Montag, 14. Mai 2012

Predigt am 13. Mai 2012 (Rogate)


Überarbeitete Fassung einer Predigt von 2006


Liebe Schwestern und Brüder,

am vergangenen Sonntag habe ich von Paulus und Silas erzählt, die in Philippi im Gefängnis saßen und zu nachtschlafener Zeit Gott Lobgesänge angestimmt haben. Und dann geschah das Wunder: Die Erde begann zu beben, die Türen sprangen aus ihren Schlössern und die beiden christlichen Missionare hätten seelenruhig aus dem Gefängnis spazieren können. – Wenn da nicht ein zu Tode erschrockener Kerkermeister gewesen wäre, der sich doch glatt das Leben genommen hätte, wenn Paulus nicht im letzten Moment aus der Gefängniszelle gerufen hätte: Tu dir nichts an, wir sind alle noch da! – Wenig später sehen wir einen zutiefst erschütterten Mann, der fragt: Was muss ich tun, damit ich gerettet werde? Die Antwort von Paulus und Silas war: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Sie sagten ihm das Wort des Herrn, er nahm sie mit zu sich nach Hause, wusch ihnen die Wunden von den Folterungen, die sie erlitten hatten, und dann ließ er sich und seine ganze Familie taufen.

Diese dramatische Geschichte ist eine wunderbare Illustration für das, was unser heutiger Predigttext sagt. Wir können es unter die Überschrift stellen: Beten öffnet Türen.


Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.
Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.
Kolosser 4, 2-6



Beten öffnet Türen. – Das Lobgebet von Paulus und Silas hat offenbar viel bewirkt. Es hat die verschlossenen Gefängnistüren geöffnet und es hat gleich noch die Tür zum verschlossenen Herzen des Kerkermeisters geöffnet.

Und nun sitzt Paulus einmal mehr im Gefängnis, und wie es aussieht, öffnen sich die Türen diesmal nicht so schnell. Und so fordert er die Gemeinde in Kolossä zum Mitbeten auf – damit sich wiederum Türen öffnen: Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können.

Beten öffnet Türen. Das gilt nicht nur für Gefängnistüren.

Beten öffnet Türen zu Gott. Wenn wir beten, dann öffnen wir uns selber für Gott. Wir öffnen unsere Herzen. Wir kommen aus unserer Verschlossenheit heraus. Wir lassen uns auf dieses große Gegenüber ein – auf Gott, unseren himmlischen Vater. Wir reden mit ihm. – Das ist ja so erstaunlich und wunderbar, dass der unendlich-ewige Gott für uns Menschen ansprechbar ist! Dass uns seine Türen offenstehen. Wir können jederzeit zu ihm kommen und sind ihm willkommen. – Stehen unsere Türen auch ihm offen? Ist er uns in unserem Leben willkommen? – Wir jedenfalls können zu ihm kommen und mit ihm reden, er hört uns zu. Wir können mit ihm reden, und er antwortet uns. – Hören wir ihm auch zu?

Hattest du schon mal das Gefühl beim Beten, dass da eigentlich gar keiner ist, mit dem du redest? Oder er hört gar nicht zu? Antwortet nicht auf dein Beten? – Dann frage ich dich: Wie viel Zeit beim Beten redest du und wie viel Zeit schweigst du, damit Gott zu dir reden kann? – Denn wenn Gott dir antworten soll, dann musst du auch hinhören. Und glaube mir, Gott hat mehr zu sagen, als du. Darum sollte deine Gebet zum größeren Teil aus Schweigen und Hören bestehen. So öffnest du Gott die Tür. Du öffnest dein Ohr, um auf ihn zu hören. Du öffnest dein Herz für die Eindrücke seiner Liebe.

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm, schreibt der Apostel. Ein Wächter zeichnet sich aus durch offene Sinne: offene Augen, offene Ohren, dass er gleich mitbekommt, wenn was passiert. Im Gebet Wachen – das meint diese geistliche Aufmerksamkeit: mit offenen Sinnen auf Gott ausgerichtet sein.

Am besten immer! – Das ist ja das Gute, dass Gott immer für uns da ist. Wir können immer zu ihm kommen, uns beständig auf ihn ausrichten. Bei der Arbeit, im Gespräch, wo immer ich bin, was immer ich tue, kann ich mit meinem Herzen doch bei Gott sein. Einen Gedanken als Gebet zu ihm schicken. Ihn mit einbeziehen. Und so kommt auch umgekehrt Gott bei uns zu Wort.

Beten ist beides: Reden und Hören, Geben und Empfangen. Es öffnet unsere Türen für Gott.

