Sonntag, 11. September 2011

Predigt vom 11. September 2011 (12. Sonntag nach Trinitatis)

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sine, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Jesaja 29, 17-24




Liebe Gemeinde,

heute ist der 11. September. Dieser Tag, heute vor zehn Jahren, hat uns wohl alle erschüttert, bewegt und auch verändert. Die Angst, das Entsetzen, die Lähmung, die uns an diesem Tag, in diesen Stunden erfasst hat, ist uns vielleicht immer noch präsent. Fast jeder weiß, wo und wie ihn die Nachricht erreicht hat, die Bilder, wie das zweite Flugzeug in das World Trade Centers krachte, die brennenden Türme, ihr Zusammenbrechen in riesigen Staub- und Aschewolken. Wahrscheinlich haben wir es als stechenden Schmerz empfunden, wie genau in diesem Moment Hunderte, Tausende von Menschen starben. Und wir haben es hoffentlich nie verstanden, wie Menschen zu so etwas fähig sein konnten.

Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein wie zuvor, hieß es sehr schnell, wohl schon am selben Tag. Das war vielleicht in mancher Hinsicht richtig. Anders als wohl viele Europäer, die die Anschläge vom 11. September als ein monströses Verbrechen betrachteten, haben die Amerikaner sie als kriegerischen Angriff verstanden. „America is under attack“, hieß es. Die Erinnerungen an den japanischen Angriff auf Pearl Harbour waren sofort präsent. Entsprechend ist es aus amerikanischer Sicht, aus der Sicht der Opfer des 11. Septembers absurd, so etwas zu sagen wie es bei uns gerne gesagt wurde: Der 11. September wäre „zum Vorwand“ genommen worden, um Krieg in Afghanistan und im Irak zu führen. Nein, diese Kriege, zumindest der in Afghanistan, waren eine logische Antwort in einem Krieg, der spätestens mit den Anschlägen vom 11. September den Amerikanern und mit ihnen der ganzen westlichen Welt von außen erklärt worden war. Von einem Gegner, der schwer zu fassen und zu bekämpfen war und ist, weil er eben kein Staat mit bewaffneten Streitkräften ist, sondern ein internationales Netzwerk von fanatisierten Kämpfern. Und so hat man logischerweise auch nicht Krieg gegen Afghanistan oder gegen den Irak geführt, sondern in diesen Ländern, damit von ihnen keine Gefahr mehr ausgeht.

Ja, die Welt sieht durch den „Krieg gegen den Terror“ ein wenig anders aus als zuvor. Im Großen und Ganzen ist sie aber doch dieselbe geblieben. Denn die Terroristen von der Kaida haben es nicht geschafft, die westliche Kultur in ihrem freiheitlichen Selbstverständnis zu erschüttern. Sie haben es nicht geschafft, uns einzuschüchtern und zu verängstigen. Was viele befürchteten, dass islamistischer Terror zur stets präsenten Gefahr würde, dass sich weitere größere und kleinere Anschläge häufen würden, das ist ausgeblieben. Wobei wir die Anschläge von Bali, von Madrid und London wie auch den misslungenen Anschlagsversuch in Deutschland mit den Kofferbomben nicht vergessen wollen. Aber dass die Terroristen nach zehn Jahren so wenig erfolgreich waren, das ist vor allem ein Erfolg der gesteigerten Sicherheitsmaßnahmen und des internationalen Krieges gegen den Terror.

Ich habe das nicht immer so klar gesehen. Und man mag mit einigem Recht darüber diskutieren, ob der Irakkrieg so sinnvoll war oder nicht.

Ein Denken aber, das erklärten Demokraten und Freiheitsfreunden, bekennenden Christen, den Amerikanern und natürlich immer wieder den Juden, finstere Verschwörungen und Weltherrschaftspläne unterstellt, dagegen skrupellose Mörder und Fanatiker als Opfer hinstellt, für die man am Ende noch Verständnis haben soll, ein solches Denken kann ich nur dumm und zynisch nennen.

