Sonntag, 22. Februar 2015

Predigt am 22. Februar 2015 (Sonntag Invokavit)

Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“ Er aber antwortete und sprach: „Es steht geschrieben: ,Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.‘“
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ,Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.‘“ Da sprach Jesus zu ihm: „Wiederum steht auch geschrieben: ,Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen.‘“
Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan! denn es steht geschrieben: ,Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.‘“
Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.
Matthäus 4, 1-11



Jesus wurde vom Geist geführt. Wie schön! Wie wahr! Wie gut! Der Geist, der über ihn gekommen war bei der Taufe – eben gerade von Matthäus erzählt –, der Geist Gottes übernimmt die Führung in seinem Leben. Gottes Sohn – vom Geist geführt.
Und auch wir: Gottes Kinder, Töchter, Söhne – vom Geist geführt.
Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt. Das ist nicht mehr ganz so schön. Einen Tag Wüste als Tourist mit einheimischem Führer, Wasser und Proviant – das ist interessant, spannend, sogar lustig; das kenne ich. Vierzig Tage Wüste als Asket, nur vom Geist geführt, mit wenig Wasser und ohne Proviant – das ist auch interessant und spannend, aber nicht mehr lustig. Wüste – das ist die Grenzerfahrung. Da geht es ums Überleben. Leiblich und geistlich.
Und auch uns bleiben Wüsten nicht erspart. Grenzerfahrungen. Wenn es plötzlich ans Leben geht. Wenn es ums Überleben geht. Wenn es uns den Boden wegzieht. Wenn wir am Rande unserer Kräfte sind. Nur noch funktionieren. Und nicht mehr wissen, wie lange noch. Sind wir auch dann noch vom Geist geführt? Darauf käme es ja an, dass wir in den Wüsten nicht von allen guten Geistern verlassen sind.
Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Nicht genug der Wüste. Er läuft dem Teufel in die Arme. Vom Geist geführt. Mitten in die Versuchung.
Wir beten: „Führe uns nicht in Versuchung! Führe uns, Gott, aber führe uns nicht in Versuchung! Nicht in die Wüste, nicht in die Arme des Teufels, nicht in den Kampf ums Überleben. Sondern erlöse uns von dem Bösen!“
Gott selbst versucht niemand (Jakobus 1, 13). Aber er führt in Situationen, in denen wir versucht werden. Extremsituationen. Tage und Wochen in der Wüste ohne Nahrung und im Angesicht des Teufels. Er führt hinein in die Wüste. Er führt aber auch hindurch durch die Wüste. Führe uns in der Vesuchung! beten manche. Und er führt wieder heraus aus der Wüste. Aus dem Tal der Todesschatten – ins Leben.
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Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“
Brot ist gut. Brot ist elementar fürs Leben. Wir bitten um das tägliche Brot. Wir sorgen uns, dass es genug Brot für die Welt gibt. Das ist uns wichtig. Gottes Wort für die Welt, christliche Mission also, ist uns dagegen ein bisschen peinlich. Brot für die Welt ist ok.
Die Grundbedürfnisse müssen befriedigt werden: Nahrung, Kleidung, Gesundheit, soziale Kontakte, Sexualität.
Bei den Grundbedürfnissen setzt der Teufel an. Beim täglichen Brot.
Jesus braucht Brot – nach vierzig Tagen Fasten. „Mach dir doch welches“, sagt der Teufel. „Wenn du Gottes Sohn bist, dann kannst du das doch! Oder stimmt es etwa nicht? Bist du gar nicht Gottes Sohn? Kannst du gar keine Steine in Brot verwandeln? Bist du am Ende doch nur ein normaler Mensch? Ein gewöhnlicher Hungerleider?“
„Und du, Christenmensch, wenn du Gottes Kind bist, dann kannst du auch erwarten, dass Gott dich mit allem versorgt, was du brauchst. Dass er dich bevorzugt behandelt. Dass er deine Bedürfnisse befriedigt, deine Krankheiten heilt, es dir gut gehen lässt. Und wenn nicht, dann stimmt wohl mit deinem Glauben was nicht – oder mit deinem Gott?“
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sagt die Schrift, sagt Jesus. Der Mensch lebt von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.
Wenn du Gott brauchst, um deine materiellen und kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen – vergiss es. Wenn du Gott brauchst, damit es dir besser geht als anderen – vergiss es. Im Reich Gottes gibt es keine Privilegien.
Wenn du Gott aber brauchst, weil deine Seele hungrig ist; wenn du Gott brauchst, weil seine Worte dich trösten und dir Kraft geben, gerade wenn du in der Wüste bist; wenn du Gott brauchst, weil er dir das Leben gibt in dieser Zeit und in Ewigkeit, dann bist du bei ihm richtig.
Wenn du zuerst betest, dass sein Reich komme und sein Wille geschehe, dann darfst du ihn auch um dein tägliches Brot bitten. Das tägliche Brot, das ist das, was du wirklich brauchst; nicht mehr. Einen Anspruch auf Privilegien und Sonderverpflegung hast du nicht.
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Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ,Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.‘“
Der Teufel ist ein Theologe. Man sollte meinen, er scheut das Wort Gottes. In Wahrheit kennt er es ganz genau. Um es gegen uns zu verwenden. Er reißt die Sätze aus dem Zusammenhang. Er haut uns Bibelsprüche um die Ohren, dass uns Hören und Glauben vergehen.
