Donnerstag, 26. Februar 2015

Zündfunke (Rundfunkandacht) am 26. Februar 2015

Guten Morgen, liebe Hörer,

Hiob – Inbegriff des unschuldig leidenden Menschen.
Er hat alles verloren, sitzt in der Asche und kratzt sich mit einer Tonscherbe die Geschwüre blutig.
Was für ein jämmerliches Bild von einem Menschen!

Und doch: es stimmt nicht.
Hiob hat nicht alles verloren.
Er hat seinen Glauben nicht verloren. Erstaunlicherweise.
Und er hat seine Freunde nicht verloren.

Als die drei besten Freunde Hiobs von seinem Unglück erfahren, machen sie sich auf den Weg zu ihm.
Sie sehen Hiob von weitem und erkennen ihn nicht wieder.
Sie weinen und klagen, und sie gehen trotzdem zu ihm hin.
Das finde ich großartig.
Sie finden das nicht zu eklig.
Ihnen ist der Freund noch immer oder gerade wichtig, auch als sie von ihm nichts mehr erwarten dürfen.
Und – anders als zuvor seine Frau – sagen sie ihm auch nicht: „Jetzt kannst du dir das Leben nehmen und Gott vergessen.“
Sie tun etwas anderes, etwas ganz Großes.
Es heißt: Sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.Sieben Tage mit dem leidenden Freund einfach nur schweigen.
Den Schmerz aushalten.
Keine guten Ratschläge geben, keine Erklärungen suchen.
Und trotzdem nicht weggehen.
Das ist eine so tiefe, ja erschütternde Solidarität im Leiden, wie wir sie uns gar nicht mehr vorstellen können.

Vielleicht hat der eine oder andere etwas ansatzweise Ähnliches erlebt, wenn er einen Sterbenden begleitet hat und da stundenlang bei ihm am Bett gesessen hat, die Hand gehalten, die Lippen befeuchtet, die Stirn gekühlt und die meiste Zeit einfach dagesessen und geschwiegen.

Könnte es sein, dass in solchen Stunden und Tagen des gemeinsamen Schweigens mehr geschieht und wichtigeres als in tausend Worten?

Könnte es sein, dass darin mehr menschliche Würde liegt als in der Verkürzung des Leidens?

Nicht der Hiob in der Asche und nicht der Mensch an Schläuchen im Sterbebett ist würdelos.
Würdelos ist es, wenn wir ihn allein lassen und uns nur darum sorgen, dass er schnell sterben kann.

Das ist Menschenwürde: Zueinander stehen und beieinander bleiben, wenn der Schmerz am größten ist. Dann ist nicht alles verloren.