Mittwoch, 25. Dezember 2013

Predigt am 25. Dezember 2013 (Christfest)

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines  Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: „Abba, lieber Vater!“ So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.
Galater 4, 4-7


Liebe Schwestern und Brüder,
Weihnachten werden wir wieder zu Kindern. Nichts verbindet uns so mit unserer Kindheit wie das Weihnachtsfest. Wir erinnern uns an die kindliche Aufregung, das kindliche Staunen und die kindliche Freude, die wir damals verspürt haben. Und ein bisschen von dem wird wieder lebendig, wenn wir am Heiligen Abend in der Kirche sitzen, wenn unsere Weihnachtskerzen brennen, wenn wir Geschenke verteilen und empfangen, wenn Plätzchen und Stollen schmecken und wenn der Duft des Weihnachtsbratens durch die Räume zieht. Manches ist hier nicht ganz so, ich weiß. Aber wenn es ein kleines bisschen so ist wie früher, wie in Kindertagen, dann haben wir das Gefühl: Es ist wirklich Weihnachten, und es ist gut.
Weihnachten werden wir wieder zu Kindern. Es klingen die kindlichen Weihnachtslieder: Alle Jahre wieder und Ihr Kinderlein kommet. Und Große werden wieder klein, wenn die alte Geschichte von Maria und Josef und dem Kind im Stall gespielt oder – wie bei uns – gelesen wird.
Und damit sind wir ganz nahe dran am Sinn von Weihnachten: Weihnachten macht uns zu Kindern. Zu Gottes Kindern.
Genau davon spricht unser Predigtwort. Es ist, wenn man so will der älteste Weihnachtstext im Neuen Testament. Viele Jahre bevor Lukas seine ausführliche Erzählung von der Geburt im Stall und den Hirten und den Engeln aufgeschrieben hat, lange bevor Matthäus von dem Stern und den Weisen aus dem Osten zu berichten wusste, hat Paulus die Weihnachtsbotschaft in diesen wenigen Sätzen zusammengefasst:
Die Zeit war reif, und Gott sandte sein Kind. Er wurde von einer Frau geboren. Für ihn galten die Regeln und Gesetze, die für alle anderen Menschen auch gelten. Genau dadurch sind wir befreit worden vom Zwang dieser Gesetze und sind selber Gottes Kinder geworden. Gottes Geist ist in uns und lässt uns zu Gott „Lieber Vater“ sagen. Darum bist du kein Sklave mehr, sondern Gottes Kind. Und wenn du sein Kind bist, dann bist du sogar sein Erbe.
Gott sandte sein Kind, damit wir Gottes Kinder werden.
Es ist ganz in Ordnung, dass wir Weihnachten wieder zu Kindern werden – angesichts des Kindes in der Krippe. So war es gedacht.
Die Evangelisten erzählen uns Kindergeschichten von der Geburt Jesu. Sie erzählen uns von Menschen, die sich wie die kleinen Kinder freuen über das Kind in der Krippe und die kindlich und ohne Argwohn sind: Josef, der es seiner Verlobten abnimmt, dass ihr ein Engel erschienen und der Heilige Geist der Vater ihres Kindes sein soll. Die Hirten, die kein Problem haben, an Engel zu glauben und im Ernstfall ihre Herde zurücklassen, um ein neu geborenes Baby zu sehen. Die Magier, die einem Stern hinterherlaufen, um einen neu geborenen König zu finden, und die nicht misstrauisch werden, als ein alter Königs sie als Spione missbrauchen will. Aber Gott sei Dank sind sie auch kindlich genug, um auf die Botschaft des Engels in ihren Träumen zu hören! – Ja, sind das nicht Kindergeschichten?
Paulus erzählt uns keine Kindergeschichten. Aber auch er spricht vom Kind, das uns zu Kindern macht.
