Mittwoch, 23. September 2015

Zündfunke (Rundfunkandacht) am 23. September 2015

An dieser Stelle, beim Zündfunken, wechseln sich katholische und evangelische Seelsorger ab. Diese Woche bin ich als evangelischer Pfarrer dran. Nächste Woche spricht wieder mein katholischer Kollege Bertram Bolz. Wir kommen gut miteinander klar. Als evangelische Christen haben wir im katholischen Spanien keinerlei Probleme. Wir nutzen Kirchengebäude der katholischen Kirche. Wir feiern einmal im Jahr einen gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst. Wir sind nicht in allem einer Meinung, aber wir sprechen uns den Glauben nicht ab, und wir begegnen einander mit Respekt. Das ist leider nicht immer so gewesen.
Heute lese ich im Kalender den Namen einer Frau, von der ich bisher noch nichts gehört hatte: María de Bohórquez. Todestag: 23. September 1559. Geburtstag unbekannt, um 1539. Ganze zwanzig Jahre ist sie also alt geworden. Sie war eine gebildete junge Frau aus vornehmem Haus. Gestorben ist sie unter den Händen der spanischen Inquisition in Sevilla. Ihr Vergehen: Sie hatte sich mit anderen in einer Art Hauskreis getroffen; sie lasen in der Bibel und in Schriften von Martin Luther und anderen Vertretern der Reformation. Sie gingen nicht etwa missionieren mit ihren neuen Einsichten, sondern blieben unter sich. Trotzdem wurden solche lutherischen Ketzer von der Inquisition hart verfolgt. Der Kreis flog auf, die Teilnehmer wurden verhaftet.
María bekannte sich in den Verhören zu ihren Glaubensüberzeugungen, erklärte, warum diese im eigentlichen Sinne katholisch wären und dass sie, die Inquisitoren, doch auch so, im Sinne der Bibel, glauben sollten. Natürlich nützte ihr das nichts. Als sie nicht alles zugab, was man ihr vorwarf, wurde sie auch gefoltert.
Am Vorabend ihrer Hinrichtung wurde ihr ein weiteres Mal angeboten, doch zu widerrufen. Sie erklärte, wenn sie ihrer Überzeugungen nicht sicher wäre, würde sie gerne widerrufen, aber die Diskussionen mit den katholischen Theologen hätten sie sogar noch bestärkt.
Am Hinrichtungsort bot man ihr die letzte Chance, doch einfach das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Das tat sie, konnte es aber nicht lassen, die Glaubensartikel im lutherischen Sinne auszulegen. Noch während sie redete, wurde sie erwürgt und anschließend verbrannt.

Dass Christen Christen wegen ihres anderen Verständnisses des christlichen Glaubens verfolgen, foltern und töten, das ist für uns heute nur noch schwer vorstellbar. Es muss uns traurig und nachdenklich machen. Aber auch dankbar, dass diese Zeiten überwunden sind.