Sonntag, 13. September 2015

Predigt am 13. September 2015 (15. Sonntag nach Trinitatis)

Jesus lehrte seine Jünger und sprach:
„Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“
Matthäus 6, 25-34

Sorge um das Morgen und das Übermorgen treibt sie an.
Von einem Land zum andern.
In überfüllten Schlauchbooten übers Meer.
Sie kommen aus ärmlichen Verhältnissen in Afrika.
Aus vom Krieg zerstörten Städten und Dörfern in Syrien.
Oft aber auch aus Flüchtlingscamps in der Türkei oder im Libanon, sicher, aber ohne Hoffnung und Perspektive für ein besseres Morgen gibt.
Die Sorge treibt sie an.
Die Sorge um das eigene Leben.
Aber auch die Sorge um die Familie, um die Zukunft der Kinder:
Sie sollen es besser haben als wir heute hier.
Und dafür nehmen sie die Sorgen und Risiken einer gefährlichen Flucht auf sich.
Wo werden wir morgen sein?
Was werden wir morgen essen?
Wo können wir morgen schlafen?
Und werden wir und unsere Kinder morgen noch am Leben sein?
Besorgte Flüchtlinge.
*
Besorgte Bürger.
Auch sie fragen sich: Was wird morgen sein:
Wenn immer mehr Fremde nach Deutschland kommen?
Wenn sie uns wegnehmen, was wir haben?
Frauen, Geld, Arbeitsplätze?
Wenn wir sie nicht alle versorgen und betreuen können?
Wenn sie uns mitbringen, was wir nicht haben wollen:
Ethnische und religiöse Konflikte?
Kriminalität?
Aggression?
Gewalt?
Eine Kultur, in der Frauen wenig gelten und Homosexuelle verfolgt und getötet werden?
Wenn sie beginnen, die Regeln bei uns zu bestimmen?
Was wird sein, wenn es zu Anschlägen kommt?
Oder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen?
Wenn die öffentliche Ordnung zusammenbricht?
Besorgte Bürger – das ist zum Spott- und Schimpfwort geworden, weil sich pöbelnde, menschenverachtende und gewalttätige Idioten so bezeichnet haben.
Nun werden auch die, die nicht pöbeln und gewalttätig werden, die einfach nur Fragen stellen, die sich wirklich Sorgen machen, begründet oder auch nicht, nun werden sie alle mit dem Spott- und Schimpfwort Besorgte Bürger belegt, und gemeint ist damit: Ihr seid Rassisten, Nazi-Deppen, Menschenfeinde.
Ich meine: Wer sich Sorgen macht und Fragen stellt, ist noch lange keine Nazi und kein Rassist.
Und wenn sich einer Gedanken macht, also wirklich Gedanken, dann ist er wohl auch kein Depp.
Sorglosigkeit um das, was kommt, um das, was ich heute tue und was morgen daraus wird, das kann auch Leichtfertigkeit sein, Verantwortungslosigkeit.
Vor allem bei politischen Entscheidungen erwarten wir Weitsicht und Sorge, man kann auch sagen Sorgfalt, im Blick auf das Morgen und Übermorgen.
*
Jesus sagt: Sorgt nicht!
Und wir wissen: Das geht doch gar nicht!
Wir müssen uns doch Gedanken machen um Morgen und Übermorgen.
Wir sind doch Menschen, die planen und die Zukunft gestalten.
Wir sind keine Vögel unter dem Himmel, keine Schwalben, denen im Flug die Nahrung in den geöffneten Schnabel fliegt.
Wir sind keine Blumen am Wegrand, die von Sonne, Erde und ein bisschen Feuchtigkeit leben, und die es klaglos hinnehmen, wenn sie vertrocknen oder aber in der Blüte ihres Lebens gebrochen werden.
(Das ist es ja gerade, was die besorgten Bürger und die besorgten Flüchtlinge antreibt: Sie können nicht wie die Feldblumen leben. Wie die Zugvögel schon eher: Die fliegen einfach dorthin, wo sie Nahrung finden für sich und ihre Jungen.)
*
Wisst ihr was? – Jesus sagt gar nicht: Sorgt nicht!
Er sagt eine ganze Menge mehr.
Sorgt nicht um euer Leben.
Sorgt nicht um euren Leib.
Sorgt nicht, was ihr essen und trinken werdet.
Sorgt nicht, was ihr anziehen werdet.
Sorgt euch um die richtigen und wichtigen Dinge,
nicht um die unwichtigen.
Sorgt euch um das Reich Gottes.
Sorgt euch um die Gerechtigkeit.
Jesus sagt nicht: Sorgt euch nicht!
Sondern er sagt: Sorgt euch, aber richtig!
*
Jesus sagt:
Sorgt nicht um das, was ihr habt!
Sorgt euch um das, was euch fehlt!
Leib und Leben habt ihr.
Nahrung und Kleidung habt ihr.
Kühlschrank und Kleiderschrank sind voll.
