Sonntag, 21. Juli 2013

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Sonntag, dem 21. Juli 2013

Guten Morgen, liebe Hörer,

Das Wir entscheidet – unter diesem Slogan macht die SPD Wahlkampf für die Bundestagswahlen im September. Das Wir, das soll wohl für Gemeinschaft stehen, für Solidarität, für demokratische Beteiligung. Aber ok, das müssen die Genossen selber erklären.

Mir geht es nicht um die SPD, mir geht es darum, dass ich diesen Slogan nicht für so glücklich halte – egal, von wem er nun kommt. Dieser Slogan ist nicht glücklich, weil er an die schlimme Geschichte kollektivistischer Ideologien erinnert. „Ich kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche“ – so war es im 1. Weltkrieg: Das Wir entscheidet. „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ – so war es ein paar Jahre später: Das Wir entscheidet. „Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront“ – so war es bei den Kommunisten: Das Wir entscheidet. – Und immer war der Einzelne, der sich nicht ins Kollektiv einfügen wollte, der Feind, der Böse, der oft genug bekämpft, vernichtet, eliminiert werden musste. Das Wir entscheidet – der Einzelne zählt nicht. – Nein, ich möchte der guten alten SPD nicht unterstellen, dass für sie der Einzelne nicht zählt; ich finde nur, dass sie eine unglückliche Formulierung gewählt hat, die an schlimme Traditionen erinnert.

Was zuerst gut klingt, muss nicht unbedingt gut sein. Als Christen, als Kirche könnten wir ja auch auf die Idee kommen, zu sagen: Das Wir entscheidet: Wir sind eine starke Gemeinschaft, Gemeinde, viele, die zusammengehören, zusammenhalten, Solidarität leben, die wir auch gerne Nächstenliebe nennen. – Ja, das Wir, das Miteinander von Menschen ist uns in der Tat wichtig. Auch das Wir der kleinen Gemeinschaften, der Familien vor allem.

Aber vor dem Wir kommt das Ich, kommt der Einzelne. Oder das Du, der Einzelne. Ein echtes Wir entsteht erst dort, wo wir Ich und Du sagen. „Ich liebe dich“ – ist der klassiche Satz zwischen Ich und Du, der, wenn er erwidert wird, aus beiden ein Wir macht.

Auch am Anfang des Glaubens stehen Ich und Du. Gott sagt zu mir: „Ich liebe dich“. Und ich sage zu Gott: „Ich vertraue dir. Ich glaube dir.“ – Für Gott ist jeder Einzelne unendlich wichtig. Nicht die große Masse, sondern der einzelne Mensch, Du, so einigartig wie nur du bist.


Darum nicht: Das Wir entscheidet. Sondern besser: Das Du entscheidet.