Montag, 16. Januar 2012

Barcelonas Kirchen – zum Katholisch-Werden

Die letzten Tage war ich, wie manche wissen, in Barcelona. Zum ersten Mal. Und ich war tief beeindruckt.

Nicht so sehr von der Stadt als solcher. Ich habe kein Faible für Großstädte. Sie sind laut und unpersönlich.

Beeindruckt war ich zum Teil von den persönlichen Begegnungen mit meinen Pfarrkollegen aus Iberien (im erweiterten Sinne: mit Canarias und Griechenland!). Aber das hat nun wieder nichts mit dem Ort zu tun. Brüder und Schwestern im Glauben und Dienst können sich überall treffen.

Beeindruckt war ich vor allem von den Kirchen.

Es war eine Steigerung.

Am ersten Tag hatten wir noch Zeit für private Erkundungen, und wir stießen zunächst auf die Basílica Santa Maria del Pi, eine der großen gotischen Stadtkirchen Barcelonas. Ein Kirchenraum, der uns zunächst aus der äußeren Unruhe der Großstadt herausnahm und uns am meisten durch eine riesige Rosette in der – nein, nicht West- – in der Nordwestfassade beeindruckte.

Eigentlich aber suchten wir die Kathedrale und fanden sie dann auch. Der große Raum, die gotische Architektur, sogar einige der vielen Kapellen rund um das Kirchenschiff mit ihren Heiligendarstellungen beeindruckten mich, zogen meine Gedanken ins Gebet. Es war, glaube ich, das erste Mal, dass mir darin etwas von der Sanctorum Communio deutlich wurde, von der Verbindung des irdischen Gottesdienstes mit dem himmlischen Gottesdienst der Erlösten.

Schon die einleitenden Worte im Touristenfaltblatt hatten mich angesprochen:
 ... a holy place dedicated to worship and prayer; a meeting place between God and men ... May its contemplation help you discover the Gospel of the Lord Jesus.
If you wish, after admiring the Gothic art oft this temple, you can rest and pray in the side-chapel of the Blessed Sacrement. Pray especially for world peace. Pray for the construction of the civilisation of love. Pray for the unity of Christians. Pray for your needs, without forgetting to pray for those who are in material and spiritual need. Please do not leave without praying, however humble your prayer may be ...
Und dann standen da noch Plakate von der Adventszeit mit einem Gebet: ¡Ven, Señor Jesús! (Das muss ich wohl nicht übersetzen.) Dann erklang die Orgel. Es war unverkennbar eine Choralbearbeitung von Bach, und es war der Choral Es ist gewisslich an der Zeit, dass Gottes Sohn wird kommen. – Berührend, der Klang dieses deutschen evangelischen Chorals in einer katalanischen katholischen Kathedrale. Und berührend die Begegnung von Wort und Musik.

Am nächsten Tag stand eine deutsche Gruppenführung in der Sagrada Família an. – Ich war auf Bombast-Kitsch eingestellt. Ich habe etwas ganz anderes gefunden: Stein gewordene Theologie – nein, mehr als Theologie: Offenbarung, Anbetung, Darstellung des Heils und der Herrlichkeit in Architektur!

Was mich am meisten fasziniert hat, war das statische Konstruktionsprinzip: Säulen und Gewölberippen wurden im Modell mit Schnüren dargestellt, die an den Knotenpunkten gleichmäßig mit Lasten behängt wurden (hier kann man das sehen), so dass ein auf dem Kopf stehendes Architekturmodell entstand. Dass das statisch optimal ist (gerade auch mit geneigten Säulen), kann man sich vorstellen. Das Bedeutsame liegt für mich aber darin, dass hier durch die Architektur praktisch die Gravitation umgekehrt wird. Was im Modell nach unten hing, weist jetzt nach oben. Und ich stehe als Besucher, als Gläubiger, als Betender darin, und werde nach oben gezogen.

Was mich auch hier, wie schon in der Kathedrale, bewegt hat, war die Symbolisierung der Kirche. Hier wird nicht der Glaube des Einzelnen dargestellt, sondern hier bin ich mit meinem Glauben im Glauben, in der Anbetung der Kirche aufgehoben: Die Heilsgeschichte ist präsent. Die Apostel und Evangelisten sind symbolisiert, Maria und Christus, die Mitte (der Hauptturm, der alle Türme der Stadt überragen wird). Die Dreifaltigkeit ergießt sich geradezu von hoch oben aus der Apsiskuppel hinab an den Ort, wo Christus im Sakrament gegenwärtig ist ... – Das ist nur ein Bruchteil, und es sind schwache Worte, die nur ein weniges von dem wiedergeben, was mich bewegt hat.

... und da ist dann die Frage: Ist unsere protestantische Ekklesiologie vielleicht doch etwas zu klein für das Geheimnis der Kirche? ... Manchmal ist es zum Katholisch-Werden!