Montag, 19. September 2011

Predigt vom 18. September 2011 (13. Sonntag nach Trinitatis)

Es kamen Jesu Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: "Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir." Und er antwortete ihnen und sprach: "Wer ist meine Mutter und meine Brüder?" Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: "Siehe, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter."
Markus 3, 31-35


Liebe Schwestern und Brüder,

heute also mal diese Anrede, denn wir sind das ja, sollen es ja sein: Schwestern und Brüder Jesu, Familie Gottes.

Wer gehört dazu? Wer nicht? Wer ist drin? Wer bleibt draußen?

Es ist ein irres Kapitel, was der Evangelist Markus da aufschlägt. Man muss mal Markus 3 ab Vers 7 hintereinander im Zusammenhang lesen:

Eine große Menschenmenge aus der ganzen weiteren Umgebung drängt auf Jesus ein. Er kann sich kaum retten vor Leuten, die etwas ganz Besonderes von ihm erwarten: Massen. Vor allem wollen sie Heilungen von ihm, Wunderheilungen, Exorzismen. Wörtlich: Denn er heilte viel, so dass alle, die geplagt waren, über ihn herfielen, um ihn anzurühren. Erst müssen seine engsten Freunde ein Boot für ihn organisieren, mit dem er sich von den Menschenmassen auf den See retten kann. Dann zieht er sich mit ihnen auf einen Berg zurück. Dort wählt er zwölf von ihnen als seine Apostel aus. Dann treffen wir ihn in einem nicht näher bezeichneten Haus an, in dem und um das herum sich wieder die Volksmassen versammeln.

Alle wollen zu ihm. Alle wollen zu ihm gehören. Er wählt zwar einen kleinen Kreis besonders enger Mitstreiter aus. Aber eigentlich wollen viel mehr ihm nahe sein. Weil sie alles, alles mögliche von ihm erwarten.

Wer von diesen allen gehört wirklich zu ihm?

Es gibt auch andere. Mit denen geht es gleich weiter in diesem turbulenten Kapitel. Zuerst die Vorgeschichte zu der Begegnung, die wir als Predigttext gehört haben: Jesu Angehörige machen sich auch auf den Weg zu ihm: Nicht weil sie sich den Massen seiner Fans anschließen wollen. Nicht weil sie stolz sind auf die Erfolge ihres Sohnes, ihres Bruders. Im Gegenteil er ist ihnen peinlich. Er ist verrückt, sagen sie, von Sinnen, geisteskrank, wahnsinnig.

Eine Diagnose übrigens, die von seinen Kritikern später immer mal wiederholt worden ist: Jesus war verrückt, zumindest psychisch auffällig, eigenartig distanzlos und naiv, ein Idiot.

Von der anderen Seite her machen sich andere auf den Weg zu ihm, Schriftgelehrte aus Jerusalem, die Fachleute für religiöse Fragen. Was tut man, wenn einer tut, was Jesus tut: Predigen und Heilen ohne Genehmigung der Kirchenbehörde? Sie gehen im Grunde noch einen Schritt weiter als seine Angehörigen: Für sie ist er nicht nur verrückt, sondern besessen. Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten. Für sie steht Jesus im Dienst des Teufels.

Auch diese Diagnose ist später wiederholt worden. In etwas abgewandelter Form: mit der Behauptung, das von Jesus gegründete Christentum sei für alles Böse in der Welt (oder zumindest für das meiste) verantwortlich.

Während Jesus noch mit diesen Leuten diskutiert, sind seine Angehörigen angekommen und stehen draußen vor der Tür: seine Mutter und seine leiblichen Brüder und Schwestern – ja, die gab's – schlechte Nachricht für alle Katholiken, die immer noch glauben, dass Maria immerwährende Jungfrau ist! Sie kommen gar nicht erst herein – vielleicht wegen der vielen Menschen, oder aber, wahrscheinlicher, weil sie nicht hereinwollen, nicht dazugehören wollen. Sie wollen nicht bei Jesus drin sein, sondern er soll zu ihnen rauskommen. Er gehört zu ihnen, sie sind seine Familie. Sie haben einen Anspruch darauf, dass er sich um sie kümmert. Schließlich ist er der Älteste und der Vater ist schon gestorben. Er gehört zu ihnen. Aber sie gehören nicht zu ihm. Sie wollen ja nicht zu dieser Gesellschaft gehören, die sich da um ihn versammelt hat, ihn anhimmelt, an seinen Lippen hängt, sich auf ihn stürzt, um etwas von seiner göttlichen Kraft abzubekommen. Mit diesem Jesus, diesem Verrückten, mit dem wollen sie nichts zu tun haben. Sie wollen ihren Privat-Jesus wiederhaben. – Aber den gibt es nicht mehr.

Die Nachricht dringt bis zu ihm durch: Deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

Was Jesus antwortet, ist immer schon als eine große Brüskierung verstanden worden. Wie kann er nur seine engsten Angehörigen so vor den Kopf stoßen? – Meine Mutter? Meine Brüder und Schwestern? – Hier sitzen sie, meine Mutter, meine Brüder, meine Schwestern. Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Eine Brüskierung? Ja, eine Brüskierung für die, denen der schöne Schein eines geordneten Familienlebens alles ist. Eine Brüskierung für die, denen dieser Jesus peinlich ist. Für die, denen er verrückt erscheint. Für die, die selber den Schritt zu ihm herein nicht tun wollen, aber erwarten, dass er zu ihnen herauskommt. Für die, die zu stolz sind, um sich auf ihn einzulassen.

Aber eine Würdigung, eine Aufwertung für all die anderen, die sich um ihn sammeln und zu ihm halten – für die, die Gottes Willen tun.

Für die, die Gottes Willen tun? – Ja, um Gottes Willen, was tun sie denn? Sie laufen Jesus nach, sie umlagern ihn, sie bitten ihn um Hilfe und Heilung, sie hängen an seinen Worten, saugen sie in sich auf, staunen über ihn. Und einige gehen mit ihm mit, folgen ihm nach. Aber bei weitem nicht alle. Seine engsten Nachfolger, das ist nur ein kleiner Kreis. Aber die Jesus seine wahren Verwandten nennt, das sind viele. Viele, von denen wir nicht wissen, wie ernst und nachhaltig ihre Begeisterung für Jesus war. Von denen wir nicht wissen, was sie denn noch tun, außer Jesus nachlaufen.

Eigentlich könnte man es doch so verstehen: Jesu Familie, das sind die, die wirklich bewusst in seinem Sinne leben: Die Hungernde speisen, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen. Die kleinen und die großen Heiligen, Leute wie Mutter Theresa oder wie der Unbekannte von nebenan, der wenigstens seiner alten Nachbarin den Einkauf mitbringt. Das sind sie doch, die den Willen Gottes tun, so würden wir meinen.

Aber Jesus spricht ungeprüft von allen, die sich da um ihn herum versammelt haben. Die kleinen und die großen Sünder. Die vor allem für sich selber was erwarten von ihm. Ja, wenn man dem Ablauf dieses Kapitels folgt, dann müssen sogar die Schriftgelehrten aus Jerusalem noch mit da sein, die ihn gerade noch als besessen bezeichnet haben. – Sie alle sollen Jesu Brüder und Schwestern sein?

Das einzige, was sie tun, ist, sich an Jesus halten. Von ihm etwas erwarten. – Und genau das ist es wohl, was Jesus meint, wenn er sagt: Sie tun den Willen Gottes. Denn etwas anderes tun sie ja nicht.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist für mich der Punkt heute. Das ist für unser Verständnis ganz wichtig, wer wir als Kirche und christliche Gemeinde sind, wer zu uns gehört und wer nicht: Jeder, der kommt, jeder, der etwas von uns und der etwas von unserem Herrn Jesus erwartet, gehört dazu. Wir schließen niemanden aus. Die Kirche unternimmt keine Prüfung, wie sehr jemand nach dem Willen Gottes lebt. Wer kommt und etwas von Gott oder auch nur von seinem Bodenpersonal erwartet, der soll dazugehören.

Denn auf diese Haltung kommt es an: Offen sein, etwas erwarten, zu Gott zu Jesus kommen. Nicht draußen stehen bleiben, sondern hereinkommen mitmachen.

Diese Haltung nennt die Bibel an anderen Stellen Glauben. Da werden uns Leute im Detail gezeigt, die Jesus bitten um Heilung und Hilfe, und Jesus lobt ihren Glauben. Da werden uns einzelne Leute gezeigt, die Jesus fragen um Rat und Hilfe für ihr Leben, und Jesus antwortet ihnen, weil er ihren Glauben sieht.

Das ist Glaube: keine hochgestochene Theologie, keine übermenschliche Moral. Nein, einfach nur etwas von Gott, von Jesus, von den Menschen erwarten. Und schon das heißt: den Willen Gottes tun. Es geht nicht um Leistung. Es geht um Glauben, um Vertrauen, um Hoffnungen und Erwartungen.

Wer glaubt und hofft, der gehört dazu zur Familie Jesu. Und darum kann ich euch alle auch so anreden: Liebe Schwestern und Brüder. Wer nichts erhofft und nichts erwartet, der ist nicht hier. Aber wer hier ist, der gehört dazu, zur Gemeinde Jesu, zur Familie Gottes.