Bei Paulus und Silas im Gefängnis hat das Gebet eben nicht nur die Gefängnistüren geöffnet. Schon zuvor waren die Herzen dieser beiden ganz offen für Gott. So konnten sie überhaupt Gott loben und danken in dieser üblen Situation. Das Gebet hat ihren Blick verändert. Sie waren nicht mehr von den äußeren Umständen bestimmt, sondern davon, dass Gott ihrem Herzen viel näher war als die Kerkermauern.

Beten öffnet Türen zu Gott. Beten öffnet auch Türen zu den Menschen.

Paulus erwartet nicht, dass die Kolosser dafür beten, dass Gott ihm die Gefängnistüren wieder öffnet, sondern dass Gott ihm eine Tür für das Wort auftue – so schreibt er. Denn Gottes Wort soll offene Türen bei den Menschen finden. Nicht, dass Paulus selber die körperliche Freiheit wiedererlangt, ist ihm wichtig, sondern dass das Wort Gottes frei und ungehindert zu den Menschen gelangt. Im Fall des Kerkermeisters von Philippi traf sich beides glücklich. Die Gefängnistüren öffneten sich und eben dadurch öffneten sich auch die Herzenstüren des Gefängnisaufsehers. – In einem anderen Gefängnisbrief kann Paulus geradezu das Gegenteil berichten; vor einigen Wochen haben wir es gehört, wie er im Philipperbrief schreibt: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind um so kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu. – Da hat sich gerade dadurch, dass die Gefängnistüren verschlossenen waren, eine andere Tür für das Wort Gottes aufgetan.

Das ist auch ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Gott Gebete erhören kann. Beten heißt ja nicht, Gott in eine bestimmte Richtung zu drängen oder gar ihn zu etwas zu bewegen, was er selber nicht möchte. Beten heißt doch vielmehr: sich öffnen, offen werden für die Wirkungsmöglichkeiten Gottes. Wir wissen nicht, wie Gott unsere Gebete erhört, aber wir dürfen gewiss sein, dass er sie erhört.

Dieses Anliegen, dass sich für das Wort Gottes Türen zu den Menschen öffnen, ist Gottes eigenes Anliegen. Wenn wir ihn darum bitten, wenn wir uns im Gebet mit ihm eins machen darüber, dann wird er es auch tun. Heute wie damals. – Die Frage ist nur: Ist uns das überhaupt selber noch ein Herzensanliegen?

Beten heißt gewiss nicht, die gefalteten Hände in den Schoß legen und Gott einfach machen lassen. Durch unser Gebet öffnen sich auch Türen für uns, Türen, durch die wir hindurchgehen können und sollen, Türen zu unseren Mitmenschen.

Damit hängt der zweite Teil unseres kurzen Predigttextes zusammen: Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt. – Es geht darum, dass zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Christen und Nichtchristen, zwischen Kirche und Welt die Türen nicht verschlossen sind. Sie sollen offen sein, damit das Wort Gottes, das Geheimnis Christi, durch uns nach außen dringt zu den Menschen, die ihn nicht kennen oder ihm nicht glauben. Es geht darum, dass wir einladend leben und nicht abschreckend. Es geht darum, dass wir in der Lage sind, von unserem Glauben und unserer Hoffnung Rechenschaft zu geben. Dabei muss keiner von uns – höchstens ich – hoch gebildete theologische Erklärungen abliefern können. Aber wir sollten doch wenigstens, wenn wir gefragt werden, was wir glauben und was wir davon haben, dass wir glauben, um eine Antwort nicht verlegen sein. Denn diese Antwort, die hast du doch selber schon gefunden für dein Leben, lieber Bruder, liebe Schwester – oder nicht?

Freundlich und mit Salz gewürzt sollen unsere Antworten sein. Nicht fade, nicht süßlich, nicht gepfeffert, sondern herzhaft und schmackhaft. Durch unser Reden den Glauben schmackhaft machen. Und nicht nur durch unser Reden. Antwort geben können ist wichtig. Aber so leben, dass wir nach Antworten gefragt werden, auch. – Bei uns als einzelnen Christen öffnen sich die Türen zu den anderen Menschen hin, die Türen für das Wort Gottes. Durch gezielte kirchliche Veranstaltungen oder Evangelisationen kommen viel weniger Menschen zum Glauben als durch das glaubwürdige Leben anderer Christen. Da, zwischen Mensch und Mensch müssen sich die Türen öffnen.

Und der Schlüssel für diese Türen ist wiederum das Beten. Weil wir im Beten hören und uns selber auf Gott einstellen und ausrichten, so dass er durch uns zu den Menschen kommen kann. Wenn er eine offene Tür zu unserem Herz findet, dann tut er bei uns auch die Tür nach der anderen Seite, zu unseren Mitmenschen auf.

Beten öffnet Türen. Mögen wir das immer wieder erfahren.