Sonntag, 13. Juli 2014

Predigt am 13. Juli 2014 (4. Sonntag nach Trinitatis)

Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Rächt euch nicht selber, meine Lieben, sondern lasst Raum für den Zorn Gottes; denn in der Schrift steht: „Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt.“ Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem!
Römer 12, 17-21


Liebe Schwestern und Brüder,
Lass dich nicht besiegen, sondern siege!
Um Sieg oder Niederlage geht es. Heute Abend beim Fußball.
Lass dich nicht besiegen, sondern siege!
Beide Trainern werden das auf ihre Weise ihren Mannschaften nahebringen.
Wie macht man das: siegen? Wenn einem einer gegenübersteht, der genau dasselbe will: Siegen?
Nun: kämpfen, das Beste geben, Strategie und Taktik beachten, die Schwächen des Gegners kennen und ausnutzen, im Team und für das Team spielen.
Und vielleicht das Wichtigste: sich selbst besiegen.
Ich weiß nicht, ob jemals bei einer vergangenen Weltmeisterschaft so viel über die Psychologie des Spiels gesprochen worden ist. Auf jeden Fall kann das spielentscheidend sein: dass das Mindset stimmt, der Wille zu siegen und das Bewusstsein, siegen zu können, dass die Coolness da ist, auch gegen die Zuschauer zu spielen, und vor allem: sich von einem Rückstand oder einer erfolglosen Spielphase nicht aus der Bahn werfen zu lassen.
Wahrscheinlich war das am Dienstag der ausschlaggebende Punkt bei den Brasilianern für die hohe Niederlage: dass sie mit dem frühen Rückstand nicht umgehen konnten und beim 0:2 schon in der Seele, in Kopf und Herz zerstört waren. Da ging nichts mehr. Und dann kam immer noch ein Schlag obendrauf, und die Welt hat gesehen, wie Verlierer aussehen. Auch bis gestern haben sie sich davon nicht erholt.
Lass dich nicht besiegen, sondern siege!
Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem!
Besiege das Böse in dir. Den inneren Schweinehund. Das falsche Mindset, das verkehrte Bewusstsein, das dir einflüstert: Ich schaffe es sowieso nicht. Es ist sinnlos. Ich habe schon verloren. Oder auch: Ich schaffe das sowieso, ich bin der Größte. Ich muss nicht mehr viel tun, um zu siegen. Beides ist falsches Bewusstsein.
Hier geht es um mehr als um Fußball. Das ist nur ein Spiel. Und im Grunde genommen ist es egal, wer Weltmeister wird. Der alte Papst betet für Deutschland, der neue Papst für Argentinien. Aber am Ende entscheidet sich das Spiel nicht daran, wer den besseren Draht zum lieben Gott hat. Der wird sich wohl aus den fußballerischen Entscheidungen heraushalten; er ist ja kein Fußballgott; das habe ich schon heut morgen im Radio gesagt. Am Ende entscheidet, wer in der Lage ist, im entscheidenden Augenblick nicht nur den Gegner auszuspielen, sondern sich selbst zu übertreffen und die bestmögliche Leistung abzurufen.
Nein, hier geht es nicht um Fußball; es geht um das Spiel deines Lebens. Es geht darum, dass du am Ende als Sieger vom Platz gehst. Den Pokal erhältst und die Goldmedaille. – Paulus braucht ja an anderen Stellen auch dieses Bild vom Wettkampf im Stadion und vom Kranz für den Sieger (1. Korinther 9,24-27). Und dabei geht es nicht darum, dass du die anderen besiegst, sondern dass du dich selbst überwindest, das Böse in dir besiegst.
Ja, wir kämpfen gegen das Böse. Manchmal verwechseln wir das und kämpfen gegen die Bösen. Es ist einfacher, wenn die anderen die Bösen sind.
