Dienstag, 26. April 2011

Predigt vom 24. April 2011 (Ostersonntag)

Als der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der  Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: "Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt." Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: "Seid gegrüßt!" Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: "Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen; dort werden sie mich sehen."
Matthäus 28, 1-10


Liebe Gemeinde,

die Auferstehung Jesu ist ein welterschütterndes Ereignis. Nirgendwo in der Bibel wird das deutlicher ausgedrückt als hier, in der Ostererzählung des Matthäus: Die Erde erbebt. Und die Herzen der Menschen erbeben. Ein Engel fährt vom Himmel herab wie ein Blitz und öffnet das verschlossene Grab. Die Grabwachen fallen um wie tot. Und der Tote erscheint unter den Lebenden. Aus Furcht wird Freude. Aus dem, was sie gesehen und gehört haben, wird Verkündigung, die Botschaft, die seither die Welt verwandelt.

Jeder erzählt von der Auferstehung Jesu etwas anders. Schon in der Bibel. Zwei Frauen, drei Frauen, noch mehr Frauen; ein Engel, zwei Engel, gar kein Engel. Im Entscheidenden stimmen sie überein: Das Grab ist leer, der Gekreuzigte lebt. Menschen begegnen ihm und werden erschüttert und verändert und sagen sein Wort weiter.

Erschütterung des Herzens ist immer, wo wir der Grenze zwischen Tod und Leben nahe kommen. Das Grab, der Friedhof ist naturgemäß ein Ort der Erschütterung. Wo wir am offenen Grab eines Menschen gestanden haben, der uns nahe war, wo wenig später Erde oder eine Steinplatte ihn vor uns verbarg, wo wir uns nicht mehr vorstellen mochten, was darunter noch von ihm übrig bleiben mochte, da ist jedem von uns schon das Herz erschüttert gewesen. Der Stein vor dem Grab steht für diese Grenze, die den Tod vom Leben scheidet.

Vielleicht gibt es ja für uns ein Jenseits, ein Jenseits dieser Grenze. Aber es entzieht sich uns, wir haben nur unvollkommene Bilder, an denen unser Denken scheitert. Und dann sind sie wieder, die Zweifel, die uns sagen wollen: Das Jenseits ist ein Nichts. Bis wir verzweifelt feststellen, dass wir uns Nichts nicht vorstellen können.
Und genau hier, an der Grenze zwischen Tod und Leben, erschüttert die Auferstehungsbotschaft unsere Erschütterung.

Zunächst macht sie die Erschütterung noch größer: Er ist nicht hier. Es ist anders, als ihr denkt. Eben noch das Spektakel mit Engel und Steinwegwälzen, und schon heißt es: "Hier gibt‘s nichts zu sehen; gehen Sie bitte weiter!"

Aber dann weist sie uns den Weg aus dem Tod ins Leben. Statt in die Spekulation über das Leben nach dem Tod kehren wir aus dem Tod ins Leben zurück und begegnen dem Auferstandenen. Dem, der als erster aus dem Tod ins Leben zurückgekehrt ist.

Ja, das ist erschütternd, diesem Toten bei den Lebendigen zu begegnen. Aber er ist ja nicht mehr der Tote. Er ist der Lebende unter den Lebenden, um ihnen die Todesangst zu nehmen.

Fürchtet euch nicht!, ist seine Botschaft. War schon die Botschaft seines Boten. Wo die einen zu Tode erschrocken sind, die Wächter des Todes nämlich, da ruft der Engeln den Frauen zu: Fürchtet ihr euch nicht!

Dasselbe sagt der Auferstandene selber, als sie vor ihm niederfallen, seine Füße umfassen, weil sie es noch nicht fassen können, weil sie so erschüttert sind: Fürchtet euch nicht!

Wovor auch? Wovor sollen sie sich noch fürchten, wenn der Tod tot ist?

Die Auferstehung Jesu ist welterschütternd, weil sie unsere Todesgewissheit erschüttert.

