Sonntag, 1. Januar 2012

Predigt am 1. Januar 2012 (Neujahr)


Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
2. Korinther 12, 9

Liebe Gemeinde,

als ich noch Pfarrer in einer großen Stadtgemeinde mit vielen Mitarbeitern war, hatte ich öfter Bewerbungsgespräche zu führen mit Leuten, die sich für bestimmte Stellen bei uns beworben hatten – für den Kindergarten, für den Friedhof oder für die Gemeindepädagogenstelle. Ich habe in den Gesprächen immer auch gefragt, worin die Bewerber ihre Stärken und Schwächen sehen. Oft habe ich erlebt, dass es ihnen leicht gefallen ist, über ihre Stärken zu sprechen, aber schwer, auch Schwächen zu benennen. Dabei ist doch gerade das eine entscheidende Stärke, auch seine Schwächen zu kennen.

Keiner von uns hat nur Stärken, jeder hat seine Schwächen. Es ist nur nicht so einfach, damit umzugehen.

Der eine gesteht sich die Schwächen gar nicht erst ein. „Ich kann alles.“ – Mit dieser Aussage, überraschte mich vor kurzem jemand. Schade nur, dass dieser Alleskönner so selten in der Gemeinde auftaucht. Wir könnten ihn gut gebrauchen. – Vielleicht ist das ja nun gerade seine Schwäche …

Der andere hadert mit seinen Schwächen – nach dem Motto „Ich kann nichts und ich bin nichts.“ Was meistens auch so nicht stimmt.

Für manchen unter uns ist das Nicht-mehr-Können das Problem: „Früher war ich stark und habe dies und das und jenes gemacht; jetzt werde ich alt, und es geht nicht mehr.“

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. – Das Wort der Jahreslosung ist zuerst zu Paulus gesagt worden, dem Apostel. Und da mutet es uns reichlich paradox an. Denn Paulus, das ist in unseren Augen gerade kein Schwächling, sondern eine ganz starke Persönlichkeit, ein Power-Christ der ersten Generation, ein Titan des Glaubens. Ohne ihn wäre das Christentum von Anfang an nicht das geworden, was es ist. Er hat mit nur wenigen Mitarbeitern den halben Mittelmeerraum missioniert. Er hat die frühe christliche Kirche für die Nichtjuden geöffnet und hat dabei doch den ganzen Laden zusammenhalten können. Er hat wie nebenbei die Grundzüge christlicher Glaubenslehre formuliert und zusammengefasst, die sonst nur in einzelnen Worten und Geschichten zu fassen ist. – Und genau dieser Paulus, kämpft mit seinen Schwächen.

Ihm sitzt ein Pfahl im Fleisch, so sagt er. Und die Ausleger rätseln seit Jahrhunderten, was er damit gemeint haben könnte. Manche meinen, er hätte epileptische Anfälle gehabt, andere meinen Rheuma oder Schwerhörigkeit oder Migräne … Ich persönlich favorisiere einen Sprachfehler – vielleicht hat er gestottert – darauf würde eine Äußerung im selben Brief hinweisen, wo er seinen Gegnern in den Mund legt: Seine (also des Paulus) Briefe … wiegen schwer und sind stark; aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich (2. Korinther 10, 10). Also: Wir wissen es nicht, welcher Pfahl ihm da tatsächlich im Fleische sitzt. Jedenfalls leidet er darunter und bittet den Herrn, ihn davon zu befreien. Dreimal, sagt er, habe er zum Herrn gefleht, um davon befreit zu werden. Und dann ist ihm diese Antwort geworden: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist den Schwachen mächtig.

Paulus muss es lernen, seine Schwächen zu akzeptieren und aus seiner Schwachheit, seiner Begrenztheit das Beste zu machen.

Und Paulus hat es gelernt. Er hat die Sicht auf seine Schwäche radikal geändert: In jeder Schwäche entdeckte er Gottes Kraft. Er spricht davon, wie er zu leiden hatte in seinem Einsatz als Bote Jesu Christi, wie er verfolgt wurde, gesteinigt, gefangen gesetzt, ausgepeitscht, gefährliche Reisen einschließlich Schiffbruch durchgestanden hat und wie ihm schließlich noch die Gemeinden, wie in Korinth, das Leben schwer machten. Hätte der starke Gott ihm nicht all die Steine, all die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen müssen? – Nein, hat Paulus gelernt, nur so konnte Gottes Kraft zum Zuge kommen. Er selbst, Paulus, hatte nichts, womit er sich hätte rühmen können. Was durch ihn erreicht und geschaffen wurde, das war nicht sein Werk, dazu wäre er selbst zu schwach gewesen, es war Gottes Werk, es war Gottes Gnade. An einer anderen Stelle schreibt er es ganz ähnlich: Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle, nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist (1. Korinther 15, 10).

