Sonntag, 29. Januar 2012

Predigt am 29. Januar 2012 (Letzter Sonntag nach Epiphanias)

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: "Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea."
Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: "Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle."
Offenbarung 1, 9-18



Liebe Schwestern und Brüder,

alles ist ganz anders. Das ist das Geheimnis des Glaubens: Alles ist ganz anders, als wir es gewohnt sind zu sehen. Alles ist ganz anders als im Alltag, als im gewöhnlichen Leben. Alles ist ganz anders, da, wo wir dem lebendigen Gott begegnen. Da, wo wir Jesus Christus als dem Herrn begegnen.

Alles ist ganz anders. Die Begegnung mit Jesus Christus ist Offenbarung. Sie legt offen, was vorher verdeckt war. Sie lässt uns sehen, was vorher Geheimnis war. Sie lässt uns die ewige Wahrheit erahnen hinter der sichtbaren Wirklichkeit. Was wir zuvor wussten, war nur Fassade, Oberfläche, Schein. Was wir zuvor wussten über unsere Welt, über uns selber, über Gott – das löst sich auf in der Begegnung mit dem Ewigen, und die wahre Wirklichkeit scheint auf.


Alles ist ganz anders: für Petrus, Jakobus und Johannes, als sie mit Jesus auf dem Berg der Verklärung sind. Sie haben etwas gesehen vom Geheimnis Jesu Christi, von Gottes Wahrheit hinter der sichtbaren Oberfläche.

Alles ist ganz anders: für Johannes, den Seher, den Apokalyptiker. Ihm hast sich Jesus Christus offenbart als Gottes Wahrheit für die Welt.

Alles ist von vornherein außergewöhnlich:
Ein anderer Ort: die Insel, abgelegen vom Weltgeschehen. Johannes ist herausgenommen aus dem normalen, alltäglichen Leben, auch aus dem normalen alltäglichen Leben seiner Kirchengemeinde. Herausgenommen um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Als Christus-Zeuge verbannt auf eine einsame Insel. Oder aber – alles ist ganz anders, von Gott her gesehen – dorthin geschickt, um das Wort Gottes noch mal ganz neu, ganz anders zu hören, und das Christus-Zeugnis auf noch mal neue, ganz andere Weise zu sagen – als Offenbarung: Alles ist ganz anders.

Eine andere Zeit: nicht Alltag, sondern Sonntag, Domingo, Herrentag. Zeit, die wir herauslösen aus dem Alltag als Zeit für Gott. Oder eigentlich: Zeit, die Gott für uns herausgelöst hat aus dem Alltag als Zeit für ihn. Zeit für den Gottesdienst. Zeit für das ganz Andere. Genau zu dieser anderen Zeit offenbart sich der ewige Gott.

Ein anderer Zustand: ergriffen vom Geist. – Nicht ergriffen und gefangen von den römischen Soldaten, die sich gezielt christliche Gemeindeälteste, Bischöfe und Pastoren herausgriffen und sie unter Androhung von Folter und Tod dazu zwingen wollten, dem Kaiser in Rom als allmächtigem Gott zu huldigen. – Das ist nur die äußerliche Situation, auch für den verbannten Johannes. Die innere Situation ist eben jenes andere Ergriffensein – das Ergriffensein von dem, der in Wahrheit Herr ist, und dem sich in Wahrheit alle Knie beugen müssen, auch derer, die sich in dieser Weltzeit dünken, Herren zu sein, und sich Gott nennen lassen.

Eine andere Stimme: eine große Stimme wie von einer Posaune. Da übertönt Gottes Wort alle anderen Worte. Da bestimmen nicht mehr die vielen Stimmen um ihn herum, was stimmt, worauf zu hören, wovon Notiz zu nehmen ist. Sondern die eine Stimme, die Stimme seines Herrn, sie sagt: „Höre, und sieh und schreibe! Was ich dir sage, das halte fest! Sonst nichts!“

Eine andere Blickrichtung: Die Stimme kommt von anderwärts her, von hinten. Der Hörer wendet sich um und wird zum Seher. Gott offenbart sich, wo Menschen die Blickrichtung ändern. Weltanschauung sagte man im vergangenen Jahrhundert. Unsere Weltanschauung ist meistens der Blick in eine bestimmte Richtung. Dabei übersehen wir mindestens die Hälfte. Augen geradeaus! – so wird Weltanschauung befohlen. – Sich umsehen, dorthin schauen, wo ich noch nicht hingesehen habe, wo die anderen auch nicht hinschauen. Anders sehen, die Perspektive wechseln. Das Geheimnis des Glaubens entdecken. – Dazu fordert Gottes Stimme heraus.

Aber es ist gefährlich: Denn der Seher sieht, was er so noch nicht gesehen hat: Alles ist ganz anders. Erschreckend anders!

Und das ist es ja auch für uns. Eine Christus-Vision, die uns total fremd ist. Die so wenig mit dem Jesulein in der Weihnachtskrippe, mit dem Schmerzensmann am Kreuz, mit dem milde segnenden, sanftmütigen und demütigen Heiland zu tun hat, den wir so oft vor unserem inneren Auge haben, den wir so von Tausenden Darstellungen kennen.

Und doch sieht der Seher Christus – den anderen Christus. Und zugleich denselben. Er sieht den Menschensohn, und er sieht den ewigen Gott.

