Sonntag, 1. Februar 2015

Predigt am 1. Februar 2015 (Sonntag Septuagesimä)

Jesus sprach: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit ihnen auf den Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg. Gegen neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort andere untätig herumstehen. ,Geht auch ihr in meinen Weinberg arbeiten!‘, sagte er zu ihnen. ,Ich werde euch dafür geben, was recht ist.‘ Da gingen sie an die Arbeit. Um die Mittagszeit und dann noch einmal gegen drei Uhr ging der Mann wieder und stellte Arbeiter ein. Als er gegen fünf Uhr zum Marktplatz ging, fand er immer noch einige, die dort herumstanden. ,Was steht ihr den ganzen Tag untätig herum?‘, fragte er sie. ,Es hat uns niemand eingestellt‘, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: ,Geht auch ihr noch in meinen Weinberg arbeiten!‘
Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: ,Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den ersten auf.‘ Die Männer, die erst gegen fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und erhielten jeder einen Denar. Als nun die Ersten an der Reihe waren, dachten sie, sie würden mehr bekommen; aber auch sie erhielten jeder einen Denar. Da begehrten sie gegen den Gutsbesitzer auf. ,Diese hier‘, sagten sie, ,die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genauso viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen!‘ Da sagte der Gutsbesitzer zu einem von ihnen: ,Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?‘
So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten.“
Matthäus 20, 1-16 (nach NGÜ)


