Montag, 26. September 2011

Predigt vom 25. September 2011 (14. Sonntag nach Trinitatis)

Es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: "Willst du, so kannst du mich reinigen." Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: "Ich will's tun; sei rein!" Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: "Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst, sondern gen hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis." Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu  ihm von allen Enden.
Markus 1, 40-45



Liebe Schwestern und Brüder,

wer vorige Woche die Predigt gehört hat, erinnert sich vielleicht an die Menschenmassen um Jesus herum: Alle kommen zu ihm, alle erwarten etwas von ihm, alle sind seine Schwestern und Brüder und Mütter. Alle sind Familie Gottes. Es ist ein bisschen wie Kirchentag – oder Papstbesuch.

Nun freuen wir uns natürlich auch, wenn viele kommen. Wenn die Kirche voll ist. Wenn sich Menschen etwas von uns und vor allem von unserem Herrn erwarten. Und sicher: Große Zahlen, große Massen haben etwas Begeisterndes, Mitreißendes, ja Berauschendes. In Fußballarenen und bei Rockkonzerten wird das zelebriert. Viele geben horrende Summen aus, um bei so was dabei zu sein. – Warum nicht auch Großgottesdienste, Massenmessen, gefüllte Stadien für Jesus!

Und doch: Es gibt auch eine andere Seite. In der Masse gehe ich unter. Da bin ich nur einer von ganz vielen. Ob ich dabei bin oder nicht, spielt für die Gesamtwirkung der Großveranstaltung keine Rolle. Nur einzelne haben ein Sonderrolle in solchen Veranstaltungen: die, die selber vorn stehen, die ihr Ego mit der Begeisterung der Massen füttern. Wer vorn steht, ist der Star, einigartig, unverwechselbar. Die Massen davor sind austauschbar. Egal, wer da kommt: Hauptsache viele!

Wenn ich mir selber wichtig bin, wenn ich selber ernstgenommen und wahrgenommen werden will – als einzelner, als der, der ich bin –, dann gehe ich nicht zur Massenveranstaltung. Dann suche ich die persönliche Begegnung.

Vielleicht ist es ja auch das, warum Menschen zu bestimmten biografischen Anlässen den Kontakt mit der Kirche, mit dem Pfarrer suchen. Die Taufe des Kindes, die Trauung, das Ehejubiläum, der Tod eines Angehörigen – da steht der einzelne Mensch mit seinem Leben, mit seiner ganz besonderen Lebenssituation im Blick. Da gibt es ein persönliches Gespräch, da gibt es einen persönlich gestalteten Gottesdienst, da gibt es eine persönliche Ansprache. Da werde ich persönlich wahrgenommen. Da berührt mich, wenn es gut geht, Gottes Wort persönlich.

Jesus war offenbar kein Massenmensch. Wenn sie auf ihn einstürmten, wenn alle was von ihm wollten, dann hat er die Flucht ergriffen: in die Einsamkeit, in ein Boot oder auf einen Berg, manchmal hat er seine engsten Vertrauten mitgenommen, oft war er ganz allein, allein mit seinem himmlischen Vater.

Am Beeindruckendsten war Jesus dann auch immer in seinen Begegnungen mit einzelnen. So wie in der Heilungsgeschichte, die wir heute gehört haben.

Es ist ja interessant: Die Bibel erzählt nie von Massenheilungen. – Heute gibt es so genannte Heilungsevangelisten, in deren Großveranstaltungen angeblich Hunderte von Menschen geheilt werden. Nachprüfen lässt sich das komischerweise nie. Es heißt, es seien da auch schon mal bestellte Leute drunter. Man kann sich die suggestive Stimmung vorstellen. Und wenn genügend Endorphine und Adrenaline ausgeschüttet werden in der euphorischen Masse, da mag es geschehen, dass man seine Schmerzen nicht mehr spürt und sich für geheilt hält. – Wie es dann aussieht, wenn das Spektakel vorbei ist, erfährt man selten. Medizinische Belege gibt es noch seltener.

Ganz anders ist die Begegnung zwischen Jesus und den einzelnen Kranken, die zu ihm kommen. Da geschieht Heilung in einer persönlichen Begegnung.

