Sonntag, 11. August 2013

Predigt am 11. August 2013 (11. Sonntag nach Trinitatis)

Ich singe dir ein Liebeslied,
dir, mein Retter, dir, mein Jesus.
Du hast so viel für mich getan,
mein Erlöser, kostbarer Jesus
Mein Herz ist froh, denn du nennst mich ganz dein.
Es gibt keinen Ort, wo ich lieber wär
als in deinem liebenden Arm,
in deinem liebenden Arm.
Halte mich fest, ganz nah bei dir,
in deinem Arm.

Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesen Worten singt und klingt ein frommes Lied aus heutigen Tagen. Und ich bin befremdet, nein sogar peinlich berührt: Das Vokabular popmusikalischer Liebeslyrik angewendet auf Jesus: Halt mich fest in deinem liebenden Arm.
In Love With Jesus heißt eine Reihe von Liederbüchern mit so genannten Lobpreisliedern. – In Jesus verliebt? – Kann man das so übersetzen? – Mir geht das zu weit.
Immerhin, das Phänomen ist älter. Schon vor Jahrhunderten haben fromme Seelen von ihrem Bräutigam Jesus geschwärmt, wollten ihn an ihr Herz drücken und sich in seiner Seitenwunde verlieren … – Aber auch diese barocken Ausdrucksformen von Jesus-Frömmigkeit befremden uns heute eher. Viele dieser Strophen sind  aus den Gesangbüchern verschwunden, und was noch übrig geblieben ist, singen wir eher nicht.
Verliebt in Jesus? Mich in seine liebenden Arme fallen lassen. – Nein danke!
Sicher, mir ist Jesus ganz wichtig. Ich achte ihn. Ich vertraue ihm. Er ist mein Freund; das kann ich sagen. Und ich weiß auch, wie viel er für mich getan hat. Aber: Jesus, ich liebe dich! – das würde mir nur schwer über die Lippen kommen.
Hört eine Liebesgeschichte mit Jesus aus dem Lukasevangelium im 7. Kapitel …

Einer der Pharisäer bat Jesus, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als sie vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: ‚Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.‘ Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen.“ Er aber sprach: „Meister, sag es!“ „Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Das sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?“ Simon antwortete und sprach: „Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat.“ Er aber sprach zu ihm: „Du hast recht geurteilt.“ Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: „Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt, wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Und er sprach zu ihr: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Da fingen sie an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: „Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?“ er aber sprach zu der Frau: „Dein Glaube hat dir geholfen, geh hin in Frieden!“

