Sonntag, 6. Mai 2012

Predigt am 6. Mai 2012 (Kantate)

Nachdem man Paulus und Silas in Philippi hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab.
Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: "Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!" Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
Und er führte sie heraus und sprach: "Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?" Sie sprachen: "Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!" Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Haus waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.
Apostelgeschichte 16, 23-34





Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich singe, geht’s mir gut. Meistens. Wenn ich gut aus dem Bett gekommen bin, singe ich unter der Dusche. Wenn die Sonne scheint und die Arbeit gelingt, wenn ich draußen unterwegs bin und mich gut fühle, wenn es zwischen meiner Frau und mir stimmt, wenn mich jemand gelobt hat.

Wenn mir's nicht so gut geht, dann ist da meistens auch keine Melodie in meinem Sinn, die da irgendwie über meine Lippen wollte. Zum freiwilligen Singen muss man irgendwie schon in der richtigen Stimmung sein.
Ich denke mal, den meisten Menschen geht es so ähnlich.

Das ist auch die biblische Normaltheologie: Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. So heißt es im Jakobusbrief (Jakobus 5, 13). Not lehrt beten, Glück lehrt singen.

Dagegen ist es mehr als normal, auffällig und eindrücklich, wenn auch in der Not, im Unglück gesungen wird. Gewiss, es gibt Klagelieder und Trauergesänge; aber es gibt auch Lobgesänge aus tiefer Not.

Merkwürdigerweise sind mir zwei Beerdigungsfeiern aus meiner Pfarrerzeit in Deutschland besonders im Gedächtnis haften geblieben – zwei Beerdigungsfeiern nämlich, in denen wir auf ausdrücklichen Wunsch der Angehörigen Loblieder gesungen haben: Dir, dir o Höchster will ich singen und Großer Gott, wir loben dich (Dass es genau diese Lieder waren, wusste ich nicht mehr, das gebe ich zu, ich habe gestern nachgesehen. Aber ich wusste eben noch genau, bei welchen Beerdigungen ich nachsehen musste.) Manchmal möchten Angehörige, dass zu Trauerfeiern gar nicht gesungen wird; weil ihnen ja die Töne im Hals stecken bleiben in ihrer Trauersituation. Hier war es anders. Nicht, dass da keine Trauer war. Aber es war da noch etwas Größeres: Dankbarkeit, Gottvertrauen, Gewissheit der Erlösung und darin dann auch Trost.

In unserem Abschnitt aus der Apostelgeschichte ist es ein bisschen ähnlich. Paulus und Silas, der Apostel und sein Mitarbeiter, sind gerade erst auf europäischem Boden angekommen, haben eine Frau bekehrt und eine andere von ihrer dämonischen Besessenheit befreit, und schon hat man sie verhaftet, ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen. – Sackgasse, Ende, Aus. Eigentlich zum Verzweifeln.

An Gott gedacht und gebetet hätte ich schon in dieser Situation, aber eben geklagt und um Hilfe gefleht. Paulus und Silas aber machen was anderes: Sie singen Lobgesänge, dort in der hintersten Zelle: Dir, dir o Höchster will ich singen oder Großer Gott, wir loben dich oder Lob Gott getrost mit Singen. Natürlich gab's diese Lieder noch nicht. Aber andere Lieder in genau dem gleichen Sinne. Lobpreiszeit um Mitternacht im Gefängnis von Philippi – das hatte es noch nie gegeben. Konzert im Knast. Und die Mitgefangenen hören zu. – Lukas, der geschickte Erzähler der Apostelgeschichte sagt uns mit keinem Wort, was das mit ihnen macht. Wir dürfen es uns mit unserer Fantasie vorstellen …

Wer von euch letzte Woche hier war, erinnert sich vielleicht, dass ich über das sichtbare Äußere und das unsichtbare Innere gesprochen habe. Wir Menschen sind so gestrickt, dass wir immer das, was wir gerade sehen und erleben für das Wahre halten. So könnten Paulus und Silas auch allein das Gefängnis, die Dunkelheit, die feuchte Zelle, die Folterschmerzen für die ganze Wahrheit halten und daran verzweifeln. In ihnen aber ist eine andere, eine tiefere Wahrheit: die Gewissheit des Glaubens: Wir sind ja um Gottes Willen hier, im Auftrag Jesu. Uns kann innerlich nichts geschehen, was auch äußerlich mit uns geschieht. Und auch dem Evangelium, der guten Nachricht von Jesus kann nichts geschehen. Sie wird von Jesus dem Auferstandenen selber in die Welt getragen, egal wie es uns gerade äußerlich ergehen mag. – Eine solche gelassene Haltung mag uns erstaunlich und bewunderungswürdig erscheinen – oder auch ein bisschen verrückt; sie hat aber viel für sich. Gottes Wort ist frei; es lässt sich nicht einsperren. Gottes Macht endet nicht an verschlossenen Gefängnistüren.

Das alles, vielleicht aber auch die gute Gewohnheit, täglich ein Danklied zur Nacht zu singen, lässt Paulus und Silas Gott loben auch in einer Situation, die wir eigentlich nicht loben mögen. Aber wir sollen ja auch nicht die Situation loben, sondern Gott den Herrn, der darübersteht.

Dass er darübersteht, dass seine Macht nicht an verschlossenen Gefängnistüren endet und auch nicht an verschlossenen Herzenstüren, zeigt der Fortgang der Geschichte.

Nein, man wird nicht sagen dürfen, dass Gott deshalb das Erdbeben geschickt hat, weil Paulus und Silas ihm so unbeeindruckt Loblieder gesungen haben. Aber man wird sagen müssen, dass sie Recht hatten, Gott zu loben. Denn am Ende macht er immer etwas Gutes und Lobenswertes draus, aus jeder Situation. Die folgenden Ereignisse bestätigen das nur.

