Sonntag, 25. Dezember 2011

Predigt am 25. und 26. Dezember 2011 (Christfest)

Neufassung einer Predigt von 1999


Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

1. Johannes 3, 1-6





Liebe Schwestern und Brüder,

Weihnachten ist nicht nur am Heiligen Abend. Weihnachten ist heute. Weihnachten ist morgen. Die Weihnachtszeit im engeren Sinne geht bis zum 6. Januar – Epiphanias, Dreikönige, Hohneujahr, wie auch immer man diesen Tag nennen mag. Die Weihnachtszeit im weiteren Sinne geht bis zum 2. Februar – Mariä Lichtmess. Und Weihnachten im eigentlichen Sinne geht immer noch weiter und weiter und weiter.

Weil Weihnachten das Fest der Liebe ist, und die Liebe hört niemals auf. Liebe nur für eine Nacht ist keine Liebe. Liebe nur für ein paar Wochen, ist keine Liebe. – Weihnachten ist das Fest von Gottes Liebe, und die hört niemals auf. Gottes Liebe ist kein One-Night-Stand. Gottes Liebe ist keine kurze Affäre. Gottes Liebe geht weit über Weihnachten hinaus, sie geht weiter und weiter und weiter.

Aber Weihnachten sehen wir sie klar und deutlich, Gottes Liebe: Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen! Wir sehen Gottes Liebe im Kind in der Krippe. Mit denen, die von Anfang an hingeschaut haben, hingegangen sind, es gesehen haben und froh geworden sind: Die Gestalten der Weihnachtsgeschichte: Hirten und Könige, Tiere und Engel: das heißt Reiche und Arme, Schlaue und Schlichte, ja die sichtbare und die unsichtbare Kreatur. Sie sehen und stehen und staunen.

Wo die Kirchengemeinden Krippenspiele aufführen, wird es oft so sichtbar gemacht, dass noch andere Menschen mit an die Krippe treten: der Herbergswirt, ein Bettler, Soldaten … Meistens habe ich mich am Ende des Krippenspiels auch mit dazugestellt. Und das Krippenbild ist ja auch immer offen zur Gemeinde hin. Wir sind mit hineingenommen in die Weihnachtsgeschichte. Wir sind dabei, alle Jahre wieder. Wir staunen und stehen und sehen: Gottes Liebe in Gestalt des Kindes. So ist es auch bei uns, auch wenn uns die Krippe heute nur vor dem inneren Auge steht: Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen!

Gibt es eigentlich einen stärkeren Ausdruck für Liebe als ein Kind?

Das Dasein eines Kindes, seine Geburt verdankt sich der Liebe. Jedenfalls sollte es so sein. Und wenn es geboren ist, dann müssen wir es einfach liebhaben. Ein kleines Kind muss nichts dafür tun, um geliebt zu werden. Es kann schreien, es kann seinen Eltern den Schlaf rauben – wir lieben es.

Und ein Kind strahlt selber Liebe aus. Es schmiegt sich an seine Mutter. Bald nimmt es mit seinem Lächeln alle für sich ein. Oder aber fordert mit seinem Weinen die liebevolle und tröstende Zuwendung ein. – Das ist bei Gottes Kind nicht anders: Es zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Es zieht die Menschen an, und sie schenken ihm ihre Liebe und empfangen von ihm seine Liebe – Gottes Liebe.

Ich fand diesen Vers ja lange Zeit kitschig, aber eigentlich stimmt es doch: Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ in deiner Geburt.

Diese Liebe lacht uns nicht nur in der Weihnachtsnacht an. Nein, es ist ja Gottes ewige Liebe, sie geht weit über Weihnachten hinaus, sie geht weiter und weiter und weiter.

Sie geht weiter im Leben dieses Kindes, als es dann ein Mann wird, als dieser Mann in die Öffentlichkeit geht, auf die Menschen zugeht, die genau diese Liebe, Gottes Liebe brauchen. Das ist dann keine gefühlsduselige Liebe mehr, sondern Liebe in Worten und Taten. Er hat das rechte Wort zur rechten Zeit und die helfende Tat, für die, die sie brauchen. Für die Armen und auch für die Reichen. Für die Kranken und auch für die Gesunden. Für die Sünder und auch für die Gerechten. Und selbst da, wo seine Worte und Taten jemandem wehgetan haben, waren es doch Worte und Taten der Liebe.

