Sonntag, 23. August 2015

Predigt am 23. August 2015 (12. Sonntag nach Trinitatis)

ER ging fort aus dem Gebiet von Tyrus und kam über Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel, und er blickte auf zum Himmel, seufzte und sprach zu ihm: „Efata!“, das bedeutet: „Öffne dich!“ Und sogleich öffneten sich seine Ohren, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er konnte richtig reden. Und er gebot ihnen, dass sie es niemandem sagen sollten. Je mehr er es ihnen aber verbot, desto mehr verbreiteten sie es. Und sie staunten über alle Maßen und sagten: „Alles hat er gut gemacht, auch die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.“
Markus 7, 31-37 (eig. Übs.)

Manchmal möchte ich taub sein und stumm.
Nichts hören können.
Nichts sagen müssen.
Taub sein für das Gerede und Geschwätz:
Wo jeder seinen Senf geben muss zu allem, was es gibt.
Wo jeder eine Meinung hat – und keiner eine Ahnung.
Wo alle alles besser wissen, aber nichts besser machen.
Ich möchte taub sein für die Menschenverachtung und Hartherzigkeit der Ausländer-raus-Schreier.
Ich will die antisemitischen Sprüche nicht mehr hören.
Und die Verschwörungstheorien der alten und neuen Nazis.
Ich will das nicht mehr hören.
Und ich will auch nichts mehr sagen.
Nicht mitmachen bei dem kenntnisarmen und empathiebefreiten Geschwätz.
Einfach die Klappe halten, vor allem, wenn ich so vieles auch nicht besser weiß.
Es aushalten, dass ich nichts zu sagen habe.
Taub und stumm für den ganzen Mist.
Das wäre schön!
Manchmal.
*
Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflegte.
*
Manchmal möchte ich besser hören können.
Jeden Ton in mich aufnehmen in der Abendstille:
das Zirpen der Grillen,
die Musik und das Lachen von ferne,
den Wind in den Palmen,
an manchen Tagen sogar die Meeresbrandung.
Manchmal möchte ich genauer hören, was einer mir sagt.
Die Zwischentöne.
Möchte mich einhören und einfühlen in sein Leben.
Und verstehen, was hinter dem lauten Gerede ungesagt bleibt.
Und Musik!
Musik möchte ich hören.
Immer wieder.
Bach und Brahms.
Und viel Jazz.
Und den guten alten Rock und Pop aus den Siebzigern und Achtzigern, als wir jung waren.
Und auch immer wieder Neues.
Nicht hören können – wie schrecklich!
Was würde ich verpassen!
Taub sein heißt Doof sein – im Niederdeutschen.
Nichts hören können ist doof.
Manchmal möchte ich besser reden können.
Nicht nur eine zurechtgefeilte Predigt vortragen.
Sondern frei und spontan – im richtigen Moment die richtigen Worte haben.
Und ich möchte ein Machtwort sprechen gegen das Geschwätz und Geschwurbel.
Ein Wort, das wahr ist und wahrhaftig,
das klar ist und erhellend,
ein Wort, das die Herzen erreicht.
Ich möchte überzeugen und bekehren:
zur Liebe und zur Vernunft.
Und ich möchte heilen und verbinden mit meinen Worten.
Nichts zu sagen haben – wie schrecklich!
Leere Worte, Hülsen, Floskeln von sich geben – wie entsetzlich!
Nicht gehört werden, nicht verstanden werden, weil ich mich nicht artikulieren kann – wie furchtbar!
Nichts bewirken mit meinen Worten – wie armselig!
Ich möchte reden.
Und ich möchte hören.
*
Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflegte.
*
Taub und stumm.
Er kann nicht hören und nicht reden.
Nicht mal Bitte kann er sagen.
Andere bitten für ihn.
Und einer legt ihm die Hand auf.
*
Und er nahm ihn aus der Menge beiseite, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel, und er blickte auf zum Himmel, seufzte und sprach zu ihm: „Efata!“, das bedeutet: „Öffne dich!“
