Sonntag, 4. Dezember 2011

Predigt am 4. Dezember 2011 (2. Advent)

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; "Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name.
Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.
Jesaja 63, 15 - 64, 3





Liebe Schwestern und Brüder,

Advent bedeutet Warten. Und Warten heißt: Er ist noch nicht da; der, auf den wir warten.

Vielleicht gibt es Anzeichen, dass er bald kommen wird. So wie in dem Evangelium (Lukas 21, 25-33), das wir gehört haben: erschreckende Zeichen am Himmel, Angst und Schrecken auf der Erde. – Aber noch ist er nicht da; der, auf den wir warten.

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Zeichen ausbleiben, wenn gar nichts geschieht. Wir warten, aber er ist einfach nur ganz weit weg.

Die einen sagen: "Seht ihr, es geht auch ohne ihn." Die anderen sagen: "Seht ihr, ohne ihn geht alles den Bach runter." Und alle haben sich schon darauf eingestellt, dass er nicht mehr kommt.

Als ob es Gott nicht gäbe, so sollen wir leben, so sollen wir sogar glauben, hat ein nicht ganz unbedeutender Theologe gesagt. "Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden." (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

Wir glauben an einen Gott, mit dessen Erscheinen, mit dessen Eingreifen, mit dessen Advent wir schon gar nicht mehr rechnen. Wir müssen ohne ihn fertig werden.

Müssen wir das? – Unser Predigttext ist ein Aufschrei, ein Protest gegen Gott, der sich fern hält, der uns warten lässt, der uns unter einem leeren Himmel leben lässt, als ob es ihn nicht gäbe:

Schau herab vom Himmel! Bei dir da oben ist es heilig und herrlich. Aber sieh dir an, wie es bei uns auf der Erde aussieht, und in unseren Herzen!
Schöne Formeln sind das von Gottes Barmherzigkeit! Hartherzig bist du! Du hast dich gegen uns gestellt!

So betet ein Mensch, so betet ein Volk an gegen den verschlossenen Himmel, gegen den fernen Gott.

Müssen wir ohne Gott fertig werden? Fertig werden mit harten Schlägen, die wir wahlweise einem namenlosen Schicksal oder aber diesem Gott anlasten? Eltern, die ihre Kinder verloren haben, sind an Gott verzweifelt. Frauen, die ihre Männer im Krieg gelassen haben. Männer, die Granaten und Gewehrläufen ins Auge gesehen haben, an deren Seite ihre Kameraden verbluteten. Vertriebene, Vergewaltigte, Verhungerte, Gefolterte. Und die, die damals den Gaskammern entronnen sind. Wie viele von ihnen haben Gott abgeschrieben? – Es gibt ihn nicht. Und wenn es ihn gibt, um so schlimmer! Dann besser ohne ihn fertig werden.

Und wie viele haben doch nicht aufgehört zu schreien, zu protestieren, an die verschlossenen Himmelstüren zu trommeln?

Sie schreien und trommeln, weil sie Gott noch kennengelernt haben – anders: Als Vater, als Erlöser, als der, der wohltut denen, die auf ihn warten.

Sie wollen nicht ohne ihn fertig werden. Sie akzeptieren nicht, dass das Leben sinnlos ist. Sie finden sich nicht ab mit dem Nihilismus. Und nicht mit der Nachricht Gottes: Ihr müsst jetzt ohne mich zurechtkommen.
Es ist als ob sie mit Plakaten und Spruchbändern vor Gott demonstrieren. Mach auf, komm raus aus deinem verschlossenen Himmel! Zeig dich! Zeig es uns, dass du noch der Allmächtige bist! Zeig es ihnen, die dich abgeschrieben haben!

Wir kennen alle die gemäßigt-christlichen Antworten: Gib dich zufrieden und sei stille. Was Gott tut, das ist wohlgetan. Sie stehen im Gesangbuch und auch so ähnlich in der Bibel. Aber da steht eben auch der Schrei, die Klage, der Protest, der sich mit diesen Antworten nicht zufrieden geben mag.

Wir kennen auch alle die Antworten, die den lieben Gott aus der Schusslinie nehmen wollen: Das meiste Elend, unter dem wir Menschen leiden, bereiten wir uns selber. Krieg und Gewalt, ja auch Hunger und Mangel kommen doch von uns Menschen, von unserer Unfähigkeit, eine friedliche und gerechte Welt zu schaffen. – Da ist es doch nicht fair, Gott für verantwortlich zu machen.

Ja, aber. – Ich erlaube mir hier ein ganz großes Aber: Aber diese Botschaft hilft niemandem, der gerade davon betroffen ist. Dass wir Menschen unfähig zum Frieden sind, das hilft dem nicht als Erklärung, der irgendwo auf dieser Welt von einer Bombe zerfetzt wird, und schon gar nicht seiner Mutter, seiner Frau, seinen Kindern. Dass wir Menschen unfähig zur Gerechtigkeit sind, das hilft denen nicht als Erklärung, die ums nackte Überleben kämpfen. Dass wir Menschen noch nicht alle Möglichkeiten der Medizin ausgeschöpft haben, das hilft dem nicht als Erklärung, der an der tödlichen Krankheit zugrundegeht.

Der, der in unserem Predigttext zu Gott ruft, der geht noch einen Schritt weiter. Er sagt ein noch größeres Aber:
Aber du Gott, bist am Ende schuld! Wenn wir friedlos, ungerecht und gottlos leben, dann bist du es letztlich gewesen, der unsere Herzen verstockt hat. Vielleicht machst du uns verantwortlich. Aber am Ende bist du der Allmächtige, du hast uns so gemacht.
Und darum rufen wir dich auf: Wende dich uns wieder zu! Kümmere dich um uns! Reiß den Himmel auf und zeig deine Macht!

Ein starkes Stück: Gott wird zur Bekehrung, zur Umkehr zur Buße aufgefordert. – Ein starkes Stück! Wo doch an unserer Buße und Bekehrung alles zu liegen scheint. – Nein, es liegt alles an Gott!

Darf man so mit Gott sprechen? – Als wir in unserer Bibelstunde über den Abschnitt gesprochen haben, waren einige erschrocken. Darf man, dürfen wir so mit Gott reden?

Ich habe gesagt: Ja, wir dürfen.

Ich denke daran, dass Jesus Gott mit einem ungerechten Richter verglichen hat, dem eine Witwe so lange auf die Nerven geht, bis er nachgibt und ihr Recht verschafft (Lukas 18, 1-8).

Und ich denke, dass es allemal besser ist, Gott auf die Pelle zu rücken, ihn anzuklagen, aufzurütteln, die Spruchbänder auszurollen und ihn herauszufordern, als ihn zu vergessen, ihn abzuschreiben und uns dem Nihilismus hinzugeben: Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot (Jesaja 22, 13; 1. Korinther 15, 32).

Eigentlich ist dieses unverschämte Gebet das rechte Adventsgebet: "O Heiland reiß die Himmel auf! (EG 7) Los, komm herab, zeig es uns, zeig es allen! Denn wir, wir reißen es nicht."

Eigentlich ist sogar der Aufruf zur Bekehrung an Gott berechtigt. Denn unsere Bekehrung, unsere Umkehr zu Gott bringt unser Leben noch lange nicht in Ordnung. Entscheidend ist, dass Gott sich zu uns bekehrt, sich zu uns hinwendet. Dass er die Himmelstüren aufreißt, zu uns kommt und uns zu sich nimmt.

Wenn Gott sich nicht zu uns hinwendet, dann stehen wir vor verschlossenen Türen, dann geht gar nichts.

Darum ist es so richtig, so wichtig, Gott zu drängen und zu bitten. Und ihn bei dem zu behaften, was er ist und sein will: unser Vater, Unser Erlöser, das ist von Alters her sein Name.

Ja, wir dürfen so mit Gott sprechen. Nicht nur, weil da einer vor zweieinhalb Jahrtausenden mal so mit Gott gesprochen hat. Nein, auch weil Gott ja schon in der Vergangenheit den Himmel geöffnet hat. Wir reden eben nicht ins Leere. Sondern wir reden ja zu dem, der schon zu uns gekommen ist.

Im Advent wissen wir, dass Weihnachten wird, weil Weihnachten war. Der Himmel ist ja aufgerissen. Die Hirten in Bethlehem haben es gesehen: Den Engel des Herrn, die Klarheit des Herrn, die Menge der himmlischen Heerscharen (Lukas 2). – Den offenen Himmel. – Und dann sind sie in den Stall von Bethlehem gegangen und haben das Kind gefunden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Eigentlich viel unspektakulärer als die Engel draußen auf dem Feld. – Aber das, das war das Eigentliche. Ein neugeborenes Kind – da stand ihnen der Himmel offen!

Gott hat neu angefangen. Gott hat die Gebete seines Volkes erhört. Der Heiland ist geboren.

Wenn wir Zeiten des verschlossenen Himmels erleben, wenn Gott fern ist, wenn es ist, als ob es ihn nicht gäbe, – dann erinnert euch an Weihnachten! Dann erinnert ihn an Weihnachten: Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Schreibt Gott nicht ab, ruft und kämpft und demonstriert, aber schreibt Gott nicht ab! Er wird auch euch den Himmel aufreißen. Er kommt. Darauf warten wir, das ist Advent.