Montag, 11. April 2011

Predigt vom 3. April 2011 (Lätare)

gehalten in Playa de Las Américas, und am 9. April 2011 in San Sebastián


Jesus sprach: "Mein Fleisch ist die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit." Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum war.
Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: "Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?" Da Jesus bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: "Ärgert euch das? Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? Der Geist ist's, der lebendigt macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht." Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sprach: "Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben."
Johannes 6, 55-65

Liebe Schwestern und Brüder,

mindestens einmal im Monat feiern wir Heiliges Abendmahl, so auch heute. Wir versammeln uns um den Altartisch, den Tisch des Herrn. Wir teilen Brot und Wein – wenn auch nur in kleinen Portionen. Wir werden daran erinnert, dass Jesus Christus für uns sein Leben in den Tod gegeben hat: Christi Leib, für dich gegeben! – Christi Blut, für dich vergossen! Wir essen und trinken, und wir glauben: Er ist hier, wo wir feiern. Er nimmt uns an, so wie wir sind. Er vergibt und befreit. Und wir nehmen ihn an, so wie wir Brot und Wein annehmen, aufnehmen in unser Leben. Wir fassen einander an den Händen: Wir gehören zusammen, weil wir zusammen ihm gehören.

Was da geschieht, im Heiligen Abendmahl, das können wir nur schwer in Worte fassen. Es ist und bleibt geheimnisvoll: Geheimnis des Glaubens – wie es in manchen Abendmahlsliturgien heißt.

Das Geheimnis des Glaubens kann man freilich auch leicht missverstehen. Wo die passenden Worte fehlen, reden wir schnell mit unpassenden Worten aneinander vorbei. Das Heilige Abendmahl, das uns am Tisch des Herrn vereinigt, es trennt zugleich zwischen Christen unterschiedlicher Konfessionen. Es ist eines der Haupthindernisse zur Einheit der Kirche.

Die einen sagen: Ich und meine evangelischen Amtsbrüder und -schwestern, wir hätten gar nicht die geistliche Vollmacht und Befähigung ein gültiges Abendmahl zu feiern.

Die anderen sagen: Darauf kommt es nicht an, sondern auf die richtigen Worte, so wie Jesus sie gesagt hat, so wie sie in der Bibel stehen, machen das Abendmahl zu einem echten Herrenmahl.

Wieder andere meinen: Entscheidend sind nicht die Worte, entscheidend ist der Glaube. Ich muss glauben, dass ich wirklich das Mahl des Herrn empfange und darin Vergebung, Zuspruch und Stärkung, sonst nützt es mir nichts.

Andere noch verschärfen das: Wenn du nicht glaubst, dann wird das Mahl für dich nicht Gottes Heil, sondern Gottes Gericht sein.

Die einen sagen: Brot und Wein werden wahrhaftig und unsichtbar in Leib und Blut Christi verwandelt.
Die anderen sagen: Brot und Wein sind sichtbares Zeichen, Symbol für die Gegenwart Christi, die ich aber eigentlich im Geiste erfahre.

Dazwischen stehen diejenigen, die sagen: Christus ist, wie auch immer, im Brot und im Wein gegenwärtig.

Ich deute damit nur einige Punkte an, die unter den Christen verschiedener Herkunft umstritten sind und die es nach wie vor schwer machen, an einem Tisch miteinander das eine Mahl des einen Herrn zu feiern. Dahinter stehen komplizierte theologische Fragen, die man durchaus ernst nehmen muss.

Es ist noch keine vierzig Jahre her, dass auch evangelische Christen aus unterschiedlichen Kirchen, die doch auch damals schon in der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, vereint waren, noch nicht miteinander Abendmahl feiern konnten. Lutheraner und Reformierte waren seid dem 16. Jahrhundert untereinander zerstritten über die Frage, ob Brot und Wein nun Leib und Blut Christi sind oder Leib und Blut Christi bedeuten.

Mir scheint, all diese Streitpunkte kommen daher, dass wir es eben mit einem Geheimnis zu tun haben, dem wir uns immer nur auf unterschiedliche Weise annähern können. Und manche nähern sich von entgegengesetzten Richtungen an.

