Sonntag, 15. Februar 2015

Predigt am 15. Februar 2015 (Sonntag Estomihi)

Jesus fing an, seine Jünger zu lehren:
„Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“
Und er redete das Wort frei und offen.
Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.
Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach:
„Geh weg von mir, Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“
Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen:
„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.
Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?
Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?
Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.“
Markus 8, 31-38

Liebe Schwestern und Brüder,
in wenigen Wochen, am 9. April, um genau zu sein, jährt sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer zum 70. Mal. Nach einem kurzen Prozess am Vortag, ohne Protokoll, ohne Zeugen wurde er hingerichtet. Wenige Wochen noch vor Kriegsende.
Bonhoeffer musste sterben, weil er mit anderen zusammen für das Ende der Naziherrschaft gearbeitet hatte und auch mit den Attentätern vom 20. Juli 1944 in Verbindung stand.
Wir werden demnächst bei uns auch den Bonhoeffer-Film zeigen. Darin gibt es unter anderem zwei beeindruckende Schlüsselszenen:
Ganz am Anfang erleben wir Bonhoeffer in Amerika. Er bekommt das Angebot eines theologischen Lehrstuhls, er könnte dort bleiben. Aber er lehnt ab. Er geht nach Deutschland zurück. Dort, meint er, werde er nötiger gebraucht.
Die zweite Szene ist fiktiv, hat sich so direkt nicht zugetragen in seinem Leben. In der Haft, nachdem die Dokumente über den Widerstand gefunden worden waren, in denen auch sein Name stand, bekommt er das Angebot, ab jetzt für die Nazis zu arbeiten und so sein Leben zu retten. Bonhoeffer lehnt ab.
Indirekt hat sich diese Szene natürlich doch zugetragen. Er hätte sich jederzeit auf die andere Seite schlagen können und sein Leben retten. Er wollte es nicht, und er konnte es nicht. Weil es für ihn mehr gab und Wertvolleres gab als das eigene leibliche Leben.
Dietrich Bonhoeffer war Christ, Pfarrer, Theologe. Zehn Jahre zuvor hatte er ein Buch geschrieben mit dem Titel „Nachfolge“. Darin hatte er auch den Abschnitt ausgelegt, der uns heute Predigttext ist: die Leidensankündigung Jesu und seine Worte über die Nachfolge. Bonhoeffer schrieb dazu:
Nachfolge ist Bindung an den leidenden Christus. Darum ist das Leiden der Christen nichts Befremdliches. Es ist vielmehr lauter Gnade und Freude. Die Akten der ersten Märtyrer der Kirche bezeugen es, daß Christus den Seinen den Augenblick des höchsten Leidens verklärt durch die unbeschreibliche Gewissheit seiner Nähe und Gemeinschaft.
Eigentlich zu große Worte für einen damals 29-Jährigen. Und dann ist er selber hineingewachsen in diese großen Worte. War sich der Nähe und Gemeinschaft mit Christus in der Stunde des Todes gewiss. Jedenfalls berichtete der Lagerarzt, der seinen Tod bezeugen musste, später, Bonhoeffer habe sich ruhig von seinen Mithäftlingen verabschiedet, habe noch ein Gebet gesprochen und sei dann ruhig und gefasst in den Tod gegangen; so habe er keinen anderen sterben sehen.
Dabei hatte Bonhoeffer lange innerlich darum gekämpft, ob sein Weg in den Widerstand, ob die Unterstützung von Attentätern wirklich ein von Gott gebotener Weg wäre oder eine Tat, bei der man zum Sünder würde. Aber sein Gewissen sagte ihm, dass er diesen Weg gehen MUSSTE. Und sein Glaube sagte ihm, dass Gott dem Sünder vergeben würde. Am Ende aber war es wohl doch genau das: nicht Sünde, sondern Nachfolge. Kreuzesnachfolge. In seiner konkreten Situation.
Bonhoeffer hat sich den Weg in den Widerstand, den Weg ins Gefängnis und zuletzt den Weg an den Galgen nicht ausgewählt. Aber es war sein Weg, er MUSSTE ihn gehen. Hätte er versucht sein Leben zu erhalten, dann hätte er sich selbst verloren, hätte Schaden genommen an seiner Seele. Hätte sich und seinen Herrn verleugnet. – Ein tragischer Weg, ein tödlicher Weg, aber der richtige Weg und darum auch ein guter Weg.
