Samstag, 2. April 2011

Predigt vom 27. März 2011 (Okuli)

Unter Verwendung einer Predigt von 2005


Liebe Schwestern und Brüder,

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an (1. Samuel 16, 7). Dieses schöne und bekannte Bibelwort passt hervorragend als Überschrift für unseren heutigen Predigttext.

Der Herr Jesus Christus, und die Menschen, die zu ihm gehören, seine Jünger, sehen gemeinsam auf dieselbe Szene, und sie sehen doch Verschiedenes.

Im Tempel stehen 13 große posaunenförmige Opferbehälter. Dort legen die Tempelbesucher ihre Gaben ein, so wie wir am Ausgang des Gottesdienstes unsere Gaben einlegen. Nein, es ist anders als bei uns: Sie übergeben ihre Spenden an einen Priester, der daneben steht, und die Spendensumme ausruft. Da werden zum Teil beachtliche Summen genannt.

Es wäre interessant zu sehen, was das für eine Wirkung hätte, wenn wir bekannt geben würden, was ein jeder ins Kollektenkörbchen einwirft. – Ob das unsere Kollektenaufkommen vergrößern würde? Oder unsere Gottesdienstbesucherzahl verkleinern?

Bei uns ist es nicht so, vielleicht zum Glück. Wir legen diskret etwas ein, drücken dem Pfarrer vielleicht noch mal vertraulich was in die Hand oder überweisen einfach unseren Gemeindebeitrag. Vielleicht denken wir auch an das Wort Jesu, dass die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte gibt (Matthäus 6, 3). Aber das ist nicht als Aufforderung zum Wenig-Geben gemeint, sondern als Schutz vor Stolz und Eitelkeit: Keiner soll sich mit seiner großen Spende brüsten; keiner soll sich wegen seiner kleinen Spende schämen. So geben wir nur die Gesamtspendensumme bekannt. Falls größere Einzelspenden genannt werden, dann jedenfalls nicht die Namen der Spender.

Anders ist es beim Sponsoring. Die Nordausgabe unseres Gemeindebriefs enthält beispielsweise namentliche Werbung von Firmen. – Das ist zum gegenseitigen Nutzen: Die Gemeinde bekommt Geld dafür, und die Firmen bekommen Aufmerksamkeit – und das bei einem seriösen Kundenkreis. – Nicht allen gefällt das: Ein Kollege, den ich diese Woche beim Inselpfarrerkonvent kennenlernte, war der Meinung, das sei Kapitalismus, mit dem die Kirche möglichst nichts zu tun haben sollte. – Ich halte das für eine legitime Werbemethode; mit Spenden im Sinne Jesu hat es allerdings wirklich nichts zu tun. Wer den Nutzen seiner Spende für sich selbst verbuchen will, der hat bei Gott keinen Nutzen mehr. Er hat seinen Lohn dahin, sagt Jesus.

Wie auch immer, die Jünger sehen mit ihren Augen und hören mit ihren Ohren, was da für Beträge eingelegt werden. Und ich stelle mir vor, dass sie bei manchem Betrag richtige Kulleraugen kriegen. Der Mensch sieht eben, was vor Augen ist. Er sieht, dass eine Spende von 500 Euro mehr ist als eine Spende von 50 Cent. Man kann eben tausend mal so viel damit machen. So ist unser menschlicher Blick.

Zwischen denen, die spektakuläre Beträge einlegen, kommen natürlich auch viele, die eine kleine Summe geben. Und dann ist da die alte Frau, an der Kleidung als Witwe zu erkennen, und sie legt zwei Cent ein – lachhaft wenig, keiner Aufmerksamkeit wert.

Wer schon mal mit Kollekte gezählt hat, kennt das: Wenn viel Kleingeld dabei ist, dann ärgern wir uns, dass da jemand offenbar seine Brieftasche ausgemistet hat. Viel Arbeit mit dem Zählen, aber es bringt nicht viel. Da loben wir uns die großen Scheine.