*
Einer legt ihm die Hand auf.
Nein, es ist viel mehr.
Einer nimmt ihn zur Seite. Ihn allein.Dahin, wo es still ist.
Wo das Gerede der Menge nicht hindringt.
Einer spricht so zu ihm, dass er es verstehen kann
und dass er weiß:
Ich bin gemeint.
Er spricht in einer Sprache, wie sie sonst nur Liebende sprechen:
Mit den Fingern und mit Speichel dringt er ein in seine Körperöffnungen –
in die tauben Ohren,
in den stummen Mund.
Einer schaut auf zum Himmel und spricht zu Gott mit unaussprechlichem Seufzen.
In diesem Seufzen ist mehr, als Worte sagen können:
Die Hoffnung.
Der Zweifel.
Die Angst.
Das Glück.
Die Bitte.
Die Liebe.
Der Glaube.
Das Herr, erbarme dich!
und das Ehre sei Gott!
Einer spricht das erlösende Wort.
Das Machtwort.
Das Heilswort.
Das Lebenswort.
Efata!
Öffne dich!
*
Öffne dich, Ohr!
Öffne dich und höre, was gut ist und schön und wahr!
Höre das Leise inmitten des Lauten!
Höre die Harmonie inmitten der Dissonanzen!
Höre die Wahrheit inmitten der Lüge!
Höre die einzelne Stimme inmitten des Geredes!
Höre Gottes Wort inmitten der Menschenworte!
Öffne dich, Mund!
Öffne dich und sprich, was gut ist und schön und wahr!
Sprich aus, was so noch nicht gesagt wurde!
Sprich aus, was andere verschweigen!
Sprich für die, die selber keine Worte haben!
Widersprich denen, die mit ihren Worten Menschen verachten und entwürdigen und verletzen!
Sprich Gottes Wort inmitten der Menschenworte!
Öffne dich, Mensch!
Öffne dich und lass ein in dein Leben, was gut ist und schön und wahr!
Und gib ab, was falsch ist, hässlich und böse!
Lass die guten Worte ein.
Seine Worte.
Heilsworte.
Lebensworte.
Lass sie ein in dein Herz!
*
Und sogleich öffneten sich seine Ohren und die Fessel seiner Zunge löste sich und er konnte richtig reden.
*
Hören und reden.
Zuhören, verstehen, zu Herzen nehmen.
Und dann reden.
Richtig reden.
Nicht mehr stammeln und stottern.
Sondern klar und verständlich.
Frei reden.
Nicht mehr mit gefesselter Zunge
und mit Schere im Kopf.
Sondern offen und wahrhaftig.
Das möchte ich.
Herr, öffne mich!
*
Und er gebot ihnen, dass sie es niemandem sagen sollten. Je mehr er es ihnen aber verbot, desto mehr verbreiteten sie es.
*
Einem hat er den Mund geöffnet.
Und die anderen sollen schweigen?
Warum?
Aus seinen Worten und Taten soll kein Gerede werden,
kein leeres Geschwätz,
keine Sensationsberichterstattung.
Vielleicht ist es das, warum er Schweigen gebietet.
Schweigen vor dem Geheimnis, das nicht in Worte zu fassen ist.
Sie können es nicht.
Ihr Herz ist voll, und ihr Mund geht über.
Und sein Wort verbreitet sich.
Möge es nicht zum Geschwätz verkommen!
*
Und sie staunten über alle Maßen und sagten: „Alles hat er gut gemacht, auch die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.“
*
Sprachlos waren sie, als der Stumme zu reden begann.
Bis sie wieder Worte fanden.
Worte für das Unerhörte.
Für das Ungesagte.
Ganz einfache Worte:
Gut gemacht!
Alles ist gut!
ER hat alles gut gemacht.
*
Manchmal möchte ich taub sein und stumm.
Weil so vieles nicht gut ist.
Weil Unsägliches gesagt wird.
So viel Mist!
Und manchmal bin ich taub und stumm.
Und ich höre nicht mehr hin.
Und meine Worte werden nichtssagend.
Manchmal ziehe ich mich zurück
in den Klang der Abendstille.
Oder den von Bach und Brahms.
Manchmal bete ich:
Herr, öffne mich!
Für die Menschen.
Und für dich!

Manchmal höre ich seine Worte,
in der Abendstille – oder in der Musik,
und ich beginne zu verstehen:
Er macht alles gut.
Das möchte ich euch sagen.