Der hat mich ungerecht behandelt. Die hat was gesagt, was mich geärgert hat. Der hat mich nicht ernst genommen. Die hat mich hintergangen. Der kann mich offenbar nicht leiden. Die geht mir aus dem Weg. – Und wir fühlen uns erst gekränkt und dann berechtigt, den anderen auch ungerecht zu behandeln, ihr etwas Böses zu sagen, ihn nicht mehr ernst zu nehmen, sie zu hintergehen, ihn zu verachten, ihr aus dem Weg zu gehen.
Wie wäre es, erst mal einen Moment innezuhalten: Hat er das wirklich bewusst getan? Wollte sie mir wirklich schaden? So schnell ist etwas aus Unachtsamkeit geschehen. Oder aus allen anderen nur nicht aus persönlichen Gründen. Missverständnisse haben Freundschaften zerstört, Familien gespalten, Gemeinden kaputt gemacht. – Martin Luther sagt in seiner Auslegung zum 8. Gebot (für die Reformierten das 9. Gebot): Wir sollen von unserm Nächsten Gutes reden und alles zum besten kehren. Mit anderen Worten: Immer nach guten Gründen und Entschuldigungen für ihn und sein Verhalten suchen.
Ist er wirklich der Böse? Kommt das Böse wirklich aus ihm? Und selbst wenn, kommt es nicht erst dann zum Zuge, wenn ich es über mich herrschen lasse. Dann ist es mein Böses geworden, dann bin ich dafür verantwortlich und habe es zu beherrschen und zu besiegen.
Wenn du nicht rechtschaffen bist, dann lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie! Das steht schon im Alten Testament, ganz am Anfang (Genesis 4,7). Gott sagt es Kain zur Warnung, bevor dann doch das Böse in ihm siegt und er seinen Bruder tötet. Herrsche über die Sünde! Besiege das Böse! Es ist nicht in deinem Bruder, es ist in dir, es lauert vor deiner Herzenstür. Lass es nicht ein!
*
Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Rächt euch nicht selber! Das ist gar nicht besonders christlich oder jesuanisch, wie viele meinen. Es ist jüdisch und alttestamentlich. Paulus führt die Schriftzitate aus dem Alten Testament an.
Ich finde, das ist eine wichtige Beobachtung. Denn irgendwie ist das Klischee von der „alttestamentarischen Rache“ nicht auszurotten.
Gerade in den letzten Tagen und Wochen, wo die palästinensische Hamas drei jüdische Jugendliche getötet hat, daraufhin israelische Jugendliche einen Palästinenser grausam ermordeten, wo Israel seit Wochen unter Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen liegt und die israelische Armee Ziele im Gazastreifen angreift, fallen die Worte Rache und Vergeltung besonders häufig, und immer sind damit die Aktionen seitens Israels gemeint. Immer wieder wird den Juden der Durst nach Rache und Vergeltung unterstellt und ausgesprochen oder unausgesprochen erwartet, sie sollten darauf verzichten. Dass es Israel nicht in erster Linie um Vergeltung geht, sondern darum, dem Terror etwas entgegenzusetzen, ihn zu erschweren, wenn es schon nicht gelingt, ihn ganz unmöglich zu machen, das wird selten gesehen und akzeptiert.
Unser Bibeltext ist sehr realistisch: Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! – Es ist nicht immer möglich. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben,... – ihr kennt das.
Israel tut trotzdem, was die Bibel, ihre Bibel, unser Altes Testament, sagt: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. – Israel stellt die Versorgung des Gazastreifens mit Energie, mit Treibstoff, mit Lebensmitteln nicht ein. Oder mit Mineraldünger, der dann dazu verwendet wird, Raketentreibstoff daraus zu machen.