Diese Sicht, dass Gottes Kraft in der Schwachheit mächtig ist, die schließt ihm eigentlich das ganze Evangelium auf: Gott wird ja selber schwach für uns, schwach in der Krippe, schwach am Kreuz, weil er eine Schwäche für uns Schwache hat.

Und war es nicht genau das, was Jesus gesagt und getan hatte? Er hatte sich den Schwachen zugewendet, den Kranken, den Sündern und erklärt, die Gesunden brauchten ja keinen Arzt, sondern die Kranken. Er hatte die Schwachen seliggepriesen: Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich (Matthäus 5, 3) usw. – Das ist ja in anderen Worten das, was Paulus sagt: Die Schwachen leben von Gottes Gnade, ihnen steht der Himmel offen.

Das ist wichtig für uns, dass wir das mitbekommen: So geht Gott mit unseren Schwächen um. Er fordert nicht, dass wir jede Schwäche überwinden. Er verlangt nicht, dass wir immer stark bleiben. Er erwartet keine moralischen Klimmzüge und keine intellektuellen Saltos von uns. Christsein ist keine Leistung. Glauben ist keine Wissenschaft. Christlicher Glaube ist vielmehr das Vertrauen, dass Gottes Gnade aus unseren Schwächen etwas Starkes machen kann.

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in dir mächtig.

Es ist die Kraft, deine Schwächen zu ertragen. Deine Unvollkommenheit auszuhalten. Deine Grenzen zu akzeptieren.

Es ist die Kraft, deine Stärken zu entdecken. Du musst nicht krampfhaft darauf schauen, was du nicht kannst, worin du schlecht bist. Du darfst das annehmen und einsetzen, worin du gut bist. Denn deine Stärken sind Geschenke der Gnade.

Es ist die Kraft, die Schwächen und Stärken der andern auszuhalten. Wo ein anderer schwach bist, kannst du für ihn stark sein. Wo ein anderer stark ist, kannst du von seiner Stärke profitieren.

Auch diesen Kerngedanken finden wir in den Briefen des Paulus wieder: da, wo er davon spricht, dass die Gemeinde Jesu ein Leib ist, ein lebendiger Organismus mit vielen Gliedern, Organen, Körperteilen, von denen nicht jeder alles kann, aber jeder etwas. Aus den einzelnen Stärken und Schwächen wird da ein wunderbares Ganzes: Gemeinde, Leib Christi.

Ja, und da sind wir auch bei unserer Existenz als Kirche und Gemeinde. Es ist uns auch in unserer Gesamtheit gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Wir mögen unsere Kirche zur Zeit und jedenfalls für unsere mitteleuropäische Heimat in einer schwachen Lage sehen. Seit der Christianisierung der Germanen war der Anteil der Christen in Europa noch nie so gering wie heute. Wir erleben in Deutschland und wir erleben es in unseren Auslandsgemeinden, dass die Zahlen und die Mittel und Möglichkeiten zurückgehen. – Gerade in dieser Situation ist es tröstlich, dieses Wort zu hören: Meine Kraft ist den den Schwachen mächtig.

Denn die Kirche, die stark und mächtig war, die sich prunkvoll selber feierte und die sich auf politische und militärische Macht stützen konnte, sie war im Rückblick diejenige, die Gottes Gnade verraten hatte. Sie hat sich selbstsicher auf die eigene Macht verlassen und muss sich heute für ihre Vergangenheit schämen.

Die kleine Herde, die Minderheit, die leidende und verfolgte Kirche, sie hat das Evangelium durch die Zeit getragen, in ihr war Gottes Kraft, nicht menschliche Stärke, mächtig.

Ich vertraue auf Gottes Kraft, da wo wir schwach sind. Denn das ist Gottes Prinzip: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Mit dieser Zusage können wir zuversichtlich durch dieses neue Jahr gehen.