Sonntag, 26. Januar 2014

Predigt am 26. Januar 2014 (3. Sonntag nach Epiphanias)

Liebe Schwestern und Brüder,
der Satz einer jungen Frau, den ich vorgestern in einem Zeitungsartikel gelesen habe, hat bei mir ziemlich eingeschlagen: „Ich will eh in die Hölle. Da wäre ich wenigstens unter meinen Freunden.“
Dieser Satz macht einiges deutlich. Als erstes macht er deutlich, dass unsere traditionellen Konzepte von Himmel und Hölle so nicht mehr ernst genommen werden. Die Drohung mit Hölle und ewiger Verdammnis zieht nicht mehr. Und umgekehrt darf man vermuten: Der Himmel ist für die Vorstellung junger Menschen von heute auch nicht gerade ein attraktiver Ort, wo man unbedingt hin muss.
Etwas anderes aber fasziniert mich noch mehr an diesem Ausspruch: Unter meinen Freunden sein, mit meinen Freunden zusammen sein – das ist für mich das allerwichtigste, sagt diese junge Frau. Dazugehören – das zählt. Was nützt es mir, wenn ich einsam im Himmel bin? Dann lieber mit meinen Freunden in der Hölle!
Eigentlich gar nicht so neu: „Ich geh mit dir durch die Hölle“ hieß es ja schon lange im Schlagertext. Das ist genau dasselbe: Wenn ich nur mit dir zusammensein kann, dann gehe ich mit dir überall hin – selbst in die Hölle! Zusammengehören, Dazugehören – das ist das Entscheidende!
Wenn wir es uns recht überlegen: Was tun wir nicht alles um dazuzugehören? Mode, Meinungen, Marotten – wie viel davon kommt von uns selbst, wie viel ist dem Gemeinschaftsdruck geschuldet? Tun wir, sagen wir, ja denken wir nicht eine ganze Menge genau deshalb, weil andere es auch tun, sagen, denken, zu denen wir dazugehören wollen?
Ja, und wahrscheinlich ist es sogar mit unserem Glauben, mit unserem Christsein so. Das Dazugehören ist wichtiger als die Glaubensinhalte. Ich bin Teil einer Gemeinschaft, in der ich mich wohlfühle – auch wenn ich nicht in allem übereinstimme mit den christlichen Glaubenslehren. Aber ich passe mich an. – Ist es nicht so, bei vielen von euch?
Ja, ist es nicht so: Ihr kommt zu uns, weil ihr zu unserer Gemeinschaft gehören wollt; nicht weil ihr Angst habt, sonst in die Hölle zu kommen? Vielleicht ist gerade der Satz von der „Gemeinschaft der Heiligen“ für euch der wichtigste im Glaubensbekenntnis, und ihr denkt dabei an die Gemeinschaft, die wir jetzt und hier schon haben, nicht erst im Himmel!
Dazugehören – das ist es, was wir wollen. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis. Man könnte noch viel darüber nachdenken, wie gut das sein kann: die Geborgenheit einer Gemeinschaft; oder aber auch wie gefährlich: einfach mitmachen, was alle machen, was die Mehrheit macht. Selbst das Anderssein, das Nichtmitmachen ist einfacher, wenn man es in Gemeinschaft tut.
Wenn wir aber schon Teil einer Gemeinschaft sind, dann möchten wir vielleicht nicht, dass jeder – jeder X-Beliebige – zu uns gehören kann. Wir grenzen uns auch gerne ab. Wir lieben unseren eingespielten Klüngel. Wir machen es Außenstehenden schwer, bei uns Fuß zu fassen.
Ja, manchmal ist das so: Da kommen Leute zu uns, wollen dazugehören, und sie treffen auf eine anscheinend geschlossene Gesellschaft. Keiner setzt sich zu ihnen, keiner spricht mit ihnen ...

Oder – das habe ich schon erlebt, nicht hier aber anderswo –, dass jemand neu im Gottesdienst ist, und einer, der sonst immer kommt, beschwert sich, dass der Neue auf seinem Stammplatz sitzt. So stelle ich mir das nicht vor!
Da beschäftigt uns die Frage: Wer darf denn eigentlich bei uns am Abendmahl teilnehmen. – Auch Katholiken? – Von uns aus – ja: Es ist ja unser einer Herr, der alle einlädt, die zu ihm gehören wollen. – Auch Ungetaufte? – Da wird’s schwieriger: Sollte nicht erst die Taufe kommen, um Teil der Gemeinschaft zu werden, die da feiert am Tisch des Herrn? Oder hat der Herr nicht selber Menschen an seinen Tