Samstag, 31. Dezember 2011

Predigt am 31. Dezember 2011 (Altjahrsabend)

Die Israeliten zogen aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
2. Mose (Exodus) 13, 20-22




Liebe Schwestern und Brüder,

ein schönes Bild ist das, nicht wahr: Gott als Wolke oder als Feuersäule immer da, immer vor Augen. Wir wissen, wo es lang geht, weil Gott uns führt. So werden wir unseres Weges sicher und gehen festen Schrittes in die Zukunft.

Ja, ein schönes Bild, wo wir schon wieder am Jahreswechsel stehen und merken, wie die Zeit vergeht oder wie wir durch die Zeit wandern in dieses unbekannte Land, das da Zukunft heißt. Und wenn uns Gott da so klar und wegweisend vor Augen stünde, wie damals den Israeliten, wäre das nicht schön?

Es war ja nicht schön damals bei den Israeliten. Hals über Kopf waren sie geflohen, geflohen vor ihren Herren und Peinigern, denen sie Frondienste leisten mussten. Zugleich aber hatten sie auch ihre Sicherheiten zurückgelassen: das Dach überm Kopf und täglich zu essen, woraus dann im Rückblick bald die legendären „Fleischtöpfe Ägyptens“ wurden, nach denen sie sich noch manches Mal zurücksehnten: Waren wir nicht wahnsinnig, dieses sichere Leben, wenn auch in Knechtschaft und Armut, einzutauschen gegen die Freiheit, in der wir uns Tag für Tag erneut das Überleben erarbeiten müssen?

Vor ihnen lag ja nicht unmittelbar das Gelobte Land. Vor ihnen lag ein langer, beschwerlicher Weg. Ein Weg, den sie nicht kannten, weil sie ihn noch nie gegangen waren. Ein Weg voller Gefahren. Ein Weg durch die Wüste.

Worauf sollten sie sich jetzt verlassen? Auf Mose und Aaron, die sie bis hierher geführt hatten? Auf diesen Gott, Jahwe, auf den diese sich beriefen und den doch keiner gesehen hatte?

Sie ahnen noch nicht, dass vor ihnen ein Meer liegt und hinter ihnen die Kriegsstreitmacht der Ägypter. Sie sitzen schon in der Falle, und die Wolken- und Feuersäule vor ihnen, das Zeichen für Gottes Gegenwart und Wegweisung – macht es wirklich getrost oder macht es noch mehr Angst?

Ein schönes Bild, ein altes Bild. Aber unsere Situation ist anders: Das Land der Unfreiheit und das Gelobte Land der Freiheit sind für uns nur noch schwache Bilder. Die Wüsten, durch die wir zu gehen meinen, sind nicht vergleichbar mit dem Existenzkampf ums nackte Überleben. Und der Gott vor uns ist nicht mehr Wolke und Feuer; er ist nur noch irgendwie – manchmal in unseren Gedanken, Gefühlen und Gebeten. Unsere Situation ist vergleichsweise komfortabel, aber sie ist auch vergleichsweise vage und unbestimmt. Mit anderen Worten: Uns geht’s gut, auch wenn wir es subjektiv manchmal nicht so empfinden. Aber woher wir kommen und wohin wir gehen, das wissen wir nicht so genau, und wo der Gott ist, der uns führt, da sind wir uns auch nicht so sicher.

Vielleicht ist der Jahreswechsel ein Zeitpunkt, wo wir uns neu darüber klar werden könnten: Wo stehen wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wo ist unser Gott? Ein Zeitpunkt zum Innehalten.

Für viele aber scheint das eher ein Zeitpunkt zum Verdrängen zu sein: nur nicht drüber nachdenken. Wir schaffen unsere eigenen Feuersäulen mit Raketen und Böllern. Aber die geben uns natürlich keine Orientierung. Und statt auf eine Wolkensäule vor uns zu schauen, umwölken und umnebeln wir uns selber mit Alkohol. Und dann wachen wir auf, und das neue Jahr geht weiter, wie das alte aufgehört hat.

Aber ich will es euch ja auch nicht vermiesen. Vielleicht ist so ein Tag gar nicht so wichtig, denn wir stehen weder am Rande der Wüste noch des Gelobten Landes. Wir sind einfach irgendwo unterwegs, und manchmal, da wären wir ganz froh, wir wüssten wo wir sind, wo es langgeht, wo wir überhaupt hinwollen und wo unser Gott ist.

Daran aber nun kann uns dieser Predigttext erinnern: Dass wir woher kommen und wohin gehen. Dass unser Leben Vergangenheit und Zukunft hat. Dass es ein Ziel hat. Und einen, der uns dorthin führt.

Wir kommen, anders als die Israeliten, aus verschiedenen Vergangenheiten, Hintergründen, wie man heute sagt. Es muss nicht das Land der Knechtschaft sein. Häufiger ist es schon das Land der Freiheit, wo wir uns mehr oder weniger erfolgreich durchgeschlagen haben. Aber jetzt sind wir gemeinsam hier, sind gemeinsam Gemeinde, sind, so wie Israel damals, Gottes Volk heute.

Vielleicht, wahrscheinlich gehen wir, auch anders als die Israeliten, bald wieder auf getrennten Wegen weiter. Und doch gehen wir gemeinsam, weil wir Gemeinde sind, weil wir auf ein Ziel zugehen. Das Ziel der Israeliten war das Gelobte Land – Kanaan –, das Land der Freiheit, das Land, wo Milch und Honig fließt, wie es hieß. Die Christen haben das Symbol des Gelobten Landes übertragen auf das Reich Gottes, das sie erwarten. Wir sind nicht unterwegs zu einem bestimmten Ort in dieser Welt. Wir sind unterwegs in Gottes Reich, unterwegs in den Himmel, unterwegs zur Ewigkeit.

Das sollen wir nicht vergessen. Die Orientierung hin auf die Ewigkeit ist uns immer wieder als Vertröstung aufs Jenseits ausgelegt worden. – Aber inzwischen hat man den christlichen Glauben immer wieder und immer mehr auf eine Weltverbesserungsideologie heruntergebrochen, auf eine Vertröstung aufs Diesseits. Und das ist er seinem Wesen nach nicht.

Wenn wir alles nur vom Leben im Diesseits erwarten, dann müssen wir zwangsläufig enttäuscht werden, denn dieses Leben kann einfach nicht alles sein. Es ist begrenzt. Ein Ende unseres Weges durch diese Lebenszeit ist immer schon absehbar.

Gott hatte den Israeliten ein weit entferntes, fast unerreichbares Ziel vor Augen gesetzt: das Gelobte Land. Und darum sind sie losgezogen, haben Beschwernisse und Umwege, Entbehrungen und Versuchungen auf sich genommen. Sie hatten ein Ziel vor den Augen.

Und dabei war der Weg noch unbekannt. Kurz vorher lesen wir, dass Gott sie auf einen Umweg geschickt hatte, und er hatte seine Gründe. Am Ende sind sie angekommen, viel später als erwartet, anders als erwartet, aber angekommen.

So ist es ja auch mit uns: Wir wissen den Weg nicht, aber wir wissen das Ziel. – Und wehe uns, wenn wir denen folgen, die den Weg zum Ziel erklären und meinen, es wäre egal, wo wir hinlaufen, Hauptsache gemeinsam, und wenn es nur im Kreis herum ist! Und wehe uns, wenn wir denen folgen, die uns andere Ziele vor Augen stellen als Gottes Ziel!

Wie finden wir unseren Weg in die Zukunft? Den Weg, der zum Ziel führt? Als einzelne? Als Gemeinde, als Kirche? Als menschliche Gemeinschaft?

Die Israeliten wurden von Mose und seinem Bruder Aaron in die Freiheit geführt. Aber sie sollten sich nicht auf diese beiden verlassen. Sie sollten sich auf Gott verlassen. Und so gab Gott die Zeichen seiner Gegenwart: Wolken- und Feuersäule. Der sollten sie folgen, bei Tag und bei Nacht. Nicht Mose und Aaron.

So sollte das auch in der Kirche sein, dem Gottesvolk des Neuen Bundes: Sie hat nicht Menschen zu folgen, sondern Gott. Menschen braucht er dabei schon. Aber sie sind nur Werkzeuge, Mittler. Im Ernstfall ist entscheidend, wo Gott uns hinführen will, nicht Menschen, auch nicht die Menschen, die in seinem Namen sprechen oder sich für Gottes Stellvertreter halten.

Aber haben wir denn noch so was wie Wolken- und Feuersäule Gottes, die uns vorangehen und die Richtung weisen?

Ich meine, ja. Gott ist seiner Gemeinde nahe, wo sie auf sein Wort hört und Taufe und Abendmahl nach seinem Wort begeht. Gott leitet seine Gemeinde durch Wort und Sakrament.

Wir kennen das Ziel. Und wir kennen die Richtung. Beide werden uns durch Gottes Wort gewiesen.
Das heißt nicht, dass unsere persönlichen Lebenswege nun alle gleich verlaufen müssten. Das nicht. Aber Gottes Wort und Sakrament sollten es uns klarer werden lassen, welche Wege zum Ziel führen und welche nicht. Welche Wege Gottes Wege sind und welche nicht.

Und selbst, wenn wir auf Irr- und Abwege geraten sind, dann sollte uns Gottes Wolken- und Feuersäule, Gottes Wort und Sakrament doch immer noch erreichen können und uns zurückrufen auf den richtigen Weg.

Wir haben also ein Ziel vor den Augen, auch wenn wir den Weg nicht kennen. Und wir haben einen Herrn, der uns den Weg führt und für uns immer in Sicht- und Rufweite bleibt.

So gehen wir vielleicht vorsichtig, ängstlich, tastend und wagend voran in die Zukunft, die vor uns liegt. Aber wir gehen mit Gott und wir gehen zu Gott. Das kommende Jahr, was immer es auch bringen mag, soll uns doch in jedem Falle näher zu ihm bringen.