Sonntag, 15. Dezember 2013

Predigt am 15. Dezember 2013 (3. Sonntag im Advent)

Dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde. Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
Offenbarung 3, 1-6

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
Liebe Schwestern und Brüder, wie schon vergangene Woche, so ist auch heute eines der sieben Sendschreiben Jesu Christi aus der Offenbarung dran. Und weil diese sieben Gemeinden symbolisch für die ganze Kirche stehen, darum tun wir gut daran, auch hier und heute genau darauf zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt.
Und dieses Mal wird es ernst. Sehr ernst. Es geht um Leben und Tod. Um Leben und Tod der christlichen Gemeinde: Lebst du noch oder stirbst du schon?, fragt der Herr seine Kirche.
Manchmal habe ich, haben wir das Gefühl einem Sterbeprozess der christlichen Kirche beizuwohnen. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland wieder fast 140.000 Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Aus der katholischen knapp 120.000. Und kontinuierlich sterben viel mehr Christen, als neu Getaufte hinzukommen. In wenigen Jahren werden die Christen eine Minderheit sein. Faktisch sind sie es jetzt schon.
Aber das sind nur Zahlen. Manchmal erleben wir die Sterbeprozesse am eigenen Leib. Am Mittwoch im Bibelgespräch wurde erzählt von brutalen Erfahrungen mit Konfirmanden und Religionsschülern, um die wir uns mit unserem Unterricht mühen und die uns das mit Spott und offener Ablehnung danken. Und das Schlimmste: Die Eltern stehen dabei hinter ihnen. Die Weitergabe von Glauben und Glaubenspraxis in den Familien findet fast überhaupt nicht mehr statt. Entsprechend sehen unsere Gemeinden aus: Schon rein biologisch sind es häufig sterbende Gemeinden.
Wie ist es bei uns? – Wir machen einen ganz lebendigen Eindruck mit unseren täglichen Aktivitäten, unserer gut gefüllten Kirche und unserem kräftigen Gesang. Tatsache ist: Wir sind eine Seniorengemeinde. Wenn mal eine junge Familie mit Kindern auftaucht, stellt uns das vor Probleme. Wir haben keine passenden Angebote für sie. Weil sie nur selten genutzt werden, logisch. Aber wenn es sie gar nicht erst gibt, kommen auch diejenigen nicht, die sie nutzen würden. Ein Teufelskreis… Und unsere Konfirmanden vom Frühjahr sind nun auch erst mal wieder von der Bildfläche verschwunden… (was ja auch in unseren Gemeinden in Deutschland der Normalfall ist).
Soziologen und Theologen sind damit beschäftigt diese Sterbeprozesse zu analysieren und zu begleiten. Sie stehen gewissermaßen am Sterbebett, zumindest am Krankenbett unserer Kirche und versuchen eine Diagnose zu stellen. Es scheint so zu sein, dass unser Wohlstand, unser Standard an Sicherheit und Freiheit – eigentlich alles gute Sachen – dazu beitragen, dass wir ganz gut ohne Gott leben können. Wenn wir hier auf Erden alles haben und uns den Himmel auch nicht schöner vorstellen können, wenn der liebe Gott sowieso ein frommer Mann ist, der gewiss niemanden zur Hölle fahren lässt, warum sollen wir uns dann noch groß um ihn kümmern? – Relevanzverlust der Religion heißt die Diagnose in ihrer wissenschaftlichen Sprache.
Und nun ist die Frage: Gibt es eine Therapie? Und wenn ja welche? – Da streiten sich die Geister. Modernisierung sagen die einen – Fortschritt. Bewahrung des Alten sagen die anderen. Das war unser Thema letzte Woche. Und ich habe gesagt, wir brauchen beides: Fortschritt und Bewahrung des Bewährten.
Freilich, der Herr stellt seiner Gemeinde – zumindest der in Sardes – eine noch viel schlimmere Diagnose: Ihr seid schon tot. Obwohl es so aussieht, als lebtet ihr noch. – Es ist eine ganz schauerliche Diagnose. Denn Tote, die sich noch bewegen wie Lebende – das sind Zombies. Die haben ihren Platz in Horrorfilmen. – Sind wir also eine Zombie-Kirche? Eine Kirche von Untoten?
Was macht den Unterschied aus zwischen Leben und Tod? – Die alten Philosophen, ja eigentlich schon die Bibel, haben eine einfache Antwort auf diese Frage gefunden: es ist die Seele. Ein Körper ohne Seele ist tot. Er ist ein leeres Gehäuse, das verfällt, sobald die Seele es verlassen hat. Zombies sind Körper ohne Seele, in denen die Körperfunktionen noch weiter da sind, aber die Seele ist raus. Vielleicht haben wirklich manche kirchlichen Aktivitäten so was Zombiehaftes. Es bewegt sich noch was, so wie das Huhn noch weiterläuft, dem man schon den Kopf abgeschlagen hat. Gruslig!
