Montag, 18. April 2011

Predigt vom 17. April 2011 (Palmsonntag)

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbaren Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: "Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben." Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: "Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.
Markus 14, 3-9

Liebe Gemeinde,

heilige Verschwendung – so könnte man diese Geschichte überschreiben. Sie fügt sich gut ein in diese Reihe von Predigttexten, die uns in letzter Zeit begleitet hat: Maria, die ihre Zeit an Jesus verschwendet, um ihm zuzuhören, während ihre Schwester sich den praktischen Dingen des Lebens – Kochen und Backen – widmet. Die arme Witwe, die ihre letzten Ersparnisse verschwenderisch in die Kollekte tut, obwohl sie dann selber nichts mehr für ihren Lebensunterhalt haben wird. Und heute nun die Frau, die ihr teures Parfümöl an Jesus verschwendet.

Übrigens, wenn man die Bibel quer liest – das Lukas- und das Johannesevangelium mit einbezieht und miteinander verbindet –, dann könnte man annehmen, dass es dieselbe Maria ist, die schon damals ihrer Schwester nicht geholfen hatte, um lieber mit Jesus zusammen zu sein. Ihr erinnert euch vielleicht: Der Typ Kanzelschwalbe. Und jetzt salbt sie Jesus mit Nardenöl.

Hand aufs Herz: Wenn wir nicht durch Jesus und seine Worte vorprogrammiert wären, würden wir nicht auch auf Seiten derer stehen, die sich über diese Frau echauffieren? Was hätten wir gesagt, wenn wir dabei gewesen wären?

Was sie tut, gehört sich einfach nicht: Sie stört die Runde an Simons Tisch, dringt ein, nimmt den Ehrengast in Beschlag und das auch noch in einer höchst anzüglichen Weise. Es ist einfach peinlich!

Was sie tut, ist die reine Verschwendung: Ein ganzes Alabasterfläschchen mit Salböl, das Teuerste vom Teuren: Narde ist eine Duftpflanze, die nur im Himalaja wächst. Das ist kein Billig-Parfüm vom Drogerie-Discounter! 300 Denare teuer, sagen sie: ein Denar ist ein Tageslohn, 300 Denare fast ein Jahreseinkommen. Wahnsinn! Die Frau ist wahnsinnig! – Wenn schon, dann hätte es doch auch ein Tröpfchen getan.

Vielleicht schwingt da auch Neid mit: Man muss ja erst mal was haben, um verschwenden zu können. Es ist die altbekannte Vernunftnummer: Wozu braucht man schon einen Porsche oder eine teure Villa oder eine Jacht! Ist doch nur Verschwendung! – Natürlich braucht man das alles nicht. Aber verschwenderisch leben zu können, ist am Ende doch angenehm, und wer es nicht kann, wird leicht neidisch.

Und dann kommt das soziale Argument: Die Armen, die sozial Schwachen, die Kinder in Afrika … Die Anwesenden rechnen nach: 300 Tageslöhne – man könnte eine Familie fast ein ganzes Jahr lang satt machen, man könnte 300 Familien einen Tag lang satt machen. Wäre das nicht besser, als das Geld gleichsam in Luft aufzulösen, in Wohlgeruch und weiter nichts?

Diese Sicht ist uns doch nicht fremd, und es ist moralisch fast unmöglich, zu sagen: Nein, heute verschwenden wir lieber unsere Mittel, um Jesus zu ehren, anstatt irgendwelchen Armen zu helfen.

Diese Frau geht ganz anders heran, als wir es tun würden, vor allem ganz anders als die Männer, die dabei sind. Sie kümmert sich nicht darum, was sich gehört und was nicht. Sie folgt ihrem Herzen.

Sie rechnet nicht: Sie berechnet nicht, was sie selber davon hat, was sie selber dadurch verliert, was andere davon haben oder nicht. Es spielt keine Rolle. Sie folgt ihrem Herzen.

Sie geizt nicht, sondern sie gibt, was sie hat: alles und das Beste. Weniger wäre zu wenig. Sie folgt ihrem Herzen.

Und dieses Herz ist ganz bei Jesus. Vielleicht hat das auch mit menschlicher Liebe zu tun, mit Erotik: Sie berührt ihn, sie gießt das Duftöl auf seinen Kopf, verreibt es vielleicht mit ihren Händen … Aber vielleicht ist in dieser Liebe auch viel mehr: die Ahnung dessen, dass sie es nicht nur gefühlt mit dem großartigsten Mann der Welt zu tun hat, sondern tatsächlich mit dem bedeutendsten Menschen, der je gelebt hat, dem Menschen Gottes, dem Gottmenschen.

So ganz genau wissen wir es nicht, was ihr Herz bewegt, aber dass sie ganz und gar ihrem Herzen folgt, das sehen wir. Und Jesus hat es gesehen, hat sie gelobt, sie in Schutz genommen und ihr Tun für uns gedeutet. Für uns, denen unkonventionelles Verhalten und Verschwendung eigentlich suspekt sind. In Jesu Augen, mit denen auch wir zu sehen eingeladen sind, ist es heilige Verschwendung.

