Samstag, 26. Mai 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

das Leben genießen – das war mein Thema in den vergangenen Tagen an dieser Stelle. Jeder muss zugeben, dass es Zeiten im Leben gibt, wo einem das nicht so gut gelingt: Tage, Wochen, Jahre, die einem schwer werden. Ich denke an Zeiten der Sorge, wo uns das Befinden von engen Angehörigen oder Freunden oder auch das eigene zu schaffen macht. Ich denke an Zeiten der Krankheit. Wenn es mich aus den Latschen haut und ich im Krankenhaus lande, ist die Lebenslust zweifellos beeinträchtigt; erst recht, wenn ich erfahren muss, dass die Aussichten auf Besserung nicht eben glänzend sind. Und dann ist da gar noch der Tod, der der Lebenslust völlig den Garaus zu machen droht. Neulich wurde ich zu einer Urlauberin gerufen, der ihr Mann auf der Liege am Pool weggestorben war. Da sind dann Sonne, Meer und Berge völlig egal.


Ebenso wenig wie ich die Welt zum Jammertal erkläre, wo alles nur furchtbar ist, möchte ich sie auf der anderen Seite zum Paradies verklären, wo alles nur schön und gut ist, wenn man nur versteht das Leben zu genießen.


Ich meine aber: Wir können das Leben anders, mehr genießen, wenn wir um seine Grenzen wissen. Wenn es mir gut geht, und ich weiß, es ist nicht selbstverständlich, dann kann ich um so dankbarer sein. Wenn ich weiß, die Tage meines Lebens sind gezählt, auch die Tage, die ich bei guter Gesundheit und geistiger und körperlicher Fitness verbringen darf, dann werde ich diese Tage um so dankbarer annehmen und um so bewusster genießen.


Und vielleicht habe ich bei all dem noch die wunderbare Gabe, auch mit und trotz Einschränkungen und Unvollkommenheiten das Gute sehen zu können. Ich kenne Menschen, die sagen: "Ich bin jetzt in die Achtzig. Es geht nicht mehr so. Meine Gesundheit lässt nach. Ich werde wohl auch nicht mehr lange zu leben haben. Aber ich bin dankbar, dass ich noch so fit bin, wie ich bin. Ich bin froh, dass man mir auch medizinisch so gut helfen kann, wie es eben geht. Und ich freue mich, dass ich noch immer vieles am Leben genießen kann: gutes Essen und Trinken und das geistreiche Zusammensein mit anderen. Und ich bin dankbar für das schöne, reiche, wunderbare Leben, das ich führen durfte."


Ob ich selber einmal zu solch einer dankbaren Haltung finden kann, wenn mir’s nicht mehr so gut geht, weiß ich nicht. Aber ich hoffe es und bete darum.