Sonntag, 16. August 2015

Predigt am 16. August 2015 (11. Sonntag nach Trinitatis)

Jesus sagte zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
„Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: ,Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.‘ Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: ,Gott, sei mir Sünder gnädig!‘ Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“
Lukas 18, 9-14

Liebe Schwestern und Brüder,
„Neben dem Geschlechtstrieb bestimmt kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit.
Dieser Satz stammt von Franz Werfel“, – habe ich in einer Kolumne von Harald Martenstein* gelesen.
Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit.
Martenstein schreibt da über so genannte Gutmenschen.
Ich glaube, der Gutmensch, das ist genau der Typ Mensch, den wir früher in christlicher Tradition Pharisäer genannt haben.
*
Eine Pfarr-Kollegin erzählt darüber, wie sie wochenlang sehnsüchtig darauf gewartet hat, dass auch in ihrem Ort endlich Flüchtlinge untergebracht werden müssen.
Und dann ist es so weit - endlich! – und sie kann Initiative entwickeln und eine Helfergruppe in Gang setzen und sich um die Flüchtlinge kümmern.
Das macht sie glücklich.
Ich finde das seltsam.
Sicher, es ist gut und richtig und selbstverständlich, dass Christen sich um die Hilfsbedürftigen kümmern und dass Pfarrer und Kirchengemeinden vornean dabei sind, wenn es darum geht, Flüchtlingen zu helfen und, wo es sein muss, sich auch schützend vor sie zu stellen.
Aber ich finde es seltsam, wenn jemand solch eine schwierige und für alle Beteiligten auch belastende Situationen geradezu herbeisehnt.
Ist das so was wie Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit?
Traumatisierte, fremde Menschen kommen zu uns; wir wissen nicht, wohin mit ihnen; viele Leute haben Angst; Konflikte zeichnen sich ab.
Aber wir können endlich mal wieder so richtig beweisen, dass wir die Guten sind!
*
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute: Asylgegner, Rechte, BILD-Zeitung-Leser, Fleischesser, Konsumsklaven … Ich kaufe zweimal in der Woche im Biomarkt mein vegetarisches Essen und spende 500 Euro im Jahr für Greenpeace.“ Vielleicht sähe es so aus, das Gebet des zeitgenössischen Gutmenschen. Dabei merkt er gar nicht, dass er schon lange ganz genau so ist wie all die andern Leute, mit denen er redet und sich in Facebook schreibt: Öko, bio, vegetarisch, fremdenfreundlich, feministisch, engagiert, links.
Im Grunde seines Herzens ist er sogar froh, dass es noch ein paar Nazis und rechte Pöbler gibt, ein paar konservative und neoliberale Spinner, denen er sich moralisch überlegen fühlt.
Diskutieren muss man mit denen nicht.
Ein entrüstetes „Wie kann man nur!“ reicht aus.
In den sozialen Medien machen sich manche einen Sport daraus, politisch Andersdenkende in die rechte Ecke zu stellen.
Da reicht es, wenn einer mit dem Verkehrten geredet oder der falschen Zeitschrift ein Interview gegeben hat.
Argumente zählen da schon lange nicht mehr.
Und ganz insgeheim ist so ein Gutmensch auch froh, dass es so viel Elend in der Welt gibt: dass die Flüchtlinge zu uns kommen, dass es Massentierhaltung gibt, dass das Klima spinnt (meistens ist es zwar nur das Wetter, das spinnt, aber egal).
Das bestätigt sein Weltbild, und er kann zeigen, wie gut er ist, wenn er dagegen ist, wenn er die Flüchtlingsinitiative unterstützt und im Weltladen mitarbeitet.
*
Ein Gutmensch ist kein schlechter Mensch, gewiss nicht.
Er ist ein Mensch, der das Gute will:
Frieden, Menschenrechte, Gewaltlosigkeit, Tierschutz usw. usf.