Als die Jünger aus dem Häuschen geraten, weil da einer einen fünfstelligen Betrag spendet, bleibt Jesus ganz gelassen. Aber als diese Witwe ihre Gabe gibt, da werden seine Augen ganz groß. Und er ruft seine Jünger und erklärt ihnen: „Diese Frau hat mehr gegeben als alle anderen.“ – „Na toll“, denken seine Jünger, „seit wann sind 2 Cent mehr als ein paar tausend Euro“? – Und hier erfahren wir, dass Jesus, der Herr, mehr sieht, als vor Augen ist: Die anderen haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. – Das können die Jünger nicht sehen, der Mensch sieht eben nur, was vor Augen ist. Jesus sieht, was wirklich ist. Die Umstände, die wir nicht überblicken und die Herzenshaltung eines Menschen.

Es steht ausdrücklich da, dass es „zwei Scherflein“ sind, die die Witwe opfert. Sie hätte ja wenigstens die Hälfte für sich zurückbehalten können. Aber sie gibt alles, was sie hat. Jeder von uns hätte Verständnis dafür, wenn sie überhaupt nichts geben würde. Es ist doch unvernünftig. Zwei Cent mehr oder weniger in der Tempelkasse, das ist irrelevant. Damit kann man nichts machen. Am besten ist es, sie behält das wenige. Damit hätte sie vielleicht noch einen Tag was zu essen gehabt. – Klingt zwar für uns komisch – mit zwei Cent –, aber wir können ja schlecht unsere heutigen Preismaßstäbe anlegen. Es war damals einfach die kleinste Münze, auch wenn man mehr dafür kaufen konnte als heute. – Ein wertloses Opfer, möchte man trotzdem meinen. Keinem ist geholfen: die Frau hat weniger als zuvor und der Tempel hat nicht mehr als zuvor.
Das ist menschlich gedacht, eigentlich ganz vernünftig, zu sagen: Du hast so wenig; gib einfach nichts! – Jesu Blick ist anders. Jesus hat den Blick Gottes. Den Blick, der das Herz ansieht. Was sieht dieser Blick?

Mutter Teresa erzählt einmal eine ganz ähnliche Begebenheit:
Eines Tages ging ich die Straßen hinunter. Ein Bettler kam auf micht zu und sagte: „Mutter Teresa, alle schenken dir etwas; auch ich möchte dir eine Kleinigkeit schenken. Heute habe ich nur 29 Centimes an einem ganzen Tag bekommen und ich möchte sie dir schenken.“ Ich überlegte einen Augenblick; wenn ich diese 29 Centimes nehme (die fast nichts wert sind), wird er an diesem Abend wohl nichts zu essen bekommen, aber wenn ich sie nicht annehme, werde ich ihn traurig machen. Also habe ich die Hand ausgestreckt und das Geld genommen. Niemals habe ich auf einem Gesicht eine so große Freude gesehen wie bei diesem Mann, so froh war er, Mutter Teresa etwas schenken zu können! Es war ein großes Opfer für ihn, der den ganzen Tag über in der prallen Sonne diese lächerliche Summe erbettelt hatte, mit der man nichts anfangen konnte. Aber ebenso wunderbar war es, dass diese wenigen Münzen, auf die er verzichtet hatte, einem Reichtum gleichkamen – denn sie wurden mit einer so großen Liebe gegeben. (Hoffsümmer, Kurzgeschichten)

Mutter Teresa hat hier wohl auch den Blick Jesu. Dieser sieht die Liebe hinter der Gabe. Er sieht nicht nur den Nutzen, sondern die Liebe, die Hingabe.

Denn weder der Bettler noch die Witwe in der biblischen Geschichte geben in erster Linie zum Nutzen der Menschen, schon gar nicht aus Eigennutz, wie irgendwelche Sponsoren. Sie geben für Gott, aus Liebe zu ihm. Und da ist die Frage nicht: Was können Menschen schon mit so einer Gabe anfangen?, sondern: Was kann Gott damit anfangen? – Gott kann mit viel oder wenig etwas anfangen.

