Montag, 2. April 2012

Predigt am 1. April 2012 (Palmsonntag)

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir da Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.
Jesaja 50, 4-9


Seht, welch ein Mensch! – Er geht seinen Weg mit Konsequenz und Hingabe. Er spricht ruhig und überzeugt. Auf Widerspruch reagiert er sachlich und gelassen. Persönliche Angriffe perlen an ihm ab. Sie machen sich über ihn lustig, sie schlagen ihm ins Gesicht, sie speien vor ihm aus und ihn an; er erträgt es. Am Ende werde ich Recht behalten, ist er überzeugt. Gott ist auf meiner Seite, sagt er. Was auch geschieht, mir kann nichts geschehen, glaubt er. Am Ende wird nichts übrigbleiben von denen, die sich jetzt gegen mich stellen.

So steht er vor unseren Augen, der Prophet. Wir wissen nichts Konkretes über ihn und sein Schicksal. Aber wir staunen über seine Selbstgewissheit, über seine Gottesgewissheit.

Wir denken vielleicht an andere Propheten, an Jeremia, der einem Mordanschlag nur knapp entging; der des öfteren verhaftet wurde und der doch nicht aufhörte, im Namen Gottes zu reden; der miterleben musste, wie seine aufgeschriebenen Worte und Reden vom König verbrannt wurden; der in eine ausgetrocknete Zisterne gesperrt wurde und am Ende nach Ägypten verschleppt von den Leuten, die er beständig davor gewarnt hatte, nach Ägypten zu gehen. Dort verliert sich seine Spur. – Seht, welch ein Mensch!

Ich denke an Martin Luther. Er war nicht immer ruhig, sachlich und gelassen. Aber konsequent. Was er von Gottes Wort gehört und verstanden hat, das vertritt er. Davon weicht er nicht ab. Auf dem Reichstag vor dem Kaiser bekennt er: Sein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen. Er kann nicht widerrufen. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Ihm droht der Bann, der Scheiterhaufen, aber er ist gewiss: Gott ist auf meiner Seite. – Seht, welch ein Mensch!

Ich denke an Dietrich Bonhoeffer. Er hat im Gefängnis ein Gedicht geschrieben: „Wer bin ich?“ Darin reflektiert er darüber, wie er nach außen erscheint:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bonhoeffer hat offenbar eine Größe und Geradheit eine Glaubensgewissheit und Stärke ausgestrahlt, die andere beeindruckt hat. Er hat sich jedenfalls nicht brechen und kleinkriegen lassen. Und er war einer der wenigen, die den Mut und die Einsicht hatten, dass der Weg Gottes ein anderer war als der Weg der Masse. Dafür war er im Gefängnis. Dafür ist er vier Wochen vor Kriegsende noch hingerichtet worden. – Seht, welch ein Mensch!

Und doch kam er sich selber nicht als der starke, souveräne Sieger vor, als der er den anderen erschien:

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Seht, welch ein Mensch!

Auch diese Seite ist da: bei Bonhoeffer. Auch bei Luther, der manches Mal erschrickt und fast verzagt vor dem für ihn kleines Mönchlein so gewaltigen Auftrag, der ihm zugewachsen ist. Und so auch schon bei den Propheten, wiederum besonders eindrücklich nachzulesen bei Jeremia, der Gott klagt, er wolle lieber nicht geboren sein, als Gottes prophetischen Auftrag auszuführen.

Am Ende sind es diese prophetischen Gestalten, die in Treue zu sich selbst, mehr noch, die in Treue zu Gott ihren Weg gehen, glaubwürdig auch in ihrem Zweifel, stark auch in ihrer Schwäche, getrost auch in ihrer Angst. Am Ende sind sie es, die im Gedächtnis bleiben, die die Geschichte überdauern, die weiterwirken über ihre Zeit hinaus. Am Ende sind sie es, die uns Vorbilder wahren Menschseins sind. Wir möchten wohl ihr hartes Schicksal nicht teilen, aber wenn es denn hart auf hart käme, dann wollten wir ihre Stärke, ihren Mut, ihre Glaubensgewissheit haben.

Seht, welch ein Mensch! – Geschlagen, gefoltert, eine Dornenkrone hat man ihm auf den Kopf gedrückt, einen Purpurmantel hat man ihm umgehängt. So steht er da. Und der Statthalter präsentiert ihn der Menge mit diesen Worten: Seht, welch ein Mensch! – Seht, der Mensch! – Ecce homo! (Johannes 19, 5)

Und sie sehen ihn und sie schreien: Kreuzige! Kreuzige! – Der Mensch, dieser Mensch soll sterben. Das Urbild wahren Menschseins soll sterben. Die Menschlichkeit soll sterben.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Das Bild des Propheten, des Reformators, des Widerstandskämpfers, das Bild des zu Unrecht leidenden Menschen, des für Gottes Sache leidenden Menschen verdichtet sich im Bild des Menschensohns, des Königs mit der Dornenkrone. Es ist sein Weg, den Menschen vor ihm und nach ihm gegangen sind. Es ist ihr Weg, den er mit ihnen gegangen ist.

Er hat der Unmenschlichkeit standgehalten. Er hat nicht nachgegeben, nicht widerrufen. Er hat der Unmenschlichkeit seine Menschlichkeit entgegengehalten. Die Dornenkrone und das Kreuz sind Zeichen dafür, dass der Mensch im Leiden seine Würde, seine Menschlichkeit bewahrt. – Seht, welch ein Mensch! Mit der Dornenkrone, am Kreuz, im Gefängnis, am Galgen …

Was ist es, das Menschen ihr Menschseins bewahren lässt inmitten der Unmenschlichkeit? Was ist es, das ihnen die Gewissheit gibt, das Richtige zu sagen, zu tun, zu leiden? Das ihnen die Kraft gibt, sich gegen die Mehrheit zu stellen? Sich gegen die Mächtigen zu stellen?

Gott der HERR, sagt uns das Bibelwort.

Gott der HERR hat mir eine Zunge geben, wie sie Jünger haben.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet.

Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?

Die Kraft und Glaubwürdigkeit der Worte, sie kommen von Gott. Der Gehorsam, das Hören und Gehorchen auf Gottes Willen, er kommt von Gott. Die Kraft zum Durchhalten und Durchstehen des eigenen Weges gegen allen Widerstand, sie kommt von Gott. Und die Gewissheit, dass Unrecht nicht Recht wird, sie kommt von Gott.

Der Anfang der Menschlichkeit ist bei Gott.

Seht, welch ein Mensch! – sagen wir.

Seht, welch ein Gott! – sagt er, dieser Mensch.

Wir sehen auf Jesus Christus. Welch ein Mensch! Welch ein Gott!

ER gebe auch uns die rechten Worte, das rechte Gehör, die rechte Widerstandskraft, die rechte Glaubensgewissheit. Dann werden wir seine Jünger.