Montag, 2. Mai 2011

Predigt am 1. Mai 2011 (Quasimodogeniti)

Jesus offenbarte sich abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: "Ich will fischen gehen." Sie sprechen zu ihm: '"So wollen wir mit dir gehen." Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: "Kinder, habt ihr nichts zu essen?" Sie antworteten ihm: "Nein." Er aber sprach zu ihnen: "Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden." Da warfen sie das netz aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: "Es ist der Herr!" Als Simon Petrus hörte, dass es der Her war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: "Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!" Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen. "Kommt und haltet das Mahl!" Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: "Wer bist du?" Denn sie wussten, dass es der Herr war. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische. Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.
Johannes 21, 1-14


Liebe Gemeinde,

heute ist der 1. Mai, Tag der Arbeit. Und passend dazu, treffen wir die Jünger Jesu eine Woche nach Ostern bei der Arbeit an.

Ich will fischen gehen. – Eine gute Idee, vor allem wenn man Fischer ist, so wie Simon Petrus. Wir kommen mit, sagen die andern, und es ist auch eine gute Idee, denn die meisten von ihnen sind auch Fischer. Sie gehen zusammen auf Arbeit – alles ganz normal.

Ja, denn die Normalität zieht wieder ein nach aufregenden Tagen, nach aufregenden Jahren. Die Fischer gehen wieder fischen. Zuvor sind sie drei Jahre mit Jesus umhergezogen, haben ihm zugehört und zugesehen und vielleicht auch ihm zugearbeitet. Aber dann in Jerusalem eskalierte die Geschichte. Jesus wurde verhaftet, verhört, verurteilt in einem Schnellverfahren, von den Römern gekreuzigt und von einem Freund begraben. Dann war sein Grab plötzlich leer, und er selber war wieder da, bei ihnen. Aber nur kurz. Zeigte sich, sprach mit ihnen und verschwand wieder.

Der Tod war nicht endgültig, das war tröstlich. Ja, das war großartig! Und doch – oder gerade deshalb? – war es nicht mehr wie zuvor. War er nicht mehr wie zuvor. Sie kamen sich alleingelassen vor, seine Freunde, seine Jünger, wie verwaist.

Ich will fischen gehen. – Wir kommen mit. Damit kehren sie zurück in die Normalität. Um drei Jahre reicher an Erfahrung, an Wissen und Ahnung über Gottes Reich, geprägt von der Gegenwart des Herrn. Aber es ist wie das Erwachen aus einem schönen Traum. Vielleicht können sie von dem Traum etwas mitnehmen in die Normalität. Vielleicht.

Fischefangen. Die Normalität ist mühevoll. Die Arbeit erfolglos. Die ganze Nacht werfen sie da und dort die Netze aus. Sie bleiben leer. Jedenfalls ist nichts Nennenswertes drin. Vielleicht ist es Pech. Vielleicht fehlen ihnen auch drei Jahre an Erfahrung und Übung im Fischen.

Müde und enttäuscht kehren sie zum Ufer zurück. Da steht einer. Und wie zum Hohn fragt er: Kinder, Habt ihr nichts zu essen? Nein. Kürzer kann man nicht antworten: Nein. – Nein, wir haben nichts zu essen. Nein, wir haben nichts gefangen. Nein, wir können dir nichts geben. – Im griechischen Text kommt die Einsilbigkeit und Dumpfheit ihrer Antwort noch besser heraus. Nein heißt einfach ou. – Ou – das war's.

Das wär's gewesen, wenn der Fremde nicht in Wahrheit ein guter Bekannter gewesen wäre: Jesus. Auch wenn sie ihn nicht erkennen, sie hören auf ihn und gehorchen ihm. Es ist eben die Stimme ihres Herrn, auch wenn das im Moment nur ihr Unterbewusstsein weiß: Fahrt noch mal raus! Werft noch mal die Netze aus! Und zwar auf der rechten Seite; so wird‘s klappen.

Warum eigentlich sollte es so besser gehen? Warum eigentlich sollten sie dieser Aufforderung folgen? – Nur aus einem Grund: Weil Jesus es ihnen sagt. Es ist der Herr.