Denn Gottes Kind bleibt Gottes Kind, auch wenn es erwachsen wird. Aus dem süßen Jesulein wird Jesus von Nazareth und aus Jesus von Nazareth wird Jesus der Christus. Und das alles, weil er Gottes Kind bleibt. Er bleibt seines Vaters Sohn. Ist voller kindlichem Gottvertrauen. Nennt Gott seinen Papi – Abba, lieber Vater! Traut ihm alles zu: jedenfalls zu helfen, zu heilen, zu retten und vom Tod zu erwecken.
Es zieht ihn zu den Kindern: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehrt ihnen nicht! (Matthäus 19,14) Und den Großen sagt er, dass sie wieder wie die Kinder werden sollen, um in den Himmel zu kommen, und dass nur ja niemand einen von diesen Kleinen von seinem kindlichen Gottvertrauen abbringen soll (Matthäus 18, 3-6)!
Paulus sagt uns dasselbe: dass auch wir Kinder werden und Kinder bleiben sollen. Dass auch wir Gott unseren Papi nennen können – Abba, lieber Vater!, dass wir Gott vertrauen dürfen wie Kinder.
Kinder wissen sich von ihrem Vater geliebt. Nicht weil sie so großartig sind, nicht weil sie immer brav sind, nicht weil sie nur gute Zensuren nach Hause bringen, sondern einfach weil sie seine Kinder sind. – Ich weiß, bei manchen menschlichen Vätern ist das nicht so. Aber es sollte so sein. Und bei Gott unserem Vater ist es so.
Das ist genau das, was Paulus so wichtig geworden ist, dass er es vor allen den Galatern und den Römern ins Stammbuch – und damit uns in die Bibel – geschrieben hat: Ihr werdet nicht dadurch Gottes Kinder, dass ihr euch ihm gegenüber wohlverhaltet, euch an Gesetze und Regeln haltet. Sondern ihr seid Gottes Kinder, weil Jesus euer Bruder ist. Und so lebt einfach als Kinder: in kindlichem Gottvertrauen: Gott der Vater hat euch lieb – nicht weil ihr das tut, was ihr tut, sondern weil ihr die seid, die ihr seid: Gottes Kinder.
Manche fühlen sich Gott gegenüber nicht wie Kinder, eher wie Knechte, Arbeitssklaven, Dienstboten, Angestellte, die für ihren Chef funktionieren müssen. Sie fragen: Was muss ich tun, um ein guter Christ zu sein? Was verlangt Gott von mir? Was ist mir erlaubt und was ist mir verboten? – Ich sage euch: Da stimmt was nicht. Gott gegenüber bist du nicht mehr Knecht, sondern Kind, schreibt Paulus.
Bei Gott musst du nicht funktionieren. Gottes Liebe und Anerkennung musst du dir nicht durch Leistungen verdienen.
Bei Gott ist einfach Weihnachten. Da darfst du hingehen, den ganzen Stress hinter dir lassen, sehen, staunen, danken, anbeten – und auch Geschenke auspacken. Du darfst Kind sein. Darfst Jesus das Christkind nennen, das dir zur Seite ist, still und unerkannt. Darfst Gott deinen Vater nennen, der dich liebhat, dir zuhört, dich versteht, dich bewahrt und dich trägt. Der dich sogar erträgt, wenn du ein unzufriedenes, nörgeliges und quengeliges Kind bist.
Hauptsache, du bist ein Kind vor Gott! Hauptsache, du bist Gottes Kind!
So wie der Kleine in der Krippe. Und so wie der Große, der uns gelehrt hat, die Welt mit kindlichen Augen zu sehen. So wie Maria und Josef mit ihrem kindlichen Glauben. So wie die Hirten in ihrer schlichten Weihnachtsfreude. So wie die Weisen, die trotz aller ihrer Gelehrsamkeit Gott gefunden haben. So wie die vielen Menschen, die seither bei Jesus Hilfe und Heil für ihr Leben gefunden haben.
Weihnachten macht uns zu Kindern. Lasst uns einfach miteinander Gottes Kinder sein!