Sonntag, 21. September 2014

Predigt am 21. September 2014 (14. Sonntag nach Trinitatis)

Wir ermahnen euch, liebe Schwestern und Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.
Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.
Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.
1. Thessalonicher 5, 14-24


„Bin ich jetzt drin, oder was?“ – Da gab es mal so einen Werbespot; 15 Jahre ist das her. Da ging’s darum, wie leicht und schnell man ins Internet kommt. Und dann sitzt Boris Becker glücklich vor seinem Computerbildschirm, auf dem groß AOL steht. – Und weiter?
Damals hatten noch nicht sehr viele Leute einen Plan, was sie da drin sollten, im Internet. Ok, sie sind dann mal reingegangen, haben sich dies und das angeguckt, E-Mails abgeholt und verschickt, vielleicht mal ein paar Informationen gesucht, und dann sind sie wieder rausgegangen. Einkaufen im Internet? – Nee. Online-Banking – zu unsicher. Chatten? – Was is’n das?
Das Internet – das war ein fremder Ort, in den man sich mal für ein paar Minuten oder vielleicht auch mal eine Stunde begab – über Modem oder ISDN, und dann war man wieder draußen, im normalen Leben.
Für viele, zum Beispiel für meine Eltern, ist das heute noch so.
Für meine Kinder ist das eher komisch. Und für mich inzwischen auch. Das Internet ist kein Ort, den ich mal für kurze Zeit betrete. Das Internet ist einfach da. Da muss ich nicht erst hineingehen. Mein Computer muss sich schon lange nicht mehr einwählen ins Netz. Und ich brauche auch gar keinen Computer mehr, um drin zu sein. Das Internet ist in meiner Hosentasche. Es macht Pling, wenn ein Freund was über Facebook teilt. Es macht Pling, wenn jemand mir eine Nachricht schickt. Ich kann es fragen, wenn wir uns in einem Gespräch nicht einig sind, wie alt Roland Kaiser ist, oder Margot Käßmann (beides schon vorgekommen). Ich kann nachschauen, wo wir gerade sind oder wie wir an ein bestimmtes Ziel kommen. Es sagt mir, was das für ein Flieger ist, der da gerade über Las Galletas einschwebt – weil mich das halt interessiert. Es zeigt mir die neuesten Nachrichten und die Meinungen von Leuten, die mir wichtig sind; dafür brauche ich kein Radio, kein Fernsehen und keine Zeitung mehr. Oder anders: Radio, Fernsehen oder Zeitung habe ich auch im Internet.
Das Internet ist keine andere Wirklichkeit neben der normalen, sondern es ist ein Teil unserer Wirklichkeit. Ob wir wollen oder nicht: Wir sind drin.
„Ich bin nicht im Internet“, sagte mir jetzt jemand. Ich widersprach: Wenn du ein Bankkonto hast, eine Kreditkarte, eine Versicherung, oder wenn du schon mal geflogen bist, dann bist du auch im Internet. Was denkst du, wo die Daten über dich aufbewahrt werden?
Früher ist man reingegangen ins Internet – und wieder raus. Heute bist du drin, immer.
*
Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. – So schreibt es der Apostel.
Früher habe ich mich gefragt, wie das gehen soll: allezeit – ohne Unterlass – in allen Dingen. Ich kann mich doch nicht immer freuen, nicht ununterbrochen beten, nicht für alles dankbar sein!
Dann habe ich gemerkt: Es ist wie mit dem Internet. Da bin ich allezeit drin, da habe ich unablässig Kontakt zur Welt, da bin ich in allen Dingen und mit allen Dingen verbunden.
In Gott bin ich auch allezeit. Unablässig in Kontakt mit ihm. In allen Dingen ihm verbunden.
Ich muss nicht erst reingehen zu Gott: In die Kirche. Oder in die Bibel. Oder zum Pfarrer.
Ich bin schon drin. Allezeit, unablässig, in allen Dingen.
*
Darum kann ich das sein: Allezeit fröhlich. – Was um mich herum geschieht, was mich erreicht und bewegt, ist nicht immer fröhlich, kann nicht immer fröhlich sein. – Aber Gott ist da, allezeit, ganz nahe. Und das macht mich froh: Freude, die von innen kommt, haben wir ganz am Anfang gesungen. In dir ist Freude in allem Leide, singen wir ein andermal wieder. Gottes Gegenwart macht mich froh; ich schalte sie nicht ab.
Darum kann ich das tun: Beten ohne Unterlass. – Es ist nicht nur das bewusste Gebet. Sondern auch das automatische Statusupdate zu Gott hin. Gott sieht mich und weiß, wo ich bin: Du kennst meine Gedanken von ferne. – Und ich weiß jeden Augenblick: Gott ist da, und kann sich bei mir melden. Ich schalte ihn nicht ab.
Darum kann ich so leben: Dankbar in allen Dingen. – Wo ich auch immer drin bin gerade, in welche Dinge ich verwickelt bin oder verstrickt: Ich bin immer auch in Gott. Ich bin immer Teil einer größeren Wirklichkeit – der allergrößten Wirklichkeit, die es gibt. Und darum bin ich gewiss, dass am Ende immer alles irgendwie gut wird. Und das macht mich dankbar. Nicht dankbar für das, was nicht gut ist. Aber dankbar dafür, dass es gut wird, weil es in Gott ist. Und ich auch. Ich bleibe in ihm.
*
Ich muss nicht immer erst an Gott denken. Gott denkt schon zuvor an mich. Und wenn ich dann an ihn denke, weil ich ihn brauche, ist er schon da.
Und wenn er mir etwas sagen will, dann macht er Pling – auf seine Weise. Und wenn ich drauf geachtet habe, dann schaue ich nach, was er von mir will.
Da ist diese Begegnung: ein Mensch, der mich offenbar braucht. Und ich habe ihn wahrgenommen, habe mich nicht verschlossen oder zurückgezogen. Habe mein Ohr geöffnet, ein gutes Wort gefunden, eine gute Tat getan. Irgendwie hat es Pling gemacht. Gottes Nachricht ist angekommen.