Und genau diesen Satz spricht dann einer von ihnen aus, als sie die vielen Fische nicht ins Boot ziehen können: Es ist der Herr. – Der Lieblingsjünger ist es, der das sagt. Der Jesus von allen am nächsten stand.

Und während er noch staunt und zum Ufer schaut, zu Jesus, dem Herrn, ist der andere, der immer vorneweg war, auch hier schon wieder ihm voraus: Durchs Wasser watet er zum Ufer, zu Jesus. Die anderen bringen das Boot und die Fische.

Und dann stehen sie und staunen und wissen nicht, was sie sagen sollen. Na los, bringt die Fische an Land, sagt Jesus, und sie tun es. Obwohl inzwischen Fische da sind, schon gebraten auf dem Feuer, und Brot dazu. Sie kommen eigentlich zu spät mit ihrem Fang. 153 große Fische, der Fang ihres Lebens, aber das, was sie jetzt brauchen, sind die wenigen Fische auf dem Feuer, das Brot und ihr Herr, der sie einlädt: Kommt und haltet das Mahl!

Während sie immer noch nicht wissen, was sie sagen sollen, wie sie mit ihm reden sollen, gibt er ihnen Brot und Fisch, und sie essen, und sie sind zusammen. Es ist eine merkwürdige Distanz zwischen ihnen und Jesus. – Aber wie sollen sie auch normal umgehen mit einem, der aus dem Tod zurückgekehrt ist. Der, obwohl derselbe, doch ein ganz anderer ist als zuvor. Wie sollen sie anders mit ihm umgehen, als auf ihn zu hören und mit ihm das Mahl zu feiern?

Und dieses Mahlzeit ist es dann auch, die dann ein entscheidendes Gespräch eröffnet. Da ist noch etwas zu klären: Sie hatten ihn alleingelassen, als er verhaftet, verurteilt, getötet wurde. Und Petrus hatte behauptet, ihn gar nicht zu kennen. Jetzt macht Jesus mit ihm, mit ihnen allen einen neuen Anfang.

Wenn ich das richtig verstanden habe, sind sie danach nie wieder fischen gegangen. Sie sind nie wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt. Sie waren wieder das, was sie schon die letzten Jahre mit Jesus gewesen sind: Seine Jünger, seine Apostel. In die Welt gesandt, um sein Wort zu sagen und sein Mahl zu teilen. Menschenfischer.


Ich mag diese Geschichte. Vielleicht schon allein wegen dieses starken Bildes: ein Feuer mit Fisch und Brot im Morgengrauen am Seeufer. Und Jesus ist da.

Mein Platz in dieser Geschichte wäre wahrscheinlich der von einem der ungenannten Jünger. Ich erlebe es mit, aber nicht in der Hauptrolle. Ich bin nicht so mutig und auch nicht so feige wie Petrus. Ich bin auch nicht des Herrn Lieblingsjünger, ich hätte ihn bestimmt nicht gleich erkannt.

Aber wenn mir einer gesagt hätte: Es ist der Herr, dann wohl sicherlich. Ich hätte mit gestaunt über das Wunder. Ich wäre mit ans Feuer getreten, hätte kein Wort gesagt, aber ich hätte Brot und Fisch aus der Hand des Herrn genommen und mit ihm, mit den andern allen gegessen.


Was Auferstehung bedeutet, was es heißt, dass Jesus lebt, wie er auch uns mitten in unserem Leben, in der Normalität, der Arbeit, dem Alltag begegnet, das ist nichts, was ich euch wissenschaftlich auseinandersetzen kann, theologisch erklären. Es ist eine Erfahrung.

Für manche ist diese Erfahrung so ähnlich wie das, was diese sieben Jünger am See Tiberias erleben: Mitten in der Normalität von Arbeit, Misserfolg, ungeklärten Fragen und nagenden Zweifeln ist der Auferstandene plötzlich da. Sein Wort ist da und weist uns einen Weg. Weggefährten sind da. Und Wegzehrung ist da: Brot und Fisch, Brot und Wein. Er selbst ist da, der Gastgeber. Der uns annimmt, der mit uns noch etwas vorhat.

Und drüben über dem See geht die Sonne auf.