Liebe Schwestern und Brüder,
gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Wo es gerecht zugeht, sollte das selbstverständlich sein. – Aber das heißt dann auch folgerichtig: ungleicher Lohn für ungleiche Arbeit.
Und wenn der Lohn nicht ausreicht? – Dann muss ein Mindestlohn her. Oder Leistungen des Staates für eine soziale Grundsicherung. Oder vielleicht doch gleich ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle? – Aber das hieße dann wohl eher: gleicher Lohn für ungleiche Arbeit. Die einen bekommen Money for nothing. Und die anderen müssen das irgendwie mit erarbeiten; denn der Kuchen, der verteilt werden soll, muss ja erst mal gebacken werden. Wäre das gerecht?
Was ist gerecht? – Wenn jeder bekommt, was er verdient? Oder wenn jeder kriegt, was er braucht? Oder wenn alle am Ende das Gleiche haben? – Philosophen, Ökonomen, Sozialreformer und Politiker zerbrechen sich darüber seit Jahrtausenden den Kopf.
Im Gleichnis Jesu gibt es am Ende gleichen Lohn für ungleiche Arbeit. Ist das gerecht? Ist das gut? Wollen wir das?
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Jesus erzählt eine Geschichte aus dem Alltag Galiläas, wie er vor 2000 Jahren aussah.
Erntezeit, Zeit der Weinlese. Die Trauben sollen so viel Sonne und Süße wie möglich bekommen, und dann muss es mit der Ernte ganz schnell gehen, bevor die herbstliche Regenzeit einsetzt. Da braucht ein mittelgroßes Weingut zusätzlich zu den Familienangehörigen und den Haussklaven noch jede Menge Erntehelfer. Tagelöhner, die man sich vom örtlichen Markt besorgen kann.
Früh vor Sonnenaufgang geht der Gutsbesitzer los. Und da stehen sie schon am Markt: die Arbeitsuchenden, die hoffen, dass sie für diesen Tag einen Job bekommen, um heute ihr tägliches Brot für morgen zu verdienen. Er hat sich überlegt, wie viele er mindestens braucht, und die nimmt er mit und vereinbart mit ihnen einen Tageslohn, wie er damals wohl üblich ist in Erntezeiten, wenn Arbeitskräfte dringend gebraucht werden. (Es gab Zeiten und Orte, da wurde auch weniger bezahlt.)
Bis hierher eine ganz alltägliche Begebenheit. Auch dass der Gutsherr um 9 Uhr noch mal losgeht, ist ganz normal. Bewusst hat er früh am Morgen etwas knapp eingestellt, aber jetzt kann er einschätzen, dass er doch noch ein paar Leute mehr braucht, und so geht er wieder los und holt sich weitere Tagelöhner vom Markt. Er verspricht ihnen, „was recht ist“, und wenn die 6 Uhr Eingestellten einen Denar bekommen, dann dürfen sie – naja - keinen dreiviertel Denar mehr erwarten, ein bisschen weniger, so war das eben. Dass der Weinbergbesitzer um 12 Uhr immer noch Arbeitskräfte einstellt, ist dann schon etwas ungewöhnlich, mag aber noch angehen. Um 3 Uhr Nachmittags aber noch mal loszugehen und Leute anzuwerben, da wird die Geschichte seltsam, und dass er gar um 5 Uhr noch mal losgeht, das ist eigentlich völlig absurd. Wieso stehen da überhaupt noch Arbeitslose auf dem Markt um 5 Uhr? – Vielleicht weil es sein könnte, dass jetzt jemand kommt und sie schon für den nächsten Tag einstellt. Das haben sie wahrscheinlich auch erwartet, als der Weinbergbesitzer wieder auf sie zukommt. Aber nein, er sucht noch Arbeitskräfte für diesen Tag, für diese letzte Stunde bis zum Sonnenuntergang. Und dabei haben sie ja sicher noch eine gute Viertelstunde zu gehen, bis sie dort auf dem Weingut sind. Dass sie sich überhaupt darauf einlassen! Wahrscheinlich hoffen sie, dass sie so bessere Chancen haben, am nächsten Morgen gleich wieder eingestellt zu werden.
Noch viel ungewöhnlicher aber wird die Geschichte, als es am Abend zur Auszahlung kommt. Das ist übrigens im Gesetz des Mose so vorgeschrieben: Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen (3. Mose 19,13b). – Aber dann: Zuerst werden die ausgezahlt, die nur die letzte Dreiviertelstunde gearbeitet haben. Und: Sie erhalten einen Denar. Einen ganzen Denar, einen vollen Tageslohn! – Jesus erzählt die Geschichte gekürzt: Er spricht dann nur noch von denen, die zuerst zur Arbeit gekommen waren; die dazwischen lässt er aus. Und diese zuerst Gekommenen kommen nun als letzte an die Reihe und erhalten – einen Denar! Nicht mehr als die Letzten. Gleicher Lohn für ungleiche Arbeit.
Können wir ihre Reaktion verstehen? - Aufgebracht gehen sie zum Gutsbesitzer hin. Offenbar haben sie einen zum Sprecher gemacht, und er spricht aus, was sie stört: Diese hier, die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genauso viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen! – Ganz nüchtern sagt er, wie’s ist, und dem ist auch nicht zu widersprechen, es stimmt ja. Aber in diesen Worten schwingt natürlich der große Vorwurf: Das ist ungerecht! Wie kannst du nur diese da bevorzugen vor uns!
Und dann der Gutsherr, ganz ruhig, ganz freundlich, ganz sachlich: Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? – Ja, hatte er. Ein mündlicher Arbeitsvertrag: Ich arbeite für dich einen ganzen Arbeitstag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, und du zahlst mir dafür einen Denar. Beide haben den Vertrag eingehalten. Also: Nimm dein Geld und geh!
Das hätte gereicht. Der Gutsherr ist ihm keine weiteren Erklärungen schuldig, trotzdem fährt er fort: Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Ich will. Da handelt einer aus freiem Willen und hält sich dabei an seine Zusagen und Abmachungen. Darf ich denn mit dem, was mir gehört nicht tun, was ich will? – Ja doch, oder muss einer etwa um Erlaubnis fragen, was er mit seinem Geld macht?
Und dann kommt die entscheidende Frage, da wird der Weinbergbesitzer nämlich persönlich: Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?
Bist du neidisch? – Ist dein Gerechtigkeitsfimmel am Ende nur Neid? Kannst du es nicht ertragen, dass ein anderer mehr bekommt als du, oder dass ein anderer das Gleiche bekommt und weniger dafür tun muss als du?
Mit dieser Frage endet die eigentliche Geschichte. Die Antwort musst du dir selber geben.
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Wir leben in einer Welt, in der es ungleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt und gleichen Lohn für ungleiche Arbeit. Ob sich das ändern wird? Ob man das ändern kann? Ob man das überhaupt ändern sollte?
Wir leben in einer Welt, in der Menschen miteinander Verträge schließen und Abmachungen treffen und in der der Grundsatz gilt: Pacta sunt servanda. Verträge müssen eingehalten werden. – Das nennt man Recht. Und das finde ich gut.
Wir leben in einer Welt, in der das Recht nicht alles ist, in einer Welt, wo Menschen gütig und großzügig miteinander umgehen, einem anderen mehr geben, als er verdient, Geschenke verteilen, aus ihrem Überfluss heraus anderen helfen. Und sie achten dabei meistens nicht darauf, dass nur ja keiner zu viel bekommt. Warum auch? – Ich finde das gut.
Die Gleichnisgeschichte Jesu mag unrealistisch sein, aber sie ist nicht schlecht. Sie erzählt nicht von einer großen Ungerechtigkeit. Sondern von der Gerechtigkeit Plus. Gerechtigkeit plus Güte. Was da nicht hineinpasst, ist allein unser Neid und unsere Missgunst.
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Die Gleichnisgeschichte Jesu ist eine Geschichte vom Himmelreich. Eine Geschichte, wie es bei Gott zugeht. Da bekommt keiner weniger, als er verdient. Nur einige bekommen mehr. Das ist Gottes Gerechtigkeit Plus. Gerechtigkeit plus Güte. Wir nennen das auch Gnade.