Ist die Welt seit zehn Jahren besser geworden, sicherer geworden, vielleicht auch freier, demokratischer? Vielleicht denken wir an den so genannten arabischen Frühling? An Libyen? Oder auch daran, dass selbst im Irak eine, wenn auch schwierige und gefährdete, Demokratie herrscht?

Oder ist es nur noch schlimmer geworden, gefährlicher, unübersichtlicher?

Eine neue Weltordnung, wie manche sie sich erträumt haben, hat sich gewiss noch nicht durchgesetzt.
Aber dieser Traum von einer neuen Weltordnung, von Frieden und Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit, das ist ein ganz alter Traum, ein biblischer Traum, ein Traum, den vor allem Juden und Christen immer weiter geträumt haben, und von dem dann doch da oder dort schon etwas Wirklichkeit geworden ist.

Es ist der Traum, von dem in unserem Predigttext die Rede ist. Und, ja, eigentlich ist es mehr als ein Traum. Es ist eine Verheißung. Also ein Traum, der dazu bestimmt ist, Wirklichkeit zu werden.

Dieser Traum hat viele Facetten. Gehen wir einfach durch den Text:

Der Libanon soll fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

Das ist der Traum, dass sich die Natur so verändern kann, dass die Erde wirtlicher, wohnlicher wird. Auf dem Libanon wachsen die legendären Zedern, vor allem aber ist es ein Hochgebirge, wo in den oberen Lagen fast gar nichts wächst und auf dessen Gipfeln meistens Schnee liegt. – Wir können es uns vorstellen, wir haben es hier vor Augen, wie unfruchtbar Gebirgsland sein kann. Aber es soll fruchtbar werden, wird hier gesagt. – Wie soll das gehen? Vielleicht durch eine Klimaerwärmung?

Wir mögen auch daran denken, wie es Menschen in den letzten Jahrhunderten gelungen ist, Land zu kultivieren und auf kultiviertem Land Ernteerträge zu erhöhen, durch moderne Bewirtschaftungsmethoden, durch modernen Pflanzenschutz, durch moderne Pflanzenzüchtung und, ja, vielleicht auch durch moderne Gentechnik.

Noch immer werden nicht alle Menschen satt auf unserer Erde. Aber erstaunlicherweise werden trotz steigender Bevölkerungszahl immer mehr Menschen satt. – Ein Zeichen der Hoffnung.

Die Tauben werden hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen.

Das ist der Traum, dass Krankheit und Behinderung die Menschen nicht länger ausschließt aus der Gemeinschaft der anderen, derer die sehen, die hören, die verstehen, die wissen.

Jesus hat Taube und Blinde auf wundersame Weise geheilt. Heute werden weit mehr Blinde und Gehörlose durch medizinische Möglichkeiten geheilt. Ja, für uns ist es ganz selbstverständlich geworden, die Sehschwäche und die Hörschwäche technisch zu kompensieren. Natürlich noch nicht immer und überall. Es gibt noch Blinde und Gehörlose, und wenn ich höre, dass jemand aus unserer Gemeinde immer schlechter sieht, und da wohl nichts zu machen ist, dann macht mich das auch traurig. Aber, das ist heute Gott sei Dank viel seltener als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

Das ist der Traum, dass Armut und Elend überwunden werden, dass Menschen, die wenig haben und wenig können, doch nicht am Rande der Gesellschaft stehen.

Die Bibel hat eine starke soziale Komponente, würde man heute sagen. Gottes „Option für die Armen“ nennen das manche.

Schon die alttestamentlichen Gebote rufen dazu auf, keinen Hilfsbedürftigen links liegen zu lassen: die Waisen, die Witwen, die Fremden werden häufig genannt. Jeder, auch der Ärmste soll genug zum Leben haben. Und Jesus preist die Armen selig.

Das Christentum hat eine Kultur der Armenpflege entwickelt, aus der auf der einen Seite diakonisches und soziales Engagement von Einzelnen und Gruppen hervorgegangen ist, andererseits der moderne Sozialstaat, der jedem ein relativ gutes Auskommen sichert.

Darum ist Armut in Deutschland und Europa nicht das, was eigentlich Armut ist, das, was wir in vielen anderen Weltgegenden noch haben.

