Sonntag, 8. Dezember 2013

Predigt am 8. Dezember 2013 (2. Sonntag im Advent)

Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe:
Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut und niemand schließt zu, der zuschließt und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke.
Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.
Siehe, ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe.
Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen.
Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!
Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
Offenbarung 3, 7-13



Liebe Schwestern und Brüder,
ist Kirche progressiv oder konservativ? Sind Christen fortschrittlich, ja vielleicht revolutionär, ihrer Zeit voraus? Oder sind sie rückschrittlich, reaktionär, zurückgeblieben?
Ich erlebe oft eine Kirche, die fortschrittlich sein will. Eine Kirche, die die Welt verändern will und sich dabei gerne an die Seite säkularer Weltverbesserer stellt: ökologisch, sozial, gendergerecht.
Und ich höre und lese immer wieder, wie die säkularen Weltverbesserer ihrerseits die Kirche für konservativ und überholt halten: Religion, Glaube, Gott – es geht auch ohne.
Ich lese von einer Theologie, die sich diese Kritik zueigen macht, sich von den eigenen kirchlichen Traditionen verabschieden und das Christentum als Glauben ohne Religion neu erfinden möchte.
Auf der anderen Seite erlebe ich auch einen starken konservativen Zug, vor allem im Leben der Gemeinden selbst. Ein kräftiges „Das war schon immer so“. Oder gar „Früher war alles besser“. Eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit.
Ich nehme auf der einen Seite die Sorge wahr, nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein, die Menschen nicht mehr zu erreichen, bei den Veränderungen nicht mehr mitzukommen. Auf der anderen Seite die Angst, dass das, was unseren Glauben ausmacht, auf der Strecke bleibt.
Und es bewegt mich die Frage: Welche Fortschritte, welche Veränderungen kommen von Gott, sind vom Heiligen Geist angestoßen? Welche Veränderungen sind Schritte von Gott weg, sind Lüge und Verführung, kommen letztlich vom Teufel?
Liebe Schwestern und Brüder, diese Fragen sind nicht neu, sie sind im Grunde genommen so alt wie die christliche Kirche selbst. Marschiert die Kirche an der Spitze des Fortschritts oder ist sie die Hüterin des Althergebrachten? Da sind zum Beispiel diese sieben christlichen Gemeinden, erst wenige Jahrzehnte alt, denen Johannes seine Offenbarung schickt. Weil Jesus Christus selber, der Herr der Kirche, ihnen etwas Wichtiges zu sagen hat. Eine dieser sieben Gemeinden ist Philadelphia.
Jesus sagt seiner Gemeinde in Philadelphia zwei Dinge. Das erste: Seid fortschrittlich, geht voran! Und das zweite – ihr ahnt es schon –: Seid konservativ, bewahrt, was ihr habt!
Der Herr sagt: Seid fortschrittlich, geht voran! Ich habe vor dir eine Tür aufgetan. (Ihr merkt, das schließt wunderbar an die Predigt von letzter Woche an.) Ich habe vor dir eine Tür aufgetan. Du sollst nicht davor stehen bleiben, sondern du sollst hindurchgehen. Geh, schreite voran! Nutze die Chancen, die offenen Türen, die Möglichkeiten!
Ich glaube, das sagt der Herr auch uns heute: Geht voran! Nutzt eure Möglichkeiten! Die Türen, die vor euch offenstehen!
Offene Türen. Nutzt die Freiheit, euren Glauben zu leben und zu verbreiten!
Was bin ich froh, dass wir so viel tun können, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen! Was bin ich froh, dass wir diese Kirche haben, wo wir Gottesdienst feiern, unser Gemeindezentrum, unsere Feste, unsere Veranstaltungen! Wir öffnen unsere Türen, und Menschen treten ein. Wir sind offen, und niemand hindert uns daran. – Ich denke an christliche Gemeinden, die sich heimlich und versteckt hinter verschlossenen Türen, in Wohnstuben und Hinterhöfen treffen müssen. Anderswo in dieser Welt. – Wie haben wir es gut! Was sind uns für offene Türen gegeben!
Was bin ich froh, dass wir uns mit unseren Möglichkeiten selber finanzieren können, und darin weitgehend unabhängig sind!
Was bin ich froh, über unsere Möglichkeiten, Glauben und Leben über moderne Medien und Netze zu teilen! Teilen – to share – das ist das entscheidende Konzept in Twitter, Facebook usw. Und genau das – teilen – die Botschaft von Jesus verbreiten, was wir glauben und was wir haben, mit anderen teilen – das ist auch unser Auftrag. Da passt was zusammen. An der Stelle bin ich ganz fortschrittlich.
Ja, seid fortschrittlich, schreitet voran! Auch persönlich, in eurem Glauben! Glauben ist nichts, was man hat, ein für allemal, sondern Glaube wächst, entwickelt sich. Nutzt die Möglichkeiten, die offenen Türen, um in eurem Glauben Fortschritte zu machen!
Denn beim Fortschreiten kommt es darauf an, wohin die Reise geht. Man kann auch in die falsche Richtung gehen. Man kann das für Fortschritt halten, und merkt vielleicht – hoffentlich! – irgendwann: Es war Rückschritt. Jesus gibt die Richtung vor: der Tempel Gottes, das neue Jerusalem – das sind die Bilder hier im Buch der Offenbarung für Gottes ewiges Reich. Dort, bei Gott, dort sollt ihr einmal ankommen. Schreitet voran, dem Herrn entgegen!
Das wäre dann die Testfrage zum Fortschritt: Führt er ins Reich Gottes? Führt er hin zu Gott? Oder führt er von Gott weg? Alles, was zu Gott hinführt, ist echter Fortschritt. Alles, was von Gott wegführt, trägt vielleicht diesen Namen, ist aber in Wahrheit Rückschritt. In diesem Sinne: Seid fortschrittlich!
Und dann sagt der Herr: Seid konservativ! Bewahrt das Bewährte! Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Lasst dir nicht die Butter vom Brot nehmen! Lass dir nicht den Schneid abkaufen! Und vor allem: Bewahre mein Wort!
Die Gefahr beim Fortschreiten ist, dass man das Lebensnotwendige als Ballast abwirft. Und wenn es drauf ankommt, fehlt das Entscheidende.
Es ist wie bei einer Wanderung. Du musst voran gehen. Der Weg ändert sich, nach jeder Biegung sieht es anders aus. Wenn du nicht gehst, kommst du nicht ans Ziel. Aber du musst auch was mitnehmen in deinem Rucksack: Proviant, Wasser und Brot, eine Wanderkarte – oder ein Navi – damit du dich nicht verläufst, Kleidung, die dich vor den Unbilden der Witterung schützt. Karte, Proviant und warme Kleidung wegzuschmeißen, ist ziemlich dumm. Du kannst zwar erst mal schneller fortschreiten. Aber irgendwann vielleicht gar nicht mehr.
So ist das auch auf unserem Weg ins Reich Gottes. Wir sollten die wichtigsten Dinge mitnehmen und nicht wegschmeißen: Vor allem, sagt Jesus, das Wort Gottes nicht. Es ist das Entscheidende, was wir brauchen: Nahrung für Geist und Seele, Karte und Navi für unseren Lebensweg, Schutz und Schirm vor allem Übel.
Da bin ich ganz konservativ. Fortschreiten ja. Aber das Entscheidende bewahren: Gottes Wort.
Ja, wir sind unterwegs durch die Zeit. Die Formen, in denen wir unseren Glauben ausdrücken und gestalten, wandeln sich. Wir sprechen die Sprache von heute. Wir singen neue Lieder. Wir feiern Gottesdienst anders als noch vor 50 oder 100 Jahren. Aber das sind Formen. Das sind die modernen Rucksäcke, in denen wir dann doch immer wieder das Bewährte bewahren, das uns auf unserer Wanderung durch die Zeit bewahrt.
Ich bin gerne fortschrittlich, wenn es um moderne Formen geht, das Evangelium zu kommunizieren. Aber ich bin konservativ, wenn es um Gottes Wort geht. Ich glaube nicht, dass wir da Abstriche machen können, etwas davon wegschmeißen sollten, weil es nicht mehr in die Zeit passt. Vielleicht verstehen wir nicht alles gleich gut. Vielleicht brauchen wir das eine oder andere heute weniger, so wie man auf der Wanderung nicht jederzeit die Regenjacke braucht. Aber wahrscheinlich kommt die Zeit der Regenjacke mal wieder. – Ja, das befürchte ich sogar: dass die leichten Zeiten für den christlichen Glauben sich dem Ende zuneigen. Die Horizonte verdunkeln sich schon. – Und dann ist es wichtig, dass wir sein Wort bewahrt haben, das uns bewahrt.
Damit wir hören, was der Geist den Gemeinden sagt.
Amen.