Aber nicht mal darum geht es in erster Linie, sondern es geht darum, dass Gott mit einem Menschen etwas anfangen kann.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an. – Als dieses Wort zum ersten Mal gesagt wurde, da ging es auch um einen Menschen, mit dem Gott etwas anfangen konnte; es ging um den neuen König für das Volk Israel. Und das war dann der junge und unscheinbare David.

Mit einem Menschen, der alles, was er hat, Gott gibt – so wie die Witwe – mit dem kann er etwas anfangen. Sie hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. Der griechische Urtext gibt noch mehr her als diese – durchaus richtige – Übersetzung. Sie hat alles eingelegt, was sie hatte, ihr ganzes Leben. So steht es da. Es ist nicht nur die kleine oder große Spende, es ist Lebenshingabe. Und das sieht Jesus, sieht Gott. Mit einem Menschen, der ihm sein ganzes Leben hingibt, mit dem kann er etwas anfangen, und wenn es ein Bettler oder eine arme Witwe ist.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an. Wir ändern jetzt die Blickrichtung und versuchen mit den Augen der Witwe zu schauen. Sie ist ein Mensch, der zu Gott passt, denn sie sieht nicht mit ihren Augen, sondern mit ihrem Herzen. Sie sieht nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Sie sieht nicht darauf, was man mit zwei Cent machen kann; sie sieht auf Gott. Sie sieht nicht darauf, dass sie nun nicht mehr weiß, wovon sie die nächste Mahlzeit bezahlen soll; sie sieht auf Gott, ihren Schöpfer, der für sie sorgen wird. Sie gibt, was sie hat, und das ist alles, und das ist sie selbst. Ihr Blick ist gleichsam von der Erde zum Himmel gewendet. Was immer sie auf Erden hat, es ist für den Himmel bestimmt – für Gott. Kein vernünftiges Abwägen mehr, sondern Hingabe. Liebe. Denn so ist das mit der Liebe. Sie wägt nicht ab, sondern sie gibt, sie gibt sich selbst.

Jesus macht seine Jünger auf diese Frau aufmerksam, weil sie Vorbild ist für Jünger – und Jüngerinnen. Nachfolger Jesu haben die Blickrichtung geändert. Von der Erde zum Himmel, von dem, was zurückliegt, auf das was kommt, von der eigenen Last zur Last des Kreuzes, die Jesus trägt. Vom eigenen Glück zur Seligkeit in Gott.

So wird diese Geschichte zur Anfrage an uns. Wie viel sind wir bereit zu geben? Ein wenig von unserem Überfluss für Gott? Eine namhafte Spende für die Kirche – oder für Hilfsbedürftige? Unsere Zeit und unsere Kraft für die Gemeinde? Oder „alles für den Herrn“ – unser ganzes Leben?

Solche Hingabe des ganzen Lebens hat es immer wieder gegeben. Menschen haben sich mit allem, was sie hatten und waren, in Gottes Dienst gestellt. Die genannte Mutter Teresa von Kalkutta war eine von ihnen. – Eine Ausnahme – eine Heilige. Der Mann von dem sie berichtet, die Witwe aus dem Evangelium, auch sie sind Ausnahmen. Menschen, aus denen uns Gottes Liebe anblickt.
Und wir?

Mir hilft der Blick Jesu. Der Herr aber sieht das Herz an. Ich weiß: Er sieht mich, er kennt mich, meine Fähigkeiten, meine Grenzen; das, was ich gebe, das, was ich nicht gebe. Vielleicht ist er traurig, wo ich nicht alles gebe. Aber er schaut mich nicht finster an, er droht mir nicht, er verurteilt mich nicht. So wenig, wie er die übrigen Spender verurteilt, die nur von ihrem Überfluss geben. Er blickt mich liebevoll an. Und wenn ich seinen liebevollen Blick spüre, dann hilft mir das, seinen Blick zu erwidern, auf ihn zu schauen, mich auf ihn neu auszurichten und ihm von meinem Leben zu geben, was ich eben geben kann.

Mögen sich seine Blicke und unsere Blicke treffen. Denn in diesem Augen-Blick ist Leben und Seligkeit. Amen.