Sonntag, 7. Juli 2013

Predigt am 7. Juli 2013 (6. Sonntag nach Trinitatis)

So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: ‚Gib her!‘ und zum Süden: ‚Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.‘“
Jesaja 43, 1-7


Liebe Schwestern und Brüder,
Füchte dich nicht! – ich habe es gerade erst im Gemeindebrief geschrieben – das ist Gottes Standardsatz, den er immer wieder zu seinen Leuten sagt. An die hundert Mal heißt es in der Bibel Fürchte dich nicht! oder Fürchtet euch nicht! Vom 1. Buch Mose bis zur Offenbarung, von Abraham bis zu den bedrängten Christen der Endzeit – immer wieder sagt Gott ihnen sein Fürchtet euch nicht!
Wie eine Mutter ihr Kind beruhigt, wenn es Angst hat allein im Dunkeln: „Du musst keine Angst haben, ich bin da! Fürchte dich nicht!“ Wie ein Vater seinem Kind zuruft: „Los spring, hab keine Angst, ich fange dich auf! Fürchte dich nicht!“ Wie ein Flugkapitän seine Passagiere beruhigt: „Bleiben Sie ganz ruhig! Wir haben gerade ein paar Turbulenzen. Es besteht keine Gefahr!“ Wie ein Feuerwehrmann bei Hochwasser den Menschen, die vom Wasser eingeschlossen sind, zuruft: „Bewahren Sie die Ruhe! Wir sind gleich bei Ihnen und werden Sie herausholen.“ So oder so ähnlich ist es mit Gott und seinem Fürchte dich nicht!
Der Feuerwehrmann macht das Wasser nicht weg. Der Flugkapitän ändert nichts an den Turbulenzen. Der Vater erspart seinem Kind den Sprung ins Ungewisse nicht. Und die Mutter macht – hoffentlich – das Licht nicht an. Aber sie sind da: Mutter und Vater, Flugkapitän und Feuerwehrmann. Sie geben Sicherheit. Weil wir vertrauen können, dass sie die Situation überschauen und ihr gewachsen sind. – So oder so ähnlich ist es mit Gott: Er ist da, wenn wir ihn brauchen. Wir können ihm vertrauen: Er überblickt die Situation, die uns Furcht einflößt, und er ist ihr gewachsen.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! – Dieses Fürchte-dich-nicht-Wort ist für uns ganz eng mit der Taufe verbunden. Bei vielen Taufen wird es dem Täufling ausdrücklich zugesprochen. Gerne wird es als Taufspruch verwendet. Und an diesem Sonntag, wo die Heilige Taufe im Mittelpunkt steht, ist es Wochenspruch. Denn das ist es ja, was wir von der Taufe erwarten – zurecht erwarten: dass Gott uns sein Fürchte dich nicht! persönlich zuspricht. Wer getauft ist, für den ist Gott da, wenn er ihn braucht. Gott, der unser Leben überblickt und allem, was uns Furcht einflößen will, gewachsen ist.
Und mehr noch: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. – Das geschieht ja bei der Taufe: In der Heiligen Taufe wird immer und ausdrücklich der Name des Täuflings genannt, ja Taufe und Namensgebung waren früher aufs Engste verbunden. Wir nennen Gott den Namen eines Menschen, und er merkt sich diesen Namen, schreibt ihn auf ins Buch des Lebens und ruft uns selber bei diesem unserem Namen, dem Taufnamen.
Ich bin getauft auf deinen Namen – das heißt: Ich kenne Gott beim Namen, und er kennt mich beim Namen. Wir sind auf ewig einander verbunden. Und darum gilt mir sein Fürchte dich nicht! auch auf immer und ewig. Gott sagt es mir immer wieder von Anfang bis Ende.