Das Problem ist nur, dass er sich dabei besser vorkommt als die andern.
Dass er sich und der Welt und, wenn er Christ ist, auch Gott zeigen will, wie gut er ist.
Nicht so wie die andern Leute.
Besser als sie.
Ein Pharisäer zu Jesu Zeiten war auch kein schlechter Mensch, im Gegenteil.
Er war einer, der das Gute wollte:
Gottes Gebote halten, im Alltag nach seinem Willen leben und das möglichst bis ins kleinste Detail.
Das Problem war nur, dass manche Pharisäer, wie der in Jesu Beispielgeschichte, sich dabei besser vorkamen als die andern:
Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute: Räuber, Betrüger, Ehebrecher…
„Neben dem Geschlechtstrieb bestimmt kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit.“
*
Der Ausdruck Gutmensch – so wünschen es manche Gutmenschen –, sollte eigentlich nicht verwendet werden.
Weil er das gute Engagement, den Einsatz für das moralische Anliegen auf die Schippe nimmt.
Ein bisschen Recht, haben sie ja damit auch.
Denn wer andere als Gutmenschen verspottet, macht genau das, was er ihnen vorwirft:
Er überhebt sich über sie, fühlt sich ihrer moralischen Überlegenheit seinerseits überlegen, nicht unbedingt moralisch, aber vielleicht intellektuell.
Wer Gutmenschen kritisiert, muss aufpassen, dass er nicht selber dabei zum Zyniker wird.
Die meisten Gutmenschen haben ein ehrlich gemeintes gutes Anliegen.
Habe ich das als Kritiker auch?
Möchte ich mit ihnen darüber diskutieren, was das Gute ist und wie man es erreicht?
Oder schaffe ich es auch nur zu einem herablassenden „Wie kann man nur“?
*
Eigentlich könnte ich mich ja auch hinstellen und sagen:
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie diese Gutmenschen: überengagiert, selbstgerecht, vereinnahmend, ausgrenzend, unreflektiert!“
Eigentlich könnte der Zöllner auch beten:
„Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie dieser Pharisäer!“
Er, der Nicht-Gutmensch, unterscheidet sich von dem Pharisäer aber genau dadurch, dass er weiß, dass er nicht gut ist:
Gott, sei mir Sünder gnädig!
*
Wisst ihr, was das Problem ist: das Problem der Pharisäer und der Gutmenschen und der Gutmenschenkritiker?
Ihr Problem sind die anderen.
Die anderen Leute.
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute.“
Die anderen Leute befriedigen unsere Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit.
Immer werden wir welche finden, denen wir uns überlegen fühlen.
Den Zöllner interessieren die anderen Leute gar nicht.
Er weiß, dass er kein Gutmensch ist, nicht einmal ein guter Mensch.
Ihn interessiert nur, wie er vor Gott dasteht:
Als Sünder.
Angewiesen auf Gottes Gnade.
Auch der Pharisäer ist angewiesen auf Gottes Gnade; er weiß es nur leider nicht.
Er meint, schon gut genug zu sein, weil er Gutes tut.
Er ist ein Gutmensch, und das ist nicht gut.
*
Mein Problem sind auch die anderen:
Was ich über sie denke.
Was sie über mich denken.
Was ich denke, was gut ist.
Und was ich denke, was sie denken, was gut ist.
Und wie ich mich selber vor ihnen in ein gutes Licht rücke.
Dabei kommt es darauf gar nicht an.
Und dann bin ich dankbar, dass es diesen Moment gibt – im Gottesdienst – wo ich mit allen andern vor Gott stehe und spreche:
Gott sei uns Sündern gnädig.
Da ist keiner besser oder schlechter.
Da ist kein Platz mehr für moralische Überlegenheit.
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Harald Martenstein meint in seiner Kolumne, statt dem Streben nach moralischen Überlegenheit sollten wir uns lieber ein wenig mehr dem Geschlechtstrieb widmen.
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