Hier ist es ausgerechnet einer unserer Lieblingssprüche, den der Teufel zitiert: Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir… Seit Jahren der Lieblingstaufspruch, den Eltern für ihre Kinder auswählen. Er passt auch gut in diese Zeit, wo Eltern ihre Kinder zum Spielplatz begleiten und mit dem Auto zur Schule bringen und sie möglichst keinen Augenblick unbeaufsichtigt lassen. Sie wollen sie ja am liebsten selber auf den Händen tragen, damit sie ihren Fuß auch ja nicht an einem Stein stoßen, geschweige denn sich mal die Knie aufschlagen. Aber sie ahnen, dass sie das nicht immer schaffen und so müssen dann Gottes Engel herhalten, dass sie die Behütungsdefizite der Helikoptereltern ausgleichen.
Das ist – sage ich mal – grenzwertig. Dass wir von Gott erbitten, dass seine Engel uns in Gefahr bewahren, das ist schon gut und richtig. Aber dass Gott und Engel und christliche Taufe am Ende nur dazu da sind, dass wir und unsere Kinder unbeschadet und unverletzt durchs Leben gehen, als eine Art himmlische Versicherung, das ist dann eben nicht mehr gut und richtig. Da haben wir was verwechselt. Gott ist nicht für uns da, sondern wir sind für Gott da. Gott ist nicht dafür da, um unsere Bitten zu erhören, sondern wir sind da, um auf Gottes Wort zu hören.
Für Jesus heißt es wieder: Wenn du Gottes Sohn bist..., Wenn du Gottes Sohn bist, dann kannst du doch auch von der Zinne des Tempels springen. Du bist Superman, du kannst fliegen.
Da haben wir es wieder: Wenn du Gottes Sohn bist. Gottes Sohn zu sein gibt Jesus keine Privilegien. Nichts für sich selbst. Wunder gibt’s nur für andere. Für ihn bleibt das Kreuz. Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig doch herab vom Kreuz, sagen sie später. Es ist dieselbe Stimme des Versuchers.
Und wenn du Gottes Kind bist, dann bist du auch nicht Superman. Dann stehst du nicht über den anderen, sondern eher unter den anderen. Du bist nicht dazu berufen, von Gottes Engeln auf den Händen getragen zu werden, sondern selber Gottes Engel zu sein, der andere davor bewahrt, dass sie ihren Fuß an einem Stein stoßen.
Da sprach Jesus zu ihm: „Wiederum steht auch geschrieben: ,Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen.‘“
Also: Wer wen? Versucht Gott uns? – Nein. Versuchen wir Gott? – Besser nicht!
Gott versuchen, heißt: ihn zwingen zu wollen, ihn manipulieren zu wollen, ihn den eigenen Zwecken dienstbar machen wollen. Aber Gott ist nicht für uns da und für unsere Zwecke und Bedürfnisse. Wir sind für Gottes Zwecke da.
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Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“
Am Ende geht es um die Machtfrage. Der Teufel bietet Jesus die Macht an über die ganze Welt, wenn Jesus nur ihn anbetet: „Das willst du doch, Jesus, die Macht über die ganze Welt, die dir jetzt nicht folgt und gehorcht. Du kannst die Welt verbessern, du kannst alles so machen, wie du es dir vorstellst. – Einem allein musst du dich unterwerfen. MIR.“ Sagt der Teufel.
Wenn du Gottes Sohn bist… - davon ist jetzt keine Rede mehr. Jesus soll die Seiten wechseln. Nicht mehr: Wenn du Gottes Sohn bist, sondern: wenn du niederfällst und MICH anbetest.
Der Teufel ist ein Lügner. Die Welt gehört ihm nicht. Er kann sie niemandem geben. Die Welt gehört Gott. Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen, heißt es im Psalm (24,1). Jesus ist in die Welt gekommen, die schon sein Eigentum ist (Johannes 1, 11), auch wenn ihn noch nicht alle als ihren Herrn anerkennen.
Am Ende geht es um die Machtfrage. Wer hat die Macht über unser Leben? Auf wen oder was setze ich mein Vertrauen und meine Hoffnung? Auf Besitz, Reichtum, Ruhm, Gesundheit…? Auf den Teufel? Oder auf Gott?
Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan! denn es steht geschrieben: ,Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.‘“
Es geht um das erste Gebot. Wenn wir Gottes Kinder sein und bleiben wollen, dann müssen wir auch Gott unseren Vater sein und bleiben lassen. Ihn anbeten, ihm allein dienen.
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Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.
Die Machtfrage ist geklärt. Der Teufel hat Jesus nichts zu sagen. Jesus hört auf Gott, und Gottes Engel dienen ihm.
Und wir? Gottes Kinder, Gottes Söhne und Töchter? Wir gehen, wie Gott uns führt. Wenn es sein muss in die Wüste. Wenn es sein muss, auch durch Versuchungen. Der Versucher wird es wohl immer wieder versuchen, uns in die Irre zu führen und von Gott wegzubringen. An Jesus aber hat er sich die Zähne ausgebissen. Ja, ausgebissen. Das ist wichtig zu wissen: Er ist zahnlos. Er kann uns nichts Ernsthaftes mehr antun. Selbst wenn wir den Versuchungen des Teufels erlegen waren, können wir jederzeit zu Jesus umkehren. Die Machtfrage ist geklärt. Jesus hat uns aus der Gewalt des Teufels befreit. Ein für allemal. Und wir gehen an seiner Seite: durch Wüsten, durch Versuchungen, über Höhen und Tiefen, durch Schuld und Vergebung, durch Leiden und Tod – ins Leben.