Und trotzdem steht ihr davor und fragt:
Was sollen wir essen?
Was sollen wir anziehen?
Sonst habt ihr keine Probleme?
In einer Zeit, wo Nahrungsmittel so billig, so reichlich, so gesund und sicher sind wie nie zuvor, da macht ihr aus der Ernährung eine Wissenschaft – Ernährungswissenschaft.
Da denkt ihr euch immer neue Diäten aus.
Und Regeln, was man essen und trinken darf und was nicht:
Vegetarisch oder gar vegan.
Bio und regional.
Zuckerarm und fettreduziert.
Neuerdings sind Mediziner auf eine völlig verrückte Idee gekommen: Möglicherweise ist es das Gesündeste, man isst einfach, was einem schmeckt; der Körper weiß das schon.
Gefällt mir gut und klingt vernünftig:
Sorgt euch nicht, was ihr essen sollt!
Esst einfach, was euch schmeckt!
Und Kleidung?
Was soll dieses Gerede, dass man dies nicht anziehen und jenes nicht tragen könne.
Männerfüße in Sandalen geht gar nicht.
Warum eigentlich nicht?
Ich fühle mich wohl und habe keine Schweißfüße – was will man mehr?
Und wenn ich hier die Promenade entlang schaue, was die Leute so an- und ausziehen – worüber soll ich mir da eigentlich noch Gedanken machen?
Sorgt euch nicht, was ihr anziehen sollt!
Tragt, was euch gefällt und worin ihr euch wohlfühlt!
Sorgt nicht um euren Leib und euer Leben!
Was für eine Provokation für uns, die wir Gesundheit und langes Leben für das Höchste halten!
Manfred Lütz hat schon vor vielen Jahren argumentiert: Was nützt mir die Zeit, die ich später vielleicht länger lebe, wenn ich mich dieselbe Zeit dafür heute beim Joggen quälen muss?
Auch das gefällt mir gut: Quäl dich nicht heute, damit es dir morgen vielleicht besser geht – vielleicht aber auch nicht.
Genieße das Leben heute, wenn es was zu genießen gibt, und mach dir keine Sorgen um morgen.
Auch das sagt Jesus:
Sorgt euch nicht für morgen.
Sorgt euch um das Heute.
Morgen wird für sich selber sorgen.
Es reicht, wenn jeder Tag seine eigene Last hat.
Belaste dich nicht schon heute mit der Sorge von morgen!
Jesus sagt:
Sorgt euch nicht um das, was ihr habt!
Sorgt euch um das, was euch fehlt!
Wisst ihr, was euch fehlt?
Glaube, Gottvertrauen.
Ihr Kleingläubigen, sagt Jesus, und erinnert uns besorgte Menschen an unseren himmlischen Vater, der für uns sorgt.
Tag für Tag.
Wisst ihr, was euch fehlt?
Hoffnung.
Trachtet nach dem Reich Gottes, sagt Jesus.
Sorge – das ist Angst um die Zukunft: Alles wird schlimmer und am Ende sind wir alle tot.
Das Reich Gottes ist das Versprechen: Alles wird gut und am Ende werden wir leben.
Das Leben ist mehr als meine begrenzte Lebenszeit, der ich nichts hinzufügen kann.
Die Welt ist mehr, als das, was der Fall ist, und was ich nicht ändern kann.
Sorge dich um das ewige Leben, dann wirst du auch in den zeitlichen Problemen bestehen.
Und wisst ihr, was euch fehlt?
Liebe.
Trachtet nach Gottes Gerechtigkeit, sagt Jesus.
Gerechtigkeit hat immer mit meinem Mitmenschen zu tun:
Dass ich ihm gerecht werde.
Dass ihm Gerechtigkeit wird.
Dass ihm die Sorgen genommen werden,
weil ich mich um ihn sorge.
Jesus sagt:
Sorgt euch nicht um euch!
Sorgt euch um andere!
Sorgt euch um die, die wirklich nichts zu essen oder anzuziehen haben – gerade mal das, was sie in ihrem Rucksack mitnehmen konnten und auf dem Leibe tragen.
Sorgt euch um die Flüchtlinge.
Sorgt euch um eure besorgten Nachbarn.
Sorgt euch um die überforderten Politiker.
*
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.
Zuerst.
Jesus rückt die Prioritäten zurecht:
Zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.
Zuerst Glaube, Hoffnung und Liebe.
Zuerst Gott und der Nächste.
*
Sorgen bleiben.
Berechtigte Sorgen und unberechtigte.
Und Menschen, die unsere Sorge brauchen:
Unser Hilfe und unser Gebet.
Weil sie sich zu viel sorgen.
Oder weil sie sich zu wenig sorgen.

Und Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben.
Sie sind größer als alle Sorgen.
Weil Gott, unser himmlischer Vater, größer ist als alles.
Er sorgt für uns.