Das größte Wunder ist dabei nicht die Gefangenenbefreiung durch ein Erdbeben. Man könnte dieses Wunder ja sogar als einen Zufall abtun. Und außerdem: wenn man die Geschichte weiter liest, wären die beiden sowieso am nächsten Tag freigekommen. Nein, das größte Wunder, das eigentliche Wunder ist die Verwandlung, die sich im Herzen des Kerkermeisters vollzieht.

Erst ist er, wir wissen nicht ob pflichtbewusst oder lustvoll, dabei, als die Gefangenen gefoltert und in den Hochsicherheitstrakt gesperrt werden. Dann erschrickt er sich derartig, dass er sich gleich selbst entleiben möchte. Ich stelle ihn mir als ein armes Würstchen vor, das seine begrenzte Macht über wehrlose Gefangene auskostet, aber in Panik ausbricht, als sie auszubrechen drohen. Sein Gefängnis ist sein Lebensinhalt, an seinem traurigen Job hängt sein Lebensglück. Er ist der eigentliche Gefangene seines Gefängnisses. Die Gefangenen kommen irgendwann wieder frei; aber er muss bleiben. Er ist ein Mensch, der im Gegensatz zu den beiden christlichen Missionaren, die ihm da eingeliefert worden sind, völlig auf die Äußerlichkeiten fixiert ist. Scheitert er im Job, dann ist sein ganzes Leben gescheitert. – Wie arm!

Ja, das größere Wunder, das eigentliche Wunder ist es, dass sich dieses Leben von einem Moment auf den anderen umkehrt.

Und es ist nicht das Erdbeben, das die größte Erschütterung in ihm auslöst. Am meisten erschüttert ihn, dass die Gefangenen noch da sind. Das liegt jenseits seines Horizontes. Was geht in denen vor, dass sie nicht einfach abhauen? – Er entdeckt, dass es Menschen gibt, denen anderes wichtiger ist als das Äußere – das äußere Wohlbefinden, die äußere Freiheit. Im Knast sitzen zu bleiben, obwohl die Türen offenstehen, das ist innere Freiheit!

Der Kerkermeister ist erschüttert: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? – Was für eine Frage! Was für eine Einsicht in diesem Moment: Ich bin verloren, ich brauche Rettung! Was für eine Umkehr der Verhältnisse: Der sich eben noch ganz groß vorkam gegenüber den gefesselten Gefangenen, ist auf einmal ganz klein und spricht sie mit Liebe Herren, an. Und das ist nicht einfach das Wort für „Señores, meine Herren!“, es ist die Anrede, die für ganz hohe Beamte, für den Kaiser und für die Götter vorbehalten war.

Dieser Mann ist zutiefst erschüttert. Er spürt, dass sein Leben nicht mehr stimmt, dass es noch nie gestimmt hat, dass es ein Leben an der Oberfläche war, ein kleines, ekliges Kerkermeisterleben, gefangen in den Zwängen seines sicheren Jobs, der auf einmal gar nicht mehr sicher erscheint. Es muss mehr geben, und dieses Mehr spürt er ganz deutlich bei diesen Herren, die nachts im Gefängnis Loblieder singen und bei geöffneten Zellentüren seelenruhig sitzen bleiben. Es muss mehr geben als die oberflächlichen Äußerlichkeiten.

Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus gerettet! – Da ist sie, die gute Nachricht, für die Paulus und Silas unterwegs sind, auch schon mal ins Gefängnis gehen. Die gute Nachricht für die, deren Leben an der Oberfläche festklebt, die nach der Tiefendimension suchen.

Du kannst, du sollst dich auf den Herrn Jesus – er ist in Wirklichkeit der Herr, nicht Paulus oder Silas oder irgendwelche andere Herrschaften – auf den Herrn Jesus einlassen. Ihm vertrauen. Er gibt deinem Leben Tiefe. Er gibt deinem Leben Freiheit. Er gibt deinem Leben Gott.

Der Gefängnischef tut es. – Eine astreine Bekehrungsgeschichte. Lebensänderung ist möglich. Auch am Höhepunkt – oder am Tiefpunkt der Karriere.

Dass da wirklich etwas anders geworden ist, schlagartig, das merken wir an seinem Verhalten: Er kümmert sich um die, die eben noch seine Gefangenen waren, versorgt ihre Wunden und lädt sie zum Essen ein. Und er lässt sich taufen – mit allen, die zu seinem Haushalt gehören: Frau und Kinder und vielleicht noch ein, zwei Sklaven. – Ich staune, wie schnell und leicht das damals ging.

Am Ende heißt es: Er freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. – Am Ende ist Freude. Und Freiheit. – Wie das mit seinen Gefangenen und mit seinem Gefängnis weitergehen mag, interessiert ihn jetzt nicht mehr sonderlich. Er ist nicht mehr der Gefangene seines Gefängnisses. Er hat die Tiefendimension seines Lebens gefunden.

Und Freude: Ich stelle mir vor, wie er von Paulus und Silas die Lobpreislieder lernt, die da in der finsteren Gefängnisnacht erklungen waren. Ihm geht’s gut. Er kann jetzt singen. Und vielleicht, vielleicht singt er auch noch, wenn es mal wieder schwierig wird. Denn Gott ist doch da in seinem Leben, und deshalb, so weiß er, wird Gott am Ende etwas Lobenswertes aus seinem Leben gemacht haben. Auf jeden Fall! Amen.