Israel tut alles, um zivile Opfer zu vermeiden. Im eigenen Land, indem es das Abfangsystem Iron Dome installiert hat, indem es überall Warnsysteme, Sirenen und Schutzräume gibt. Und im gegnerischen Land, wo Israel nur Ziele angreift, die unmittelbar dem Terror dienen und die Bevölkerung zuvor ausdrücklich warnt. Bevor ein bestimmtes Ziel bombardiert wird, erhalten die Anwohner einen Anruf oder eine SMS vom israelischen Militärgeheimdienst, oder es werden Flugblätter abgeworfen. Dann gibt es einen Warnschuss mit einer Rakete ohne Sprengsatz. Erst einige Minuten später kommt die scharfe Bombe oder Rakete. Dabei muss man wissen, dass Abschussrampen und Raketenwerkstätten, Kommandozentralen und Waffenlager von der Hamas bewusst in Wohngebieten, Wohnhäusern, ja in Schulen und Krankenhäusern angelegt werden und dass die Zivilsten von der Hamas aufgefordert werden, die Warnungen des israelischen Militärs zu ignorieren. So haben sich Anwohner auf den Dächern von Häusern versammelt, deren Bombardierung Israel angekündigt hatte, als menschliche Schutzschilde; und die Israelis haben den Angriff abgebrochen, in einem Fall war es allerdings zu spät, da war die Rakete schon unterwegs.
Israel tut alles, um zivile Opfer zu vermeiden. Im Land Israel und im Land der Palästinenser. Denn Israel will nicht vergelten, nicht Rache üben, sondern Frieden schaffen – für Juden und Palästinenser im Heiligen Land. – Ja, sicher heißt das auch für viele Israelis, die dort leben und kämpfen, Hass und Rachegefühle, das Böse in sich selber zu überwinden. Meistens gelingt es. Manchmal auch nicht...
*
Eines noch finde ich bemerkenswert an diesem Bibelwort: die Begründung. Wir sollen auf Rache und Vergeltung verzichten, weil das Gottes Sache ist. Wir sollen dem Zorn Gottes Raum geben; so brauchen wir nicht selber zu zürnen und zu hassen. Das ist befremdlich, denn wir sollten meinen: Wir sollten die Feinde lieben, weil auch Gott sie liebt, und barmherzig sein, weil auch Gott barmherzig ist. Aber davon ist keine Rede. Es geht hier nicht um Liebe, sondern um Gerechtigkeit.
Rache und Vergeltung sind unsere menschlichen Versuche, Gerechtigkeit herzustellen. Weil uns Unrecht getan wurde, tun wir Unrecht, damit sich das Unrecht aufhebt. Wir wissen, dass das schlecht funktioniert. Wir überziehen, wir schaffen das Unrecht nicht durch neues Unrecht aus der Welt. Darum sollen wir die Wiederherstellung der Gerechtigkeit – das ist die eigentliche Bedeutung von Rache – Gott überlassen. Er hat sozusagen das Gewaltmonopol*. Er ist Richter und Vollstrecker der letzten Gerechtigkeit. Unsere Versuche, Gerechtigkeit zu schaffen, sind nur Selbstjustiz, die neue Ungerechtigkeit erzeugt.
Ich muss sagen, ich finde es ausgesprochen tröstlich und hilfreich zu wissen, dass die letzte Gerechtigkeit bei Gott liegt. Ich muss nicht damit hadern, dass es in der Welt so ungerecht zugeht. Ich muss nicht mit meinem Kampf für Gerechtigkeit neue Ungerechtigkeit schaffen. Ich muss nicht das Böse in der Welt besiegen und schon gar nicht die Bösen.
Es reicht, wenn ich das Böse in mir besiege. Da habe ich genug zu tun.
Um Sieg und Niederlage geht es. Nicht heute Abend beim Fußball. Sondern heute und morgen und immer, wann und wo ich das Böse in mir zu überwinden habe.

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* Folgerichtig ist das staatliche Gewaltmonopol als vorläufige Realisierung des göttlichen Gewaltmonopols zu verstehen (Luthers Zwei-Reiche-Lehre). Rö 13 schließt nicht zufällig an unseren Abschnitt an.