Dienstag, 22. September 2015

Zündfunke (Rundfunkandacht) am 22. September 2015

Sie kennen sicherlich die Zehn Gebote. Aber brauchen wir die überhaupt, um mit unserem Leben bei Gott anzukommen? Manche sagen: Ja, unbedingt. Aber wenn du dir Gottes Gebote genau anschaust – Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst; du sollst nicht nur nicht stehlen und nicht ehebrechen, du sollst auch nicht begehren – wenn du das ernst nimmst, dann siehst du, dass du das nicht schaffst; so kannst du nicht zu Gott kommen, du bist verloren und kommst in die Hölle. Das ist ja die reine Drohbotschaft, sagen liberalere Christen; das Evangelium ist doch eine Frohbotschaft: Gott liebt dich, und er lässt dich nicht zur Hölle fahren. Ja, sagen die strengen Konservativen: Du brauchst eben die Gottes Gebote, damit du weißt, dass du ganz auf Gottes Gnade angewiesen bist. Nein, sagen die Liberaleren: Gott liebt dich bedingungslos und lässt dich mit oder ohne Gebote nicht zur Hölle fahren.
Schon zur Zeit Martin Luthers im 16. Jahrhundert gab es heiße Diskussionen, wozu Gottes Gebote gut sind und ob es nicht reichen würde die Frohbotschaft von Gottes Liebe zu verkündigen – ohne Drohbotschaft von Hölle und ewiger Verdammnis. Ein Schüler und langjähriger Freund und Mitarbeiter Luthers hat so gedacht und sich darüber mit dem Reformator überworfen. Sein Name: Johann Agricola. An ihn erinnert der evangelische Namenskalender heute. Denn am 22. September ist sein Todestag.
Agricola hat bei Luther studiert und ihn bei den großen theologischen Streitgesprächen begleitet und unterstützt. Später wurde er Pfarrer in seiner Heimatstadt Eisleben, wo es zu ersten Unstimmigkeiten mit den Wittenberger Refornmatoren kam. Aber dieser Streit wurde beigelegt und Agricola kehrte nach Wittenberg zurück, wo er u .a. als Hofprediger tätig war und an der Ausformulierung des evangelischen Bekenntnisses mitarbeitete.
Dann aber eskalierte der Streit mit Luther erneut, und Agricola ging nach Brandenburg, wo er als Superintendent und Hofprediger weiter wirkte. Man hat ihm Eitelkeit und Rechthaberei unterstellt. Vermutlich ging es ihm wirklich darum, dass die Frohtschaft von Gottes Liebe nicht durch Drohungen verdunkelt wird. Ein Anliegen, das aktuell bleibt.
Am 22. September 1566 ist Johann Agricola in Berlin gestorben.