Zumindest hat das Herrenmahl eine Perspektive: Es ist das Mahl des kommenden Gottesreiches. Im Himmel wird es keine getrennten Tische für Katholiken, Lutheraner und Reformierte mehr geben.

Interessant ist ja, dass die Rede Jesu, in der er sich als Brot des Lebens bezeichnet, schon damals, in unserem heutigen biblischen Abschnitt, zu Missverständnissen und Streit, Ärger und Spaltungen führt.

Wir haben nur einen kleinen Ausschnitt dieser Rede gehört. Eigentlich ist es das ganze 6. Kapitel im Johannesevangelium, das um dieses eine Thema kreist: Jesus, das Brot des Lebens. Jesus, das Brot, das vom Himmel kommt. Jesus, die wahre Speise.

Und eigentlich ist es ein ganz leicht verständliches Bild: Brot, das Grundnahrungsmittel. Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem wir nicht in irgendeiner Form Brot essen. Es ist kräftig, nährt, macht satt, schmeckt gut. Manchen ist vielleicht noch die Auswahl an verschiedenen schmackhaften Brotsorten vom Weltgebetstag gegenwärtig.

Unser tägliches Brot gib uns heute, beten wir, weil Jesus es uns so gelehrt hat. Das tägliche Brot – der Inbegriff für das, was wir zum Leben brauchen – wirklich brauchen.

Wer noch die Erfahrung gemacht hat, dass das Lebensnotwendige nicht selbstverständlich ist, dass es hart erarbeitet, vielleicht sogar erbettelt, erkämpft, für teuren Gegenwert eingekauft werden muss, der weiß, was diese Bitte bedeutet.

Jesus beginnt mit dem Elementaren, dem täglichen Brot. "Erst kommt das Fressen, dann die Moral", hat Brecht gesagt. Jesus macht zuerst 5000 Leute satt, dann belehrt er sie darüber, was sie darüber hinaus brauchen. – Das Traurige ist: Sie wollen beim Fressen, beim täglichen Brot stehen bleiben. Es würde ihnen reichen, wenn sie einen hätten, der ihnen das tägliche Brot ohne Mühe, oder besser noch die gebratenen Tauben vom Himmel garantieren würde.

Diesem Anspruch entzieht sich Jesus. Er möchte mehr geben. Er möchte das geben, was sich Menschen nicht selber erarbeiten können: Brot, das vom Himmel kommt. Mehr noch: er möchte das sein, was Menschen sich nicht selber geben können: Grundnahrungsmittel – nicht für den Leib, sondern für Seele und Geist.
Das Geheimnis Jesu ist seine Hingabe an die Menschen.

Brot ist nicht zum Anschauen da, sondern zum Verzehr bestimmt. Jesus lässt sich verzehren von dieser Welt. Gebrochen und zerrissen wie Brot. Er gibt sich ganz hin. Er gibt der Welt sein Leben – das ewige Leben. So ist er unser Nahrungsmittel zum ewigen Leben.

Jesus drückt sich drastisch aus, wenn er davon spricht, dass wir Menschen ihn essen sollen – mit Fleisch und Blut. Er drückt es so drastisch aus, weil seine Hingabe so drastisch ist: Er fährt nicht unberührt und schmerzlos zum Himmel auf. Er stirbt am Kreuz. Und da stirbt nicht irgendein menschlicher Scheinleib, der den Gottessohn nur umgibt, da leider er selber den Tod, mit allen Schmerzen des Leibes und der Seele.

Im Abendmahl haben wir teil an dieser drastischen Hingabe Jesu für uns: Christi Leib, für dich gegeben. Christi Blut, für dich vergossen. Wir essen und trinken, um es selber leiblich und geistlich zu erfahren, was Christus für uns ist. Er ist das Brot des Lebens. Bild und Wirklichkeit überschneiden sich: Wir essen Brot und nehmen Ihn auf in unser Leben. Wir trinken Wein und werden von seiner Lebendigkeit durchdrungen.

Geheimnis des Glaubens. – Wirklich erklären, wirklich begreifen können wir es nicht. Aber miteinander feiern. Ihr seid eingeladen an den Tisch des Herrn – auch heute wieder!