Neulich sprach jemand mit mir, wie das mit den Heilungen sei, ob wir die Heilmethode Jesu noch nicht richtig verstanden hätten. Ja, das mag schon sein. Aber ich habe auch geantwortet, dass es die Heilmethode Jesu nicht gibt. Jesus heilt jedesmal anders. Einem sagt er einfach nur: Sei geheilt. Einem anderen schmiert er einen Brei aus Speichel und Dreck in die Augen, damit er sehend wird. Wieder einem anderen legt er die Hand auf. Und noch ein anderes Mal geschieht die Heilung aus der Ferne. Da gibt es keine Methode. Die einzige Methode ist die persönliche Zuwendung zu demjenigen, der Jesus um Hilfe bittet.

Diesmal ist es ein Aussätziger, ein Lepra-Kranker. Der hätte in der Menschenmasse überhaupt keine Chance gehabt. Denn er musste die Menschenmasse meiden. Ansteckungsgefahr. Aussätzige wurden nicht ohne Grund wie Aussätzige behandelt. Sie lebten außerhalb der Siedlungen. Sie durften sich nur bis zu einer bestimmten Distanz nähern. Sie waren darauf angewiesen, dass jemand ihnen von ferne gab, was sie brauchten, dass jemand von ferne mit ihnen sprach. Die Diagnose Aussatz – Lepra war einfach schrecklich. Weil man damit aus der Menschengemeinschaft herausgerissen wurde. Vielleicht war so jemand eben noch Familienvater, und dann musste er Hals über Kopf ausziehen ins Aussätzigen-Ghetto am Rande der Stadt. Schrecklich!

In der Masse hätte er keine Chance gehabt. Aber, Gott sei Dank, findet er Gelegenheit, Jesus allein anzutreffen. Als er Jesus anspricht, da müssen wir uns vorstellen, dass er vielleicht noch zwei, drei Meter entfernt steht.

Willst du, so kannst du mich reinigen. – Er sagt nicht heilen oder gesundmachen. Er sagt reinigen. Denn Aussatz – Lepra machte einen Menschen unrein, unberührbar, schloss ihn aus der Gemeinschaft mit den Menschen, ja und auch aus der Gemeinschaft mit Gott aus. Wie weit kann und darf sich ein Unreiner annähern? Wie weit kann und darf er sich Jesus annähern, der von Gott kommt? Der Unreine dem Reinen? – Das ist Aussatz: die unüberbrückbare Distanz.

Willst du, so kannst du … – Und das ist Glaube. Jesus kann. Nicht weil er besondere Heilmethoden draufhat, sondern weil er von Gott kommt. Jesus kann. – Will er auch?

Das ist immer wieder unsere Frage an Jesus, an Gott. Er kann – aber will er auch? Gott kann heilen, Gott kann alles gut werden lassen – aber will er auch? Warum sieht unsere Welt so aus, wie sie aussieht? Will Gott sie nicht verändern? Warum geschieht es, dass Kinder sterben – in den Armen ihrer Eltern? Will Gott das?

Oder reicht unser Glaube nicht mal mehr soweit, dass wir ihm überhaupt noch das Können zutrauen?
Aber hier in unserer Geschichte wird nicht theologisch abstrakt über Gottes Allmacht verhandelt. Hier begegnet einer persönlich dem, in dem uns Gott persönlich begegnet. Er bittet, er betet zu Jesus. Er betet das Gebet des Glaubens, der Hoffnung: Willst du, so kannst du!

Und Jesus will und kann. Ganz persönlich will er. Weil es ihn ganz persönlich bewegt, das Geschick dieses Mannes. Es jammerte ihn. Er hatte Mitleid. – Ach, diese Übersetzungen geben nur die Hälfte wieder! Im griechischen Original steht da ein Wort, das ein geradezu körperlich empfundenes Mitgefühl ausdrückt. Es erbarmte ihn. – Da geschieht etwas, was nur in der persönlichen Begegnung geschehen kann. Der eine ist ganz bei dem anderen. Jesus empfindet, was der Kranke empfindet. Und wo sie innerlich schon beieinander sind, da fällt auch die äußerliche Distanz. Er streckte die Hand aus … rührte ihn an … und sprach zu ihm: „Ich will's tun; sei rein!“

Das fasziniert mich am meisten an dieser Szene: Jesus berührt den Unberührbaren. Was erst nach der Heilung möglich sein sollte, geschieht schon zuvor – und gerade darin ist die Heilung. Das, worunter der Aussätzige am meisten leidet, die erzwungene Distanz zu allen, zu Menschen und zu Gott, wird mit einer Geste überwunden. Durch den, der beides in einem ist: Gott und Mensch. Und so ist er für Gott und Menschen nicht mehr unrein, nicht mehr unberührbar.

