Sonntag, 4. August 2013

Predigt am 4. August 2013 (10. Sonntag nach Trinitatis)

Die samaritanische Frau spricht zu Jesus: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.“ Jesus spricht zu ihr: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Spricht die Frau zu ihm: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.“ Jesus spricht zu ihr: „Ich bin’s, der mit dir redet.“
Johannes 4, 19-26

Liebe Schwestern und Brüder,
Religionen sind Wege zu Gott, sagt man. Da gibt es diesen Tempel und jenen Berg, wo Menschen beten. Kirchen und Moscheen, Schreine und Heilige Orte. Ikonen und Reliquien, Amulette und Talismane. Heilige Texte und Heilige Tänze, Meditationen und Fastenübungen. Und immer wieder heilige Menschen: Priester und Propheten, Gurus und Lamas, Heiler und Schamanen. Die Welt ist voller Religion, und die Welt der Religion ist bunt. Noch viel bunter geworden in einer globalisierten Welt, in der es keine Einheitsreligion für alle mehr gibt. Noch nie stand uns so viel Religion, standen uns so viele Wege zu Gott offen.
Aber führen diese Wege wirklich alle zu Gott? – Manchem gilt man schon als engherziger Zweifler, wenn man diese Frage stellt. Gott ist doch überall und hinter allem, und wenn es nur irgendwo nach Transzendenz riecht, dann hat das schon mit Gott zu tun. „Wie kannst du nur sagen, dieser Wunderheiler sei nicht von Gott gesandt“, wurde mir vorgehalten, „wo Gott doch viel größer ist als dein kleinkariertes christliches Dogma!“ Klingt logisch: Gott ist groß genug für alles Mögliche, was nach Religion riecht.
Mir erscheint etwas anderes logisch: Es können nicht alle Wege zum selben Ziel führen. Natürlich gibt es verschiedene Wege, längere und kürzere, Feldwege und Autobahnen, auf denen man tatsächlich über kurz oder lang das Ziel erreicht. Aber es gibt auch Irrwege und Abwege, die einen sonstwohin bringen, aber nicht dorthin, wo man eigentlich hin will.
Freilich: Für viele ist das kein Problem, weil sie gar nicht wissen, wo sie hin wollen. Aber wenn es wirklich darum geht, zu Gott zu finden, dann kann der Weg eben nicht egal sein. (Und der Weg kann auch nicht das Ziel sein, wie eine populäre und wahrscheinlich missverstandene Weisheit des Konfuzius nahelegt.)
Die Samaritanerin am Jakobsbrunnen weiß das. Sie fragt nach dem richtigen Weg zu Gott: Unser Weg, der Weg der Samaritaner, die auf ihrem Berg Garizim Gott anbeten, oder euer Weg, der Weg der Juden, die im Tempel von Jerusalem Gott anbeten?
Man könnte meinen: Ein frühes Beispiel von interreligiösem Dialog. Samaritaner und Juden stehen sich nahe, denn sie glauben beide an den Gott Abrahams. Und sie stehen sich fern, weil sie sich über den Weg zu Gott nicht einig sind. – Aber interreligiöser Dialog geht ja regelmäßig aus wie das Hornberger Schießen: Beide Seiten haben ein bisschen Recht und keiner hat die ganze Wahrheit. Es gibt viele Wege zu Gott, und man soll den des andern akzeptieren. – Sie aber fragt Jesus nach der Wahrheit, nach der ganzen Wahrheit. Es können nicht beide Seiten Recht haben. Sie hat in Jesus den Propheten erkannt, der die richtige Antwort von Gott her weiß. – Also kein Dialog auf Augenhöhe, sondern die Bereitschaft, zu fragen und die richtige Antwort von Gott anzunehmen.
Ja, vielleicht kann in diesem Sinne jede Religion ein Weg zu Gott sein, wenn sie genau das ist: Fragen und Bereitsein, die richtige Antwort anzunehmen. – Religion als die Frage des Menschen, der nach Gott sucht: ja. Denn Fragen und Suchen ist immer richtig. Aber nicht Religion als die Antwort. Denn es können nicht alle Antworten aller Religionen gleich richtig sein.