Nichts ist so sicher wie der Tod, meinen wir. Das Leben ist begrenzt; der Tod ist für immer. Nutze die Zeit zum Leben, ehe es ans Sterben geht.

Der Auferstandene sagt uns: Es ist umgekehrt. Der Tod ist begrenzt; das Leben ist für immer.

Am offenen Grab eines Menschen lesen wir deshalb seine Worte, die unsere Todesgewissheit erschüttern und unsere Erschütterung auffangen sollen. Fürchtet euch nicht!

Die Auferstehung Jesu ist welterschütternd, weil sie unsere Lebensangst erschüttert.

Lebensangst ist die Kehrseite der Todesgewissheit. Die Angst, das Leben zu verpassen. Es vergeht, es könnte an mir vorbeigehen. Ich könnte es verpassen, verpfuschen, verwirken. Was ich in diesem Leben nicht erlebe, erlebe ich nie. Was mir in diesem Leben entgeht, entgeht mir für immer.

Der Auferstandene sagt uns: Ihr sollt das Leben und volle Genüge haben (Johannes 10, 10). Mit mir verpasst ihr nichts, aber ihr gewinnt alles. Selbst wenn ihr euer Leben verliert, werdet ihr das wahre Leben finden (Matthäus 16, 25 u.a.). Ihr sollt leben, auch wenn ihr sterbt (Johannes 11.25). Fürchtet euch nicht!

Manche haben gemeint, die Auferstehungsbotschaft würde das Leben, dieses Leben hier auf Erden abwerten, unwichtig machen. Alles nicht so wichtig, es geht ja weiter, das Beste kommt ja noch. Sie haben gemeint, man könnte dieses Leben leichten Herzens aufs Spiel setzen. Sie haben gemeint, man könnte leichtfertig den Leib töten, um die Seele zu retten. – Das alles ist ein Missverständnis. Der gekreuzigte Christus nimmt die Seinen ja nicht mit ins Grab. Er ruft sie nicht ab aus dieser Welt. Nein, er kommt ihnen aus dem Grab entgegen ins Leben. Und er schickt sie in diese Welt hinein.

Ostern ist der Sieg des Lebens über den Tod. Aber nicht die Bagatellisierung des Todes. Im Gegenteil: Wer an die Auferstehung glaubt, kann auch den Tod ernst nehmen. Und das Leben.

Die Auferstehung Jesu ist welterschütternd, weil sie unsere Gleichgültigkeit erschüttert.

Es könnte ja sein, dass uns die Frage nach Leben und Tod schon gleichgültig geworden ist. Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, dass das Leben vorbeigeht und dass es tödlich endet. Vielleicht verdrängen wir unsere Angst und Ungewissheit, oder wir machen einfach das Beste daraus.

Es könnte sein, dass uns auch die alte biblische Geschichte gleichgültig lässt. Zu widersprüchlich, zu unglaubwürdig, zu märchenhaft. – Vielleicht ist sie aber gerade deshalb so übertrieben erzählt worden, um die Erschütterung auszudrücken und auszulösen, die wir brauchen.

Die Botschaft von der Auferstehung will uns aufrütteln, erschüttern, damit wir den Tod ernst nehmen und das Leben.

Zuletzt und vor allem aber will sie uns froh machen.

Die Frauen liefen nach den Worten des Evangelisten vom Grabe weg mit Furcht und mit großer Freude. Und als sie Jesus begegnen, nimmt er ihnen nicht nur die Furcht – Fürchtet euch nicht! –, sondern er verstärkt ihre Freude: Freut euch!, so lautet sein Gruß, den wir üblicherweise mit Seid gegrüßt! übersetzen. Wörtlich heißt er: Freut euch!

Diese Frauen, die die ersten Auferstehungszeugen waren, haben die Osterfreude weitergetragen. Sie ist bis zu uns gelangt.

Darum singen wir: Auf, auf, mein Herz mit Freuden, nimm wahr, was heut geschicht!

Mögen wir es wahrnehmen, möge die Freude uns ergreifen, mögen wir ohne Furcht mit Christus ins Leben gehen.