Ein guter Spruch zur Taufe. Allerdings: Im biblischen Zusammenhang wird ein anderer Taufname genannt. Nicht deiner, nicht meiner, sondern der Name Jakob und der Name Israel. Das müssen wir auch wissen, und das dürfen wir nicht vergessen: Dieses schöne Wort ist nicht zuerst und nicht automatisch an uns gerichtet. Es ist der Taufspruch für Israel, für Gottes Volk des Alten Testaments, des ersten Bundes.
Gott hat Israel beim Namen gerufen. Er hat Israel erlöst. Er hat Israel zugerufen Fürchte dich nicht! Immer wieder. Ja, genau: angefangen bei Abraham und bis … – ja etwa nur bis zur letzten Seite des Alten Testaments, der Bibel Israels? – Nein, bis zu den bedrängten Juden der Endzeit. Wenn du durchs Wasser gehst … – durchs Wasser des Roten Meeres, durchs Wasser aller Meere und Ozeane – … will ich bei dir sein. Wenn du ins Feuer gehst … – ja wohl auch ins Feuer der Krematorien von Birkenau.
Darf man das so sagen? Darf man dieses Wort Gottes für sein Volk so weit ausziehen? – Ich glaube, wenn wir nicht bereit sind, Gottes Zusage an Israel auch als Zusage an Israel zu verstehen, dann haben wir gleich gar kein Recht, sie als Zusage an uns zu verstehen. Dann würden wir Israel seines Gottes berauben und Gott seines Volkes. – Wir Christen haben das fast zwei Jahrtausende lang mit großer Selbstverständlichkeit getan und haben dabei das Wort des Apostels Paulus vergessen, dass Gottes Gaben und Berufung ihn nicht gereuen können (Römer 11, 29).
Dabei ist Israel das vielleicht größte Wunder vor unseren Augen. Ein Volk, das seit Jahrtausenden ohne eigenen Staat gelebt hat, verstreut unter anderen Völkern und in verschiedenen Staaten, ein Volk, dessen Glaube meistens nur geduldet, oft aber verfolgt und bekämpft wurde. Ein Volk, deren Angehörige man immer wieder verfolgt, vertrieben, benachteiligt hat und zuletzt versucht hat auszurotten. Dieses Volk hat seit ein paar Jahrzehnten wieder einen eigenen Staat und es hält den Anfeindungen und Angriffen seiner Gegner stand. Erstaunlicherweise steht dieses kleine Volk, dieses kleine Land im Brennpunkt des Interesses der Weltöffentlichkeit. Wenige sind ihm wirklich freundlich gesinnt. Jemand hat mal gesagt, Israel sei der Jude unter den Staaten. Ja, was in früheren Jahrhunderten der bestenfalls als Außenseiter gelittene Jude war, ist heute der weithin ungeliebte Staat Israel. – Und trotzdem, oder gerade deshalb ist dieses Volk in diesem Land mit diesem Gott das vielleicht größte Wunder der Geschichte.
Gott hat seine Zusage an Israel wahr gemacht. Wasser und Feuer haben es nicht umgebracht. Und von Osten und Westen, von Norden und Süden sind sie gekommen, die Kinder Israels, die Söhne und Töchter der Verheißung. Vor unseren Augen erfüllt sich Gottes Zusage. – Mögen sie, unsere älteren Geschwister im Glauben an Gott, sein Fürchte dich nicht! auch heute laut und deutlich hören und ihrem Gott vertrauen!

Und wir, wenn wir Gottes Verheißungswort nicht denen wegnehmen, denen es zuerst gesagt war, dann dürfen wir es mit Demut und mit Dankbarkeit auch als sein Wort an uns hören.
Warum?
Weil es das Wort Gottes ist, der auch uns geschaffen hat. Gott der Vater ist der Vater aller Menschen, der Schöpfer der ganzen Welt.
Weil es das Wort Gottes ist, der auch uns erlöst hat. Anders als er Israel erlöst hat. Unsere Geschichte ist nicht die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, nicht die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft, nicht die Befreiung aus jahrtausendelanger Unterdrückung und Verfolgung. Unsere Erlösung ist es, dass wir nicht mehr von Gott getrennt sind. Dass wir zu ihm gehören dürfen. Dass wir die falschen Götter und Götzen dieser Welt nicht mehr fürchten müssen, und dass keine Macht der Welt einen Besitzanspruch an uns gelten machen darf als Gott allein. Durch den Juden Jesus gehören auch wir zu dem Gott, der der Heilige Israels genannt wird.
Und wir dürfen dieses Wort auch als Wort an uns hören, weil es das Wort Gottes ist, der auch uns als sein Volk aus allen Teilen der Erde sammelt. Nicht an einem Ort, aber in einer Kirche. – Eine Kirche – das ist nicht eine einheitliche Kirchenorganisation – da haben sich in der Geschichte sehr verschiedene herausgebildet –, aber es ist die unsichtbare Gemeinschaft derer, die glauben und getauft sind und die bestimmt sind, zur sichtbaren Gemeinschaft in Gottes ewigem Reich zu kommen.
Der Gott, der Israel geschaffen, erlöst und gesammelt hat – der ist auch unser Schöpfer, Erlöser und Vollender: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, sagen wir Christen.
Auf seinen Namen sind wir getauft. Sein Fürchte dich nicht! gilt uns, auch uns. Jedem einzelnen sagt er es: Fürchte dich nicht! Und uns allen, seiner Kirche, sagt er es: Fürchte dich nicht!