Jesus macht da Unterschiede. Zum Beispiel zwischen Juden und Samaritanern: Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten. – Ein ganz schön respektloser Ton für einen religiösen Dialog. Aber dafür eine klare prophetische Ansage: Das Heil kommt von den Juden. Der entscheidende Unterschied ist gar nicht, wo man Gott anbetet, sondern was oder wen man als Gott anbetet. Nicht der Berg Garizim in Samaria oder der Tempelberg in Jerusalem sind entscheidend, sondern der Gott, der dort angebetet wird. Und da zählt kein Formelkompromiss: Ist doch so und so der Gott Abrahams. – Der wahre Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Es ist der Gott Israels.
Das ist für uns bis heute wichtig und zentral, auch wenn es zwischendurch mal in Vergessenheit geraten ist: Der Gott, den Jesus verkündet, ist weder ein allgemeiner Gott der Religionen noch ist es der spezielle Gott der Christen. Es ist der Gott Israels. Auch daran werden wir durch den heutigen Israelsonntag erinnert. Im Blick auf das Verhältnis von Juden und Christen können wir das tatsächlich so sagen: Judentum und Christentum sind verschiedene Wege zu dem einen Gott. Bei anderen Religionen, selbst wenn sie sich auch auf Abraham berufen, kann man das nicht einfach so sagen.
Ja, das ist wirklich das Besondere bei Jesus: Er eröffnet einen neuen Weg zum alten Gott Israels. Es ist nicht der Weg über den Tempelkult in Jerusalem, nicht der Weg über den Gesetzesgehorsam, der uns zu Gott führt, ebensowenig wie die verschiedensten Kulte, Rituale und Übungen der verschiedenen Religionen. Sondern es ist der Glaube. – So würde Paulus es ausdrücken. – Jesus sagt hier (nach Johannes): Anbetung im Geist und in der Wahrheit. Ich glaube, er meint dasselbe wie Paulus. Gott möchte, dass sich Menschen innerlich, vertrauensvoll an ihn wenden als ihren Vater. Glaube ist Anbetung im Geist und in der Wahrheit.
Es fällt fast nebenbei, dieses große Wort, das Jesus für Gott verwendet, immer und immer wieder: Vater. Der Gott Israels ist der Vater für alle, die sich an ihn wenden, die sich zu ihm halten, die ihm vertrauen und sich ihm anvertrauen. Er ist der Vater, der seine Kinder bedingungs- und umstandslos liebt. Er ist der Gott, der auf den ganzen religiösen Schnickschnack verzichten kann, weil er keine Opfer, keine Rituale und keine frommen Übungen braucht, weil er nichts anderes will als unsere Herzen.
Religionen sind Wege zu Gott, sagt man. Aber diese Wege führen nicht zu Gott, nicht zu Gott dem Vater, es sei denn Gott kommt uns auf diesem Weg entgegen.
Und genau das ist das Besondere an der jüdischen und dann an der christlichen Religion: Gott kommt seinen Menschen entgegen. Er zeigt sich, offenbart sich, spricht sie an, und sie müssen nur noch antworten, Ja sagen, ihm ihr Herz öffnen.
Gott kommt seinen Menschen entgegen: Er schafft sich Orte in dieser Welt, wo wir ihm begegnen können. Volk und Land Israel sind ein Ort in dieser Welt, wo Gott sich zeigt – wenn wir es denn sehen wollen. Die heilige christliche Kirche, die wir bekennen und die sich in vielfältiger Form zeigt, ist ein Ort, wo Gott sich zeigt – wenn wir es denn sehen wollen. Gottes Wort und Sakrament sind Orte, wo Gott sich zeigt – wenn wir es denn sehen wollen. Und so ist unser Gottesdienst mit Wort und Sakrament nicht zuerst Ritual und religiöse Übung, sondern Gottes Entgegenkommen. Hier kann und will uns Gott begegnen. Hier können und wollen wir ihm unser Herz hinhalten. Ihn anbeten im Geist und in der Wahrheit.
Nicht alle Religionen sind Wege zu Gott. – Ich würde mir wünschen, dass die Menschen Gott viel mehr auf den Wegen suchen würden, auf denen er uns entgegen kommt.