In love with Jesus – Verliebt in Jesus ist offensichtlich diese Frau, von der uns Lukas erzählt. Sie nähert sich ihm in Tränen aufgelöst, aufgelöst ist auch ihr Haar, küsst seine Füße und reibt sie mit Salböl ein: Eine erotische Fußmassage für Jesus, um das Mindeste zu sagen. Oder hingebungsvolle Gesten der Liebe. Ob sie vielleicht verwirrt ist, geistig gestört, die Nähe zu ihrem Jesus Christ Superstar sucht?
Auf jeden Fall ist die Szene befremdlich und peinlich. Ich bin da eigentlich ganz bei dem Gastgeber Simon, der meint: Das geht gar nicht!
Zumal Simon weiß: Diese Frau ist eine Sünderin. – Was das heißt? – Genau das, was dir gleich dabei einfällt: Sie ist eine Prostituierte, eine Hure. Wahrscheinlich die Dorfnutte. Und was sie da tut, ist wohl nur das, worauf sie sich am besten versteht: Anmache eines neuen Freiers. – Jesus müsste das doch wissen und durchschauen – als Prophet, der er angeblich ist!
Jesus durchschaut alles, aber vor allem durchschaut er Simon und weiß, was ihm gerade durch den Kopf geht. Er antwortet nämlich laut und vernehmlich auf Simons unausgesprochene Gedanken.
Jesus erzählt dem Simon eine kleine Beispielgeschichte. Von erlassenen Schulden und von Liebe und Dankbarkeit. Klar: Wem viele Schulden erlassen sind, der sollte seinem Gläubiger auch dankbarer sein als der andere, dem nur ein bisschen was erlassen worden ist. Er sollte ihn mehr lieben, sagt Jesus.
Da scheint wirklich etwas dran zu sein. Das habe ich schon vor vielen Jahrzehnten beobachtet: Diejenigen, die am meisten für Jesus brennen, die am meisten ergriffen sind vom Evangelium, die am überzeugtesten und am überzeugendsten Christen sind, die am ehesten von sich sagen würden, dass sie Jesus lieben, das sind oftmals diejenigen, die zuvor die größten Sünder gewesen sind und ein völlig gottloses Leben geführt haben. Ich schäme mich dann immer ein bisschen, dass ich nicht so bin wie sie, sondern immer etwas vorsichtiger und mit hunderten Dingen beschäftigt, die mir außer Jesus auch noch wichtig sind. Ich fühle mich wie der, dem zwar auch fünfzig Silberstücke an Schulden erlassen worden sind, aber nicht fünfhundert oder fünftausend wie bei so einem richtig üblen gottlosen Verbrecher. Und vielleicht hängt es ja auch genau damit zusammen, dass mich solche überschwänglichen Liebesausbrüche für Jesus eher befremden und peinlich berühren. Ja, ich bin da schon bei dem Pharisäer Simon …
Und der ist mit dem kleinen Gleichnis ja auch gemeint. Klarer Fall! Zu wenig geliebt! Aber die Frau mit ihrer überschwänglichen Öl-und-Tränen-Aktion steht groß da: So viel Liebe für Jesus! Und ich habe ihn nicht mal auf die Wange geküsst!
Jesus ist mehr als ein Prophet. Er durchschaut nicht nur alles, stellt die Dinge mit seinen Worten nicht nur in ein anderes Licht. Er verändert alles, er schafft eine neue Wirklichkeit.
Denn es mag ja zunächst tatsächlich so gewesen sein, wie es den Anschein hatte: Da macht sich eine auf unschickliche Art an Jesus heran. Vielleicht von Berufs wegen. Vielleicht weil sie hingerissen ist von diesem Mann: In Love With Jesus – verliebt in Jesus, und sie weiß es nicht anders auszudrücken, als sie es halt gelernt hat. – Und erst die Worte Jesu verändern diese peinliche Situation, machen etwas ganz Anderes daraus. Das Zweideutige wird eindeutig: Es ist Liebe und nicht nur Erotik, es geht um Vergebung und nicht um Verführung.
Man könnte meinen, Jesus trickst hier. Die zweideutigen Zärtlichkeiten deutet er um zu einem Ausdruck der Dankbarkeit. – Dankbarkeit wofür? – Für das Dir sind deine Sünden vergeben, das Jesus erst danach ausspricht? – Und die Dankbarkeit deutet er um in Liebe. Wem ich dankbar bin – muss ich den denn auch lieben? – Und am Ende deutet er diese Liebe um in Glauben: Dein Glaube hat dir geholfen. – Aus einer zweideutigen erotischen Geste macht Jesus einen Glaubensakt, einen Gottesdienst.
Simon und seine Tischgäste bleiben einigermaßen ratlos zurück: „Darf der denn das, Sünden vergeben?“ Und ich bin wieder ganz bei Simon und seinen ratlosen Gästen: Darf der denn das, die Wirklichkeit so zurechtbiegen, dass aus diesem Akt der erotischen Annäherung an Jesus ein Akt des Glaubens, der Vergebung und der Dankbarkeit wird?
Ich bin immer noch ganz bei Simon. Er nennt Jesus Meister. Das heißt, er will sein Schüler sein, will von ihm lernen. Das will ich auch. – Was kann ich hier von Jesus lernen?
Ich lerne von Jesus, dass er es offensichtlich darf, die Wirklichkeit neu zu interpretieren im Sinne der Liebe. Und ich lerne, dass es vor allem seine Liebe ist, die größer ist als die Liebe, die er von einem ehrlichen Schüler wie Simon erfährt, und die auch größer ist als die Liebe, die ihm diese Frau entgegenbringt. Seine Liebe ist größer, weil sie nicht urteilt und verurteilt und weil sie das, was sie sieht, zum Besten deutet. Es kann ja sein, dass die Salbung seiner Füße alles mögliche war: eine Mischung aus Verliebtheit, Verlegenheit und dem Handwerk einer Prostituieren. Jesus macht es durch seine Worte zu etwas Anderem: Hier ereignet sich Glaube und Buße, Liebe und Dankbarkeit in einem. Es kommt in diesem Moment auch nicht darauf an, ob der Glaube zuerst da ist oder die Liebe, und ob die Dankbarkeit schon vor der empfangenen Vergebung kommt. Es ist ein umfassender Moment des Glaubens, der Liebe und der Lebenswende eines Menschen.
Die Frau geht verändert weg von Jesus. Weil sie verändert ist durch Jesus. Sie braucht die zweideutige körperliche Nähe und Zuwendung Jesu jetzt nicht mehr, denn sie weiß sich eindeutig geliebt.
Was für eine Liebe! Nicht die Liebe, mit der Jesus von manchen seiner Freunde und Anhängerinnen geliebt wird. Sondern die Liebe, mit der er Menschen liebt, sie verändert und befreit. Und dabei sogar ihre Liebe verändert und befreit.
Ich glaube, nicht nur diese Frau ist verändert und befreit nach Hause gegangen. Ich glaube, auch Simon ist durch diese Begegnung in seinem Haus verändert worden. Er hat etwas gelernt über die Art und Weise, wie Jesus liebt und wie er durch seine Liebe die Wirklichkeit verändert. Von der Liebe Jesu lernen – auch da möchte ich ganz bei Simon sein.
In Love With Jesus? – Nein, ich würde solche Worte immer noch nicht gebrauchen, um meine Beziehung zu Jesus zu beschreiben. Aber ich verstehe, dass sie ein Ausdruck dafür sein können, was Jesus einem Menschen bedeutet, dem er mit seiner Liebe begegnet ist.

Ich singe dir ein Liebeslied … – Das lasst uns jetzt tun in einer etwas älteren Form …
Predigtlied: Ich will dich lieben meine Stärke (EG 400, 1-5)