Als erstes sagt Jesus: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? – Schon das könnte ein guter Grund sein, jemanden nicht zu tadeln, selbst wenn wir sein Verhalten tadelnswert finden – oder es einfach nicht verstehen: Ihn oder sie nicht betrüben! Man kann sich sein Teil denken, aber das ist noch lange kein Grund zur offenen Kritik zu schreiten. Jesus meint: Vielleicht findet ihr das nicht so toll, was der eine oder die andere tut; aber lasst sie doch, sie meint es gut!

Aber er fügt noch deutlich mehr hinzu: Sie hat ein gutes Werk an mir getan. – Die Gäste argumentieren ja mit guten Werken, mit Armenhilfe und Sozialarbeit nämlich. Jesus sagt: Es gibt noch andere gute Werke.
Wir mögen an das Doppelgebot der Liebe denken: Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. – Man kann es so sehen, dass die Kritiker die Nächstenliebe gegen die Gottesliebe ausspielen. Dabei ist doch Gott lieben noch ein kleines bisschen wichtiger als den Nächsten zu lieben.

Aber auch wenn man in Rechnung stellt, dass die Menschen damals noch nicht einfach in Jesus Gott selber erkannt haben, auch dann muss man bedenken, was Nächstenliebe bedeutet: Der Nächste, das ist wörtlich mein Nachbar, mein unmittelbarer Mitmensch, der mir am nächsten ist. Ich muss mich zuerst um meine Ehefrau, meine Kinder, meine Eltern kümmern, ehe ich mich um Arme kümmern kann. Natürlich ist mein Nächster, der, der vor mir liegt, weil er unter die Räuber gefallen ist. Aber nicht jeder, der irgendwo unter die Räuber gefallen ist, ist mein Nächster. Das überfordert mich. Nächstenliebe reicht, so weit wie meine Arme reichen. Fernstenliebe ist nicht Jesu Gebot. – Für die Frau mit dem Salböl ist Jesus der Nächste. Offenbar ist er ihrem Herzen so nahe. Und so ist das, was sie tut beides, ein Werk der Gottes- und der Nächstenliebe.

Jesus fährt fort: Ihr habt allezeit Arme bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit. Jesus ist schon etwas Besonderes, und so nimmt er ganz selbstverständlich auch das Besondere für sich an.

Ich finde das auch heute ganz wichtig. Uns liegt Sozialarbeit und das Geben für Hilfsbedürftige am Herzen. Zurecht. Aber es ist nicht unsere Hauptaufgabe als Christen, als Kirche. Wir müssen auch damit leben und umgehen, dass wir in dieser Beziehung immer an Grenzen kommen. Ihr habt allezeit Arme bei euch. Wir haben nicht die Verheißung, nicht den Auftrag und nicht die Mittel, die Armut zu beseitigen. Wir können im Rahmen unserer Möglichkeiten da oder dort helfen, mehr nicht. Und wahrscheinlich werden wir öfter Nein sagen müssen, als es uns lieb ist, wenn wir um konkrete Hilfe gefragt werden. Wir werden Nein sagen müssen auch zugunsten dessen, was unsere Verheißung und unser Auftrag ist: Jesus ehren, Gottesdienst feiern, Gottes Wort singen und sagen, Gemeinde sein, Menschen zum Glauben und zur Gemeinschaft einladen.

Ich sage das ganz bewusst auch im Blick auf unsere Gemeinde und unser Tun hier. Der Kirchenvorstand hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, dass wir künftig an einem Sonntag im Monat die Kollekte für unseren Sozialfonds oder für andere soziale Projekte sammeln wollen. Aber wir müssen wissen, dass wir damit nur in ganz begrenztem Maße helfen können, und dass die geistlichen Aktivitäten unserer Gemeinde Vorfahrt haben müssen. Und – ich füge das aus begründetem Anlass hinzu –: Unser Auftrag und unsere Nächsten hier auf Teneriffa sind die Menschen deutscher Sprache.

Ich sage das alles nicht aus Hartherzigkeit, sondern euch zum Trost und zur Erleichterung des Gewissens: Arme haben wir allezeit, und wir können ihnen im Rahmen unserer Möglichkeiten Gutes tun. Jesus aber ist der Wichtigste, ist der Mittelpunkt für uns. Für ihn zuerst lasst uns tun, was wir können!

Jesus sagt: Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. – Das ist merkwürdig. Es gibt dem – rational betrachtet so sinnlosen – Tun dieser Frau einen tiefen symbolischen Sinn. Sicher hat sie das nicht gewusst, dass Jesu Begräbnis bald anstand. Die Anwesenden werden schockiert gewesen sein über diese Aussage Jesu. Die Salbung bekommt etwas Prophetisches. Und in der Tat ist der Leichnam Jesu dann nicht, wie es üblich war, gesalbt und balsamiert worden. Die Frauen, die das am Ostermorgen nachholen wollten, kamen zu spät. Die, die es bei jener Mahlzeit getan hat, kam rechtzeitig.

So kann es auch sein: In dem, was von außen betrachtet sinnlos erscheint, kann ein tiefer Sinn verborgen sein.

Und so ist diese Begebenheit im Leben Jesu so bedeutend geworden, dass wir daran erinnern und sie im Gedächtnis behalten, so wie der Herr es vorausgesehen hat.

Ihr Beispiel lässt sich nicht ohne weiteres verallgemeinern. Aber Verschwendung, so sehen wir, kann schon sinnvoll sein, vor allem, wenn es heilige Verschwendung ist, Verschwendung für den Herrn.