch zu sein.

Jemanden aber als Opfer zu verhöhnen, das ist Entsolidarisierung, Unbarmherzigkeit, Entmenschlichung. Wir machen einen Schwachen oder eine Gruppe von Schwachen zu Opfern, damit wir auf ihre Kosten stark sein können. – Aber wie schwach ist das denn eigentlich, wenn wir Schwache brauchen, um auf ihre Kosten stark zu sein!


„Du Opfer!“, das hätten sie damals auch zu Jesus sagen können. Denn widerstandslos ließ er sich gefangen nehmen. Seinen Freunden untersagte er, sich zu verteidigen. Alle Anschuldigungen ließ er fast ohne Widerrede über sich ergehen. Und dann wurde er gefesselt, geschlagen, verspottet, angespuckt, und die Dornenkrone war zugleich Hohn und Folter. Schließlich nagelte man ihn ans Kreuz, stellte es in der Vormittagssonne auf und ergötzte sich daran, wie er sich Stunde um Stunde über die heiße Mittagszeit hinweg quälte und litt, bis er – fast ein wenig unerwartet schnell – das Leben aushauchte.

„Du Opfer!“ – Sie hatten ihm gezeigt, wer stark war und wer schwach.

Die vielen, die Masse, die immer gerne auf der Seite der Sieger steht, sie hatte schon lange vom Hosianna zum Kreuzige umgeschaltet. Sie waren es zufrieden, dass Jesus zum Opfer geworden war. Von ihm war doch nichts zu erwarten gewesen, er war zu schwach; dann sollte er halt sterben.

„Du Opfer!“ - das ist der Widerspruch zur Rede von den unschuldigen Opfern. „Du Opfer!“ - das heißt: Du bist selbst schuld. Deine Schwäche, dein Aussehen, deine Behinderung, dein Anderssein, das prädestiniert dich dazu, Opfer zu sein. Wärst du wie wir, wärst du auf unserer Seite, wärst du auf der Seite der Starken, dann wärst du nicht das Opfer geworden. – Du hast komisch geguckt. Du hast mich provoziert. Du hast keinen Respekt gezeigt. Du bist ein Jude, ein Neger, ein Kuffar, eine Schwuchtel, eine Schlampe. Und darum bist du ein Opfer.

Und wenn wir erst anfangen, uns zu fragen: Habe ich vielleicht wirklich provoziert? Sollte ich doch lieber wegsehen? Meine sexuelle Orientierung verbergen? Den Rock nicht ganz so kurz tragen?, dann haben wir schon verloren. Dann sind wir erst recht die Opfer geworden.

„Du Opfer!“ – Jesus ist in diesem Sinne kein unschuldiges Opfer. Er hat es ja darauf angelegt. Er hat sie provoziert. Er ist selber schuld. Er hat sich selbst zum Opfer gemacht.


Mit unschuldigen Opfern haben wir Mitgefühl und Solidarität, normalerweise. Aber wie ist es mit schuldigen Opfern?

Mit überhöhter Geschwindigkeit gegen den Baum: ein schuldiges Opfer.

Mit der Annahme von falschen Freundschaftsdiensten und faulen Ausreden aus dem Präsidialamt: ein schuldiges Opfer.

Wegen Unterschlagung von wenigen Euro aus dem Job entlassen: ein schuldiges Opfer.

Nach jahrzehntelangem Rauchen an Lungenkrebs erkrankt: ein schuldiges Opfer.

Selbst schuld! Das Mitleid hält sich in Grenzen.

Aber: Gibt es überhaupt unschuldige Opfer? Ist es nicht menschlich, dass wir da oder dort und immer wieder schuldig werden? Verlangen wir von bestimmten Menschen, dass sie übermenschlich sind, ohne Schuld, während wir uns das Recht auf kleine Sünden zugestehen?

Jesus allein ist ein unschuldiges Opfer. Ohne Schuld, ohne Sünde. Es ist die Schuld der anderen, aller anderen, unsere Schuld, dass er zum Opfer wird.


Jesus Christus ist das einmalige Opfer, das die Sünden der vielen auf sich nimmt.

Menschen bezeichnete man damals nicht als Opfer. Nicht mehr. Noch nicht wieder.

Jesus Christus, das einmalige Menschenopfer. Das war fast nicht zu verstehen. Man verglich ihn mit den vielen Tieropfern, die damals dargebracht wurden. Das ist der Hintergrund für Bibeltexte, wie den Hebräerbrief. Tieropfer waren normal. Es musste Blut fließen. Stellvertretend für die Menschen.

Heute erscheinen uns Tieropfer archaisch und unmenschlich. Wir opfern keine Tiere mehr. Wir opfern letztendlich wieder Menschen. Indem wir uns auf die Seite der Täter stellen, um nicht selber Opfer zu werden. Schuldig sind wir schließlich alle. Doch Opfer sollen die anderen sein – nach Möglichkeit. „Du Opfer“ ist immer noch besser als „Ich Opfer“.

Jesus Christus, das Opfer. Selbst schuld, weil er sich selber zum Opfer macht. Er sagt lieber „Ich Opfer“ als „Du Opfer“. Er sagt: Lasst mich euer Opfer sein! Denn ihr wollt ja nicht die Opfer sein, obwohl es keine Unschuldigen treffen würde.

Und darum trifft es nun den einzig wirklich Unschuldigen. Und er ist selbst schuld, dass es ihn trifft. Er hat es so gewollt. Er nimmt die Schuld der Schuldigen auf sich. Er macht den Sündenbock, er ist das Opfer für viele, für alle, für uns.


Du Opfer, Jesus Christus! Du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser.

Erbarm dich unser, dass wir aufhören, uns selbst und andere zu Opfern zu machen. Amen.