Sonntag, 4. Oktober 2015

Predigt am 4. Oktober 2015 (Erntedanktag)

Es sprach einer aus dem Volk zu Jesus: „Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.“ Er aber sprach zu ihm: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?“
Und Jesus sprach zum Volk: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“
Und er sagte ihnen eine Gleichnis und sprach: „Es war ein reicher Mann, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: ,Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.‘ Und sprach: ,Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!‘ Aber Gott sprach zu ihm: ,Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?‘ So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“
Lukas 12, 13-21

Alles ist gut.
Die Ernte ist eingebracht.
Die Ernte seines Lebens.
Mehr, als er erwarten durfte.
Reichlicher, als er es sich je erträumt hatte.
Das Feld hatte gut getragen.
Das Feld seines Lebens.
Jahraus jahrein hatte er es beackert.
Gepflegt, gedüngt, die Steine ausgelesen, die Fruchtfolge bedacht.
Und jetzt hat er die Ernte seines Lebens eingebracht.
Alles ist gut.
Vollkommen.
Besser geht’s nicht mehr.
Aber wie geht’s dann weiter?
Alles ist gut.
25 Jahre deutsche Einheit.
Manche haben sich mehr erwartet.
Aber in Wahrheit haben wir mehr erreicht, als man erwarten durfte.
Blühende Landschaften.
Einheit, Freiheit, Wohlstand – das stand damals auf den Wahlplakaten, 1990.
Das haben wir erreicht.
Wir haben gearbeitet und gefeiert.
Wir haben Neues gebaut
und Altes liebevoll wiederhergerichtet.
Steine weggetragen und Steine neu zusammengesetzt.
Gelernt miteinander klarzukommen und Unterschiede auszuhalten.
Und jetzt ist alles gut.
Fast.
Gerade jetzt macht sich das bange Gefühl breit:
Besser wird’s nicht mehr.
Wir stehen an einem Punkt, wo alles zu kippen droht.
Weil wir dem, was kommt, denen, die kommen, nicht mehr gewachsen zu sein scheinen.
Und wie geht’s dann weiter?
Wie geht’s weiter, wenn’s uns gut geht?
Wenn’s nicht mehr besser werden kann, sondern nur noch schlechter?
Scheunen bauen,
sagt der reiche Kornbauer.
Die Ernte einsammeln.
Einlagern.
Von den Vorräten leben.
Das Gute festhalten.
Sich am Guten festhalten.
Für die Jahre, die kommen.
Essen und trinken und guter Dinge sein.
Es ist das Lebensprinzip „Wohlverdienter Ruhestand“.
Ihr kennt das.
Vom Ersparten leben auf der Insel der Seligen.
Und das Leben genießen.
Alles ist gut.
Alles bleibt gut.
Ja, alles ist gut.
Heute, hier.
Ob es morgen noch gut sein wird, wissen wir nicht.
Dass es schlechter werden kann, ahnen wir.
Eine Zeitlang können wir uns auf unsere Insel der Seligen zurückziehen – vielleicht.
Und wie lang wird diese Zeitlang sein?
Heute Nacht wird man deine Seele von dir fordern!,
muss der Reiche sich sagen lassen.
Nicht weil er reich ist,
sondern weil es jeden treffen kann.
Heute Nacht wird man deine Seele von dir fordern!
Heute Nacht.
Oder Morgen.
Oder nächstes Jahr.
Wir wissen es nicht.
Aber wir wissen, dass es dann nicht mehr gut ist.
Dann ist es alles weg,
was wir uns erarbeitet haben,
was wir gesammelt und eingelagert haben in die Scheunen unseres Lebens.
Dann ist sie verloren – die Ernte unseres Lebens.
Verloren: alles, was wir nicht mitnehmen können.
Unsere Scheunen und Häuser.
Unsere Konten und Depots.
Unsere Schränke und Garagen.
Unsere Bibliotheken und Hobbykeller.
Wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?
Den Erben, die sich darum streiten.
Oder denen das Haus, das du gebaut hast, nichts bedeutet, und die es weiterverkaufen.
Die das was du in deinen Schränken und Regalen gesammelt hast, zur Kleidersammlung bringen oder ins Antiquariat.
Die dein sauer erspartes Geld für Quatsch ausgeben, den du nie im Leben gut geheißen hättest.
Futsch – die Ernte deines Lebens.
Und die Erinnerung an dich, sie wird verblassen.
Mit Nichts fährst du in die Grube, und das war’s.
Alles ist gut.
Heute.
Morgen ist alles vorbei.
Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot! Was ist daran eigentlich so dumm?
Genieße dein Leben, so lange du es kannst.
Schon morgen kann es zu spät sein.
Auch das steht in der Bibel.
Und nichts daran ist verkehrt.
Und trotzdem stimmt da was nicht.
Es stimmt nicht, weil Gott fehlt.
Es stimmt nicht, weil der Erntedank fehlt.
Die Ernte ist eingebracht, und alles ist gut.
Dann wollen wir innehalten, das Gute genießen und Danke sagen.
Gott danken für die Ernte eines Jahres.
Das haben sie seit Menschengedenken so getan:
Innegehalten, an Gott gedacht und Gott gedankt.
Für seinen Segen.
Die Ernte deines Lebens ist eingebracht, und alles ist gut.
Du kannst dein Leben genießen,
essen und trinken und guter Dinge sein.
Und du kannst einen Moment innehalten,
an Gott denken und ihm danken:
für alles, was gut war,
für alles, was schwer war,
für alles, was du geschafft hast,
für alles, bei dem du Glück hattest.
Und du kannst das alles beim Namen nennen:
Gottes Segen.
Wir können Einheit, Freiheit und Wohlstand genießen.
Und wir können an Gott denken und ihm danken:
für das Wunder der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung,
für neu Geschaffenes und für alte Landschaften, die neu erblüht sind,
und für wunderbare Menschen und gute Begegnungen.
Und wir können dem allen einen Namen geben:
Gottes Segen.
Wir dürfen und wir sollen auch an die Zukunft denken:
An das Morgen und das Übermorgen.
Unsere Sorgen und Ängste beim Namen nennen:
Was wird werden aus dem, was wir geschaffen haben?
Wir können es nicht festhalten und nicht mitnehmen.
Aber wir können es in Gottes Hände legen.
Der bis hierher geholfen hat und Segen gegeben,
wird das auch künftig tun.
Alles ist gut.
Und alles wird gut.
Innehalten und Gott danken.
Weiter gehen und Gott vertrauen.
Wenn sie heute oder morgen deine Seele von dir fordern, dann wird das bleiben:
Dein Vertrauen und dein Dank.