Dienstag, 22. Mai 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Dienstag, dem 22. Mai 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

das Leben in vollen Zügen genießen – dazu möchte ich in dieser Woche Lust machen.


“Darf der denn das?”, fragen Sie? – “Der ist doch von der Kirche, und die von der Kirche wollen uns doch eher den Spaß am Leben vermiesen.” Viele denken so. “Die von der Kirche sind prüde, haben eine verstaubte Sexualmoral und machen dir ein schlechtes Gewissen, wenn du ein bisschen Spaß am Leben haben willst.”


Vor kurzem fragte mich eine Engländerin, ob ich als evangelischer Pastor denn Alkohol trinken dürfte. – Ich habe ihr von Martin Luther erzählt, der gern dem Bier und auch dem Wein zusprach und die Geselligkeit bei Tische schätzte.


In manchen evangelischen Gegenden war es früher verpönt, tanzen zu gehen oder Karten zu spielen. Überall witterte man die Sünde und den Teufel.


Leib- und Lustfeindlichkeit haben in der Tat eine lange Tradition in der Christenheit. Ein berühmter Kirchenvater war der Ansicht, die irdischen Dinge seien nicht zum Genießen da; man sollte sie nur gebrauchen, um dann die himmlischen Dinge genießen zu können.


Nächstenliebe war erwünscht, aber Selbstliebe galt als Egoismus.


Von diesem Irrweg sind wir inzwischen wohl abgekommen. Aber seine Nachwirkungen spüren wir noch. Wir spüren sie in Form des gepflegten schlechten Gewissens: Darf ich es mir denn einfach so gut gehen lassen, wenn es anderen schlechter geht? Soll ich fröhlich Sonne und Strand, Essen und Trinken, Lust und Liebe genießen, wenn doch ein paar hundert Kilometer weiter Afrika ist mit seiner Not, mit Menschen, die ums Überleben kämpfen, mit Hunger und Bürgerkriegen? Darf ich mich freuen, dass ich jung und fit bin, während Alte und Kranke, versteckt hinter Mauern in Pflegebetten dahindämmern?


Ich sage: Ja, ich darf. Wenn ich die anderen dabei nicht vergesse. Wenn ich mir selber bewusst mache, dass ich einfach gerade Glück habe, unverdientes Glück; ich könnte ja auch auf der anderen Seite leben. Aber, ich weiß nicht warum, ich habe Glück. Und dieses mein Lebensglück nicht zu genießen, das wäre Sünde, es wäre undankbar. Denn davon ginge es den anderen ja auch nicht besser. Nur mir ginge es schlechter.


Gott möchte, dass es Ihnen gut geht. Also lassen Sie es sich gut gehen!