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Bonhoeffer ist nur einer. Einer unter vielen, die ihr Leben gegeben haben für das, was im Ernstfall mehr zählt als das eigene Leben. Bonhoeffer war nicht allein im Widerstand, und er war nicht der einzige, der an diesem Tag und an vielen anderen Tagen dafür hingerichtet wurde. Viele von ihnen waren auch Christen, und haben die Wachheit ihres Gewissens und die Kraft, dafür mit dem Leben einzustehen, aus ihrem Glauben empfangen.
Heute bezahlen Tausende mit ihrem Leben nur dafür, dass sie Christen sind und Christen bleiben wollen. Wie leicht ließe sich dieser Satz sagen: „Allah ist Gott, und Mohammed ist sein Prophet.“ Und schon hätten sie ihr Leben gerettet. – Aber sie können diesen Satz nicht sagen. Weil sie Christus, ihren Herrn nicht verleugnen können. So werden sie zu Märtyrern.
Ich habe bewusst im aktuellen Gemeindebrief an die verfolgten Christen in aller Welt erinnert. Manchmal ist es staatliche Verfolgung, wie in Nordkorea. Und oft ist es die Verfolgung durch islamistische Terrorgruppen, wie in Nigeria oder Somalia, im Irak oder in Syrien. – Jesus nachfolgen, kann einen hohen Preis kosten – den Preis des eigenen Lebens.
Das ist die Extremsituation der Christusnachfolge. Ich bin jeden Tag unendlich dankbar, dass uns diese Extremsituation bis heute erspart geblieben ist.
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John Lennon träumte in seinem Lied „Imagine“ einst von einer Welt, in der es nichts mehr gäbe, wofür man töten oder sterben müsste. Das klingt nach einem schönen Traum. Ich habe dazu einmal einen großen Gedanken gelesen: In Wahrheit wäre es eine schreckliche Welt, wenn es nichts mehr gäbe, das einem Menschen mehr wert wäre als das eigene Leben. Wenn Menschen nicht mehr bereit wären für einen anderen, den Geliebten, die Kinder oder vielleicht sogar ganz Fremde ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen; wo Menschen nicht mehr bereit wären, für ihre Überzeugungen, für die Freiheit, die Wahrheit, den Glauben schlimmstenfalls auch das Leben zu lassen. In so einer Welt würde man für seine nackte Haut alles andere verkaufen: seinen Glauben, seine Hoffnung, seine Liebe. Das kann ich nicht wollen. Man würde sein Leben erhalten und doch seine Seele verlieren. Man würde seine Menschlichkeit verlieren, die uns bereit macht, um Gottes und der Menschen willen etwas zu opfern, im schlimmsten Ernstfall auch das eigene Leben.
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Es gibt dieses MUSS. Bonhoeffer MUSSTE den Weg von Widerstand und Ergebung gehen. Die verfolgten Christen MÜSSEN ihrem Herrn die Treue halten.
Jesus selber stand unter diesem MUSS. Es konnte gar nicht anders sein, wenn Gott in die Welt kommt, dass er da auf Widerstand, auf Ablehnung, auf Unverständnis und Hass trifft. Und es konnte gar nicht anders sein, als dass er sich dem nicht beugte. Nicht nachgab. Den Glauben, die Hoffnung, die Liebe nicht verriet, um sein eigenes Leben zu retten. Er hätte sich selbst verraten, und er hätte uns verraten. Der Menschensohn MUSSTE leiden und verworfen werden und getötet werden.
Er MUSSTE sein Leben verlieren, und er MUSSTE es gerade so erhalten: am dritten Tage auferstehen.
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Und wir? – Das eigene Leben geben in der Nachfolge Jesu – das ist die Extremsituation. Gott sei Dank, wird sie nicht allen immer abverlangt. Und ich bitte Gott, dass er uns alle vor dieser Extremsituation bewahren möge. Aber mehr noch bitte ich ihn, dass er unsere Seelen bewahren möge, falls es für uns doch zum Äußersten käme.
Wir haben uns von Christus in seine Nachfolge rufen lassen. Manchmal ist das leicht und schön. Manchmal ist der Weg mit ihm richtig gut, weil es so wunderbar ist, dass er mit uns geht, uns voran geht auf der Lebensbahn. Manchmal ist der Weg mit ihm aber auch schwer, richtig schwer. Gott sei Dank, sehen wir ihn vor uns, wie er uns vorangeht. Wie er das Schwerste durchsteht und wie er durch den Tod ins Leben geht. Er nimmt uns mit – auch durch das Schwerste, durch den Tod – ins Leben.
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Dietrich Bonhoeffer ließ vor seiner Hinrichtung seinem englischen Freund und Glaubensbruder, Bischof George Bell von Chichester, die Worte ausrichten: Für mich ist dies das Ende, aber auch der Anfang des Lebens.