Diese Heilungsgeschichte wird damit ganz groß und weit. Die ganz einzigartige persönliche Begegnung zeigt, wie Gott in Jesus jedem einzelnen begegnen kann: Er hört auf meine Bitte, auf mein Gebet. Er hat Erbarmen, er streckt sich nach mir aus, er berührt mich, er überwindet die Distanz, er reinigt mich, so dass ich frei und offen Gott und Menschen begegnen kann.

Freilich, die Geschichte geht weiter. Sie geht einigermaßen befremdlich weiter. Der Geheilte erhält Redeverbot und er wird zu den Priestern geschickt.

Letzteres kann man relativ leicht erklären: Die Priester sind nach dem mosaischen Gesetz für solche Fälle so was wie die Gesundheitsbehörde. Sie bestimmen, wer rein und unrein ist. Wenn der Mann wieder gesund ist, dann darf er auch wieder zu den Menschen, zu seiner Familie. Und er darf auch wieder zu Gott, in den Gottesdienst. – Jesus sagt damit: Es soll alles seine Ordnung haben. Und: Sie sollen es ruhig sehen und bestätigen, dass Jesus durch Gottes Macht geheilt hat. – Wenn einer meint, dass Gott ihn auf wunderbare Weise geheilt hat, dann kann das ja bitteschön auch von den Ärzten begutachtet und bestätigt werden.

Warum aber erhält der Geheilte Redeverbot von Jesus? – Er befolgt es ja nicht einmal. Befolgt es nicht aus verständlichen Gründen: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Und sein Herz ist voll von dem, was da an ihm geschehen ist: Heilung, Rettung, Rückkehr ins Leben. Unglaublich! – Warum sollte er davon nicht reden? Zur Ehre Jesu, der ihm geholfen hat. Zum Lobe Gottes, der alles gut macht.

Vielleicht ein Trick von Jesus? – Wenn du willst, dass etwas bekannt wird, dann musst du das Siegel der Verschwiegenheit gebrauchen. Vielleicht wollte Jesus gerade das erreichen, dass der Geheilte von ihm predigt? Ich kann es nicht wirklich glauben, dass es so gewesen sein soll. Denn er hätte auch so geredet, bei dem, was er da erlebt hat.

Ich glaube, es hat eher etwas mit dem Problem der Masse zu tun. Indem er das, was da in dieser ganz persönlichen Begegnung publik macht, erschwert er weitere solche persönlichen Begegnungen mit Jesus. – Jetzt kommen die Massen, und Jesus kann nicht mehr öffentlich reden und wirken, muss sich zurückziehen, sonst stürzen sie sich wieder alle auf ihn, und der Einzelne, der Aussätzige, der Unreine, der am Rand auf die besondere Begegnung mit Jesus wartet, hat keine Chance mehr, bleibt auf der Strecke.

Das Wichtige, das Entscheidende sind immer die persönlichen Begegnungen, so wie zwischen diesem Einen und Jesus.

Und wir mit unseren Massenveranstaltungen (die wir uns zumindest wünschen)? Mit unserer Liebe zur großen Zahl? – Wir müssen verstehen, dass das eben nicht das Eigentliche ist. Die kirchliche Massenveranstaltung kann ein Ruf sein, eine Einladung, das ja, aber eben eine Einladung zur persönlichen Begegnung.

So seid auch ihr heute und hier eingeladen, dem Herrn Jesus Christus persönlich zu begegnen. Du kannst ihm begegnen: Indem du dich ihm näherst, ihn bittest, von ihm die Hilfe erwartest, die du brauchst. Verlass dich drauf: er wird dich hören und verstehen, seine Hand ausstrecken und dich berühren, dich rein und heil machen. Es geht ihm immer um den einzelnen, es geht ihm um dich!