Da sind meine Freunde und Glaubensgeschwister. Und immerzu macht es Pling. Bei Facebook, Whatsapp, Twitter oder Skype. Und wir sind nicht nur durchs Internet verbunden, sondern durch Gottes Geist. Wir sind drin. In Christus. Und auch im Glauben miteinander verbunden. Pling.
*
Die Bibel hat einen Spezialausdruck für dieses Drin-Sein. Er steht in unserem Abschnitt und heißt: heilig.
Wer bei Gott drin ist, der ist heilig.
Gott ist heilig.
Und alles, was in Verbindung steht mit ihm, das ist heilig.
Und jeder, der mit ihm in Verbindung steht, der ist heilig.
Jeder, der sich nicht ausgeloggt hat aus der Verbindung mit Gott.
Heilig wird man nicht erst, wenn man sich viel Mühe gibt, sondern heilig ist man, wenn man bei Gott drin ist. Das bist du normalerweise schon seit deiner Taufe.
Digital Natives nennen wir die Generation, die eine Welt ohne Internet nicht mehr kennt. Unsere Kinder sind Eingeborene des Internets. Für sie ist Drinsein oder Draußensein kein Thema mehr.
Wir sind Spiritual Natives, Eingeborene des Reiches Gottes. Wir sind getauft, und Drinsein oder Draußensein, das sollte für uns gar kein Thema mehr sein.
Wir sind Heilige qua Neugeburt in der Taufe.
Und dass wir Heilige bleiben und immer noch heiliger werden, dass wir allezeit in der Verbundenheit mit Gott leben, darum kümmert er sich in erster Linie selber; jedenfalls betet der Apostel darum:
Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
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Wenn wir bewusst reingehen – in die Kirche, in die Bibel, zum Pfarrer – dann werden wir eigentlich nur immer wieder neu daran erinnert, dass wir schon drin sind.
An uns ist es nur noch, hin und wieder den Status unserer Verbindung zu Gott zu überprüfen, die Nachrichten zu checken, den Ort zu bestimmen, wo wir gerade sind und uns Vorschläge machen zu lassen, wo wir hingehen sollten, mit wem wir uns befreunden sollten oder was wir uns anschauen sollten. Pling.
Den Geist dämpft nicht. – Das heißt dann: Schaltet die Verbindung zu Gott nicht ab. Bleibt drin!