Noch, sage ich, denn auch hier hat sich die Situation eher verbessert als verschlechtert. Der Anteil der Menschen zum Beispiel, die weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben haben, hat sich seit 1990 von der Hälfte auf ein Viertel halbiert. – Ein Zeichen der Hoffnung.

Es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

Das ist der Traum, dass Gewaltherrschaft, Terror und Menschenverachtung keine Zukunft haben. Dass Rechtsbeugung und Machtmissbrauch aufhören werden.

In der Bibel wird menschliche Herrschaft zum ersten Mal in der Geschichte an Gottes Recht gebunden. Wer über Menschen regiert, soll das in Verantwortung vor Gott und für die Menschen tun, indem er Gottes Gebote achtet.

Tyrannei und Terrorherrschaft haben letztlich keinen Bestand. Die Zerschlagung der Naziherrschaft in Deutschland, der Zusammenbruch des kommunistischen Systems in der Sowjetunion und im Ostblock, sie sind Zeichen dafür, dass die Tyrannen tatsächlich untergehen.

Das Schicksal von Saddam Hussein, von Osama bin Laden, der Untergang des Regimes von Muammar al-Gaddafi – sie bestätigen es auch für dieses letzte Jahrzehnt.

Vielleicht sind wir ja einer Welt ohne Gewalt und Terror tatsächlich ein Stück näher gekommen. – Es gibt Zeichen der Hoffnung.

Weiter heißt es: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

Das ist der Traum, dass Gottes Volk Israel nicht mehr unterdrückt, verfolgt, bedrängt, gemordet wird.
Denn der Name Jakob steht für Gottes Volk, für Israel. Es war ja der Erzvater Jakob, der von Gott den Ehrennamen Israel verliehen bekam.

Über Israel habe ich vor 14 Tagen ausführlich gesprochen. Es sieht aus, als wäre auch davon etwas wahr geworden in unseren Tagen: in dem kleinen, gefährdeten, wunderbaren Land zwischen Jordan und Mittelmeer hat Israel wieder Heimat und einen eigenen Staat.

Vielleicht mögen wir als Christen diese Verheißung, diesen Traum auch etwas weiter fassen. Es ist ja auch unser Traum und unsere Hoffnung, dass das Leiden und die Verfolgung, die Christen um ihres Glaubens willen trifft, ein Ende haben werden.

In der Sowjetunion, im Ostblock haben wir das erlebt: ein Aufatmen und Aufleben des unterdrückten Glaubens.

An anderen Orten nimmt die Verfolgung zu. In Nordkorea und in etlichen islamischen Staaten kann Christsein das Leben kosten. In vielen arabischen Ländern ist Christsein schwerer geworden: auch und gerade in Ägypten und im Irak.

Der Traum, die Verheißung des Propheten sind eben noch lange nicht in allen Stücken Wirklichkeit geworden.

Die neue Weltordnung, es ist die Weltordnung Gottes. Wir können sie nicht mit unseren Mitteln heraufführen. Sicher aber da und dort etwas davon wahr machen. Demokratie, Freiheit und Menschenrechte, westliche Werte sind eben zum großen Teil auch jüdisch-christliche Werte.

Am Ende des Predigttextes ist von den Werken seiner, Gottes Hände die Rede. Das Entscheidende kommt immer noch und immer wieder von ihm.

Auch die entscheidenden Impulse für uns.

Das Wichtigste an der prophetischen Verheißung steht ganz am Ende:

Sie werden meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die welche murren, werden sich belehren lassen.

Es ist der Traum, dass Menschen Irrtümer einsehen und eingestehen können, dass sie aus Fehlern lernen, dass sie umdenken können und neu anfangen.

Und es ist der Traum, dass sie sich an Gott erinnern und zu ihm hinwenden. Es ist der Traum von der großen Bekehrung.

Wo der Glaube wächst an den Gott, der alles neu und alles gut macht, da wachsen auch unsere Möglichkeiten, in dieser Welt vieles besser zu machen.

Die Mörder, Verbrecher und Terroristen, die Angstmacher und Menschenverächter, diejenigen, die vor zehn Jahren noch gefeiert haben, sie werden keine Zukunft haben.