Die Worte, mit denen er ihn beschreibt, sind an der Grenze dessen, was Sprache vermag. Worte für Licht, für Glanz, für Herrlichkeit und Macht. Vergleiche, denen man es abspürt, dass sie das Eigentliche nur unterbieten können: Wie weiße Wolle, wie Schnee, wie eine Feuerflamme, wie glühendes Golderz, wie die Sonne in ihrer Macht. Sterne in seiner Hand. Ein zweischneidiges Schwert kommt aus seinem Mund hervor.
Das ist Christus, der ganz auf der Seite Gottes steht. Der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der die ganze Welt in seiner Hand hält. Der kein Teil ist der geschaffenen Welt, sondern durch den die Welt geschaffen ist.

Diese Vision macht das, was wir nicht sehen, und doch glauben, sichtbar. Sichtbar und doch auch nicht. Denn wir spüren es, dass die Worte das nicht beschreiben können, was hier erschaut wird.

Dieses ganz Andere, dieser ganz andere Christus lässt den Menschen vor ihm zu Boden stürzen, raubt ihm die Sinne und den Verstand. Lässt ihn wie tot sein. Die Gegenwart der göttlichen Macht, wie sie Johannes widerfährt, ist für einen Menschen schier unerträglich. Vor Gott muss er vergehen.

Hier wird mit einem Schlag deutlich, was Gottesfurcht bedeutet. Gott in seiner Majestät und Heiligkeit ist furchteinflößend. Es ist geradezu ein Gottesschrecken, der den Menschen überfällt.


Aber ist dieser uns so fremde, so ferne, so andere Christus, diese furchteinflößende Weltenherrscher denn wirklich der, an den wir glauben, auf den wir hören, der als Mensch unter uns Menschen gelebt und gelitten hat?

Ich sage: Ja, er ist es. Auch in seiner irdischen Existenz ist immer wieder etwas von seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit durchgedrungen. Vor ihm sind Menschen niedergefallen und haben ihn angebetet. Angefangen von den Hirten und Königen an der Weihnachtskrippe. Und später dann einer wie Petrus: Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch! Und viele mehr, die etwas von ihm erwartet und erbeten haben. Denn sie haben genau das gespürt, dass sie es in ihm mit Gott selber zu tun hatten.

Das Evangelium von der Verklärung, das wir gehört haben, macht es ebenfalls deutlich: Dieser Jesus ist anders und ist mehr als ein bedeutender Mensch. Er ist Gottes Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und auch da fallen seine Jünger nieder und sind überwältigt von seiner Majestät, die Gottes eigene Macht und Herrlichkeit ist.

Und dann ja wieder, als sie dem Auferstandenen begegnen. Sie sind überwältigt, sie fallen vor ihm nieder. Sie erbitten sein Erbarmen, weil sie von sich aus nicht bestehen können vor ihm.

Ich bin bei der Vorbereitung auf einen für mich bedeutenden Satz gestoßen: „Wo man Jesus wirklich begegnet, da bricht man zusammen, und wenn das nicht geschehen ist, dann hat man's noch vor sich. Es ist keine harmlose Sache, Christus zu begegnen.“ (Gottfried Voigt, Die Himmlische Berufung)

Nein, ist es nicht. Und auch wenn ich Christus so wie hier Johannes nicht, noch nicht gesehen habe, so ist das doch auch meine Erfahrung: Es gibt den Moment, in dem einem Christus so groß wird, dass man selber nur noch ganz klein und ohnmächtig ist. Vor diesem Herrn bin ich nichts mehr aus mir selber, kann ich nichts vorweisen, muss ich schier vergehen.

Und dann geschieht auch wirklich das Folgende: dass er seine Hand auf mich legt und mich berührt und zu mir sagt: Fürchte dich nicht!

Dieses Fürchte dich nicht! bezieht sich nicht zuerst auf das, was uns in der Welt Angst machen will. Es bezieht sich auf die Furcht vor Gottes Macht und Majestät, vor der wir nicht bestehen können, die uns eigentlich umbringen müsste. Fürchte dich nicht!, sagt Jesus Christus. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Er sagt etwas, was sonst niemand sagen kann, einen menschenunmöglicher Satz: Ich war tot. – Er hat den Tod hinter sich gelassen, hat ihn überwunden. Und er richtet den wieder auf, der vor Gott wie tot ist. Ich lebe, und ihr sollt auch leben!


Alles ist ganz anders. Das ist das Geheimnis des Glaubens: Alles ist ganz anders, als wir es gewohnt sind zu sehen. Alles ist ganz anders als im Alltag, als im gewöhnlichen Leben: Der Tod ist tot. Jesus, der vor 2000 Jahren gestorben ist, lebt. Er hält die ganze Welt in seiner Hand. Und obwohl wir vor ihm nicht bestehen können, rührt er uns an, richtet er uns auf, lässt er uns die Welt und unser Leben in einem neuen Licht sehen, in seinem Licht.

Die Wahrheit unter der Oberfläche, das Geheimnis, das er uns offenbart ist Gott selber: Gott, der im Himmel regiert, Gott, der den Erdkreis richtet, Gott, der die Toten erweckt. Dieser Gott will, dass wir mit ihm und für ihn leben.

Nicht immer wird uns Gottes Wahrheit mit solcher Gewalt ergreifen, wie sie den Johannes ergriffen hat. Aber halten wir uns offen und bereit für das ganz Andere. Halten wir uns offen und bereit für Jesus Christus.
Gut, dass wir Zeiten, Orte und Gemütszustände kennen, die herausgehoben sind aus dem Alltag der Welt, die uns auf die Wahrheit hinter der Wirklichkeit hinweisen können. Gut, dass Jesus Christus uns begegnet als Gott und Herr.