Die Therapie für so eine untote Gemeinde kann es nur sein, ihr ihre Seele zurückzugeben. Und die Therapie für eine kranke, halbtote, sterbende Kirche kann es nur sein, ihr ihre Seele zurückzugeben.
Werde wach und stärke das andre, das sterben will!
Das ist das Entscheidende: Dass die Kirche, dass unsere Gemeinde, dass wir selber Seele haben. Dass wir nicht nur funktionieren, sondern dass wir beseelt sind.
Die Seele einer Gemeinde, die Seele der Kirche, das sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.
Wenn der Glaube sich auflöst, wenn die Hoffnung sinkt, wenn die Liebe erkaltet, dann verlieren wir das Entscheidende, das, was uns am Leben erhält.
Darum ist das die einzig mögliche Therapie für unsere kranke Kirche: Glauben stärken, Hoffnung machen und Liebe üben.
Glaube, Hoffnung, Liebe – die kommen nicht aus Kirchenämtern und Bischofskanzleien, die stehen nicht in päpstlichen Lehrschreiben und kirchlichen Orientierungshilfen, die kann man nicht verordnen und organisieren. Die kommen aus unserem Herzen.
Und wie kommen sie dort hinein, in unsere Herzen? – Ja, woher kommt denn die lebendige Seele? – Von Gott, der das Leben gibt, der tote Leiber lebendig macht, der seine Geschöpfe beseelt und seine Menschen begeistert.
Tue Buße, sagt der Herr. Und er sagt damit nichts anderes als: Kommt zu Gott, der Quelle des Lebens! Kommt zu Gott und lasst euch begeistern, damit ihr wieder beseelt werdet von Glauben, von Hoffnung, von Liebe.
Und das wollen wir tun. Das ist unsere Aufgabe als Kirche, als Gemeinde. Und das merken wir ja auch deutlich: Wo Menschen beseelt sind, wo sie Glauben glaubwürdig leben, wo sie Hoffnung verbreiten, wo sie Liebe üben, da wird die Kirche auf einmal anziehend und wichtig.
Ich bin froh über alle großen und kleinen Beispiele, wo solche Lebendigkeit da ist.
In den letzten Tagen bewegen mich zum Beispiel die Nachrichten aus der Ukraine, aus Kiew. Und was mich da besonders berührt und freut, ist, dass die Kirche, die Kirchen dort so eine wichtige Rolle spielen. Ähnlich wie damals in der DDR und auch wieder ganz anders sorgen sie für eine Atmosphäre der Gewaltlosigkeit. Mein deutscher Kollege Ralf Haska, mit dem ich zusammen studiert habe, hat in der vergangenen Woche in den deutschen Medien berichtet, wie verschiedene Kirchen mitten auf dem Maidan ein Gebetszelt errichtet haben. Ralf sagt, das ist das wichtigste der Zelte. Die Kirchen sind geöffnet zum Beten, zum Aufwärmen, und viele Freiwillige verteilen Tee, Brote und warme Mahlzeiten – an Demonstranten wie an Polizisten. So auch in der zentral gelegenen deutschen St. Katharinenkirche. Als die Lage am Montag zu eskalieren drohte, standen Priester zwischen den Fronten und haben Gebete gesungen. Und als offenbar gewaltbereite Demonstranten direkt vor Ralfs Kirche den Milizen gegenüberstanden, hat er mit dem Mut der Verzweiflung seinen Talar angezogen und hat sich dazwischen gestellt und hat ihnen gesagt, wie es damals in der DDR war, dass die Revolution nur siegen konnte, weil sie gewaltfrei blieb. – Das hat mich sehr beeindruckt. Da war Gottes Geist. Und da hatte Kirche auf einmal wieder Seele. Da ist Glaube – Gottvertrauen, da ist Hoffnung – es kann sich etwas zum Guten verändern, da ist Liebe – wir sind für unsere Nächsten da, so gut wir können.
Ja, es gibt sie noch, echte Lebenszeichen der christlichen Kirche. Und ich glaube, was wir zur Zeit erleben, ist kein Sterbeprozess. Mag sein, dass da oder dort was krank ist am Leib Christi. Mag sein, dass wir in Deutschland und Europa zur Zeit eher weniger werden. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit und schon gar nicht das letzte Wort. Der Herr hat uns zum Leben berufen und belebt uns neu, wo wir zu ermatten drohen.
Es ist Advent. Lasst uns ihm entgegen gehen und von ihm Glauben, Hoffnung und Liebe immer neu empfangen.