Diese Liebe, Gottes Liebe, geht noch weiter: Sie geht aufs Ganze, sie geht ans Kreuz. Die gottlose, lieblose Welt stört sich und widersteht seiner Liebe. Sie möchte kein Weihnachten, sie möchte keinen Gott, sie möchte schon gar keinen menschlichen, liebevollen Gott. Darum sucht sie ihn zu töten. Aber die Liebe lässt sich nicht töten. Liebe ist stärker als der Tod. Die Liebe überlebt Kreuz und Tod. Als Jesus stirbt, als Jesus vom Tode aufersteht, können wir Gottes Liebe sehen, die die Lieblosigkeit besiegt, die die Welt überwindet.


Weihnachten, die Geburt des Kindes ist erst der Anfang der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Sie geht weiter. Karfreitag und Ostern gehören mit dazu. Und sie sind in Weihnachten schon mit enthalten. Die Armut der Krippe lässt künftiges Leiden erahnen. Und das himmlische Licht und der englische Lobgesang nimmt das Licht des Ostertages und den Jubel über die Auferstehung vorweg. Weihnachten ist der Anfang dieser Liebesgeschichte, aber in diesem Anfang ist schon alles, die ganze Geschichte.

Auch wir. Es ist ja die Liebesgeschichte Gottes mit uns: Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch.

Ein Kind ist Inbegriff der Liebe. Und Gottes Liebe macht uns zu Kindern. So wie wir ein Kind liebhaben, nein, noch viel mehr, so liebt uns Gott. Bedingungslos. Ein Kind muss nichts dafür tun, um von seinen Eltern geliebt zu werden. Wir müssen nichts dafür tun, um von Gott geliebt zu werden.

Vielleicht wollen wir ja, so wie gute Kinder ihren Eltern gefallen wollen, unserem himmlischen Vater gefallen. Das ist in Ordnung so. Aber seine Liebe verdienen, indem wir bei Gott Pluspunkte sammeln, gute Taten tun, um von ihm Lob, Anerkennung oder Belohnung zu erhalten, das funktioniert nicht. Liebe ist ein Geschenk, sein Geschenk. Sie ist schon da, unverdient. Nicht als Belohnung für unsere guten Taten, nicht als Lob und Anerkennung für irgendwas.

Jesus hat, als er groß war, eine Geschichte erzählt – ihr kennt sie: die Geschichte von einem, der auszog, um mit seinem Leben ohne Gott klarzukommen. Er ist gescheitert. Er ist in der Gosse und im Schweinestall gelandet, und er ist zu seinem Vater zurückgekehrt – mit leeren Händen. Aber wie auch immer: er war der geliebte Sohn. Der Vater hat ihn in die Arme geschlossen und ein Fest mit ihm gefeiert. – So ist Gottes Liebe, Gottes bedingungslose Liebe.

Wir müssen nichts tun für Gottes Liebe. Aber Gottes Liebe tut etwas mit uns. Sie prägt uns. Sie verändert uns. Liebende werden einander ähnlicher. Und von Gott geliebte Menschen werden ihm ähnlicher. Nachdem er uns ähnlich geworden ist: als Mensch, als Kind. Unser Leben als Gottes Kinder wird liebevoll.

Vielleicht klangen die Worte über Sünde und Unrecht im Predigttext befremdlich und streng. So sind sie aber gar nicht gemeint. Sie sollen uns auch nur an Gottes Liebe erinnern. Sünde ist nichts anderes als Lieblosigkeit. Die Lieblosigkeit, die gar nicht zu uns passt, wenn wir doch Gottes Kinder heißen und es auch sind. Leben, als ob Gottes Liebe nicht zur Welt gekommen wäre, als ob es kein Weihnachten gäbe, das ist Sünde. Die Lieblosigkeit, in der Menschen miteinander umgehen, in der Menschen sich schaden, wehtun, verletzen und gar umbringen, das ist Sünde. In dieser Lieblosigkeit sollen, wollen, können wir nicht mehr leben, wenn wir Gottes Kind in der Krippe begegnet sind.

Die Liebe, die uns aus der Krippe, die uns aus dem ganzen Leben Jesu entgegenstrahlt, die macht uns auch ihm ähnlicher: Sie macht auch uns fähig zum rechten Wort und zur helfenden Tat, für die, die sie brauchen.

Auch so und gerade so geht Weihnachten weiter: Wenn Gottes Liebe uns verändert und uns zu liebevollen Menschen macht. Gottes Liebe ist Kind geworden. Gottes Liebe macht uns zu Kindern, zu Gottes Kindern. Gottes Liebe geht weiter und weiter und weiter – in Ewigkeit. Das Fest hat gerade erst begonnen.