Sonntag, 27. September 2015

Zündfunke (Rundfunkandacht) am 27. September 2015

Evangelisch ist nicht gleich Evangelisch. Das merken wir in unseren bunt gemischten Kirchengemeinden hier auf der Insel besonders deutlich. Da zeigt sich einer verwundert, weil der Pfarrer beim Abendmahl und beim Segen ein Kreuz schlägt: Huch, das ist ja katholisch! Für einen anderen wäre es befremdlich, wenn er es nicht täte: So was gibt’s? Sind Segen oder Abendmahl dann überhaupt wirksam? Die einen denken beim 6. Gebot an Ehebruch, die anderen an Mord und Totschlag. Die einen sprechen vom Altar in der Kirche, die anderen vom Abendmahlstisch.
Diese und viele weitere Unterschiede hängen mit der Geschichte der Reformation im 16. Jahrhundert zusammen. In Mittel- und Norddeutschland war die Reformation maßgeblich durch Martin Luther bestimmt, und die Evangelischen hießen deshalb auch Lutheraner (obwohl Luther nie wollte, dass eine Kirche nach ihm benannt wird; wir sind ja Kirche Jesu Christi und nicht Kirche Martin Luthers). Im Südwesten und in der Schweiz, später dann auch in Frankreich und den Niederlanden war die Reformation durch Ulrich Zwingli und später dann durch den Genfer Johannes Calvin bestimmt, und die Evangelischen hießen einfach Reformierte. Schon beizeiten waren sie sich über einige Fragen uneinig, z. B. ob es in den Kirchen Bilder geben sollte oder nicht, oder wie die Zehn Gebote zu zählen wären. Vor allem aber stritt man sich über das richtige Verständnis des Heiligen Abendmahls: Ist Brot und Wein tatsächlich Leib und Blut Christi, oder ist das zeichenhaft zu verstehen? So waren zwei getrennte evangelische Kirchen entstanden – Lutheraner und Reformierte – die sich jahrhundertelang uneins waren.
Anfang des 19. Jahrhunderts existierten in Preußen beide Konfessionen nebeneinander, während die Unterschiede von vielen als nicht mehr so gravierend empfunden wurden. So verfügte der preußische König Friedrich Wilhelm III. am 27. September 1817 die Vereinigung der lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer gemeinsamen unierten Kirche.
Inzwischen sind wir auch in der EKD vereint: Evangelische aus unterschiedlichen Traditionen. Die Lehrstreitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten sind so weit ausgeräumt, dass sie uns nicht mehr hindern miteinander Gottesdienst zu feiern und Kirche zu sein.
Die preußische Kirchenunion von 1817 war ein wichtiger Schritt hin zur Einheit der Christen.
Friedrich Wilhelm III. schrieb damals: „Möchte der verheißene Zeitpunkt nicht mehr fern sein, wo unter einem gemeinschaftlichen Hirten, alles in einem Glauben, in einer Liebe und in einer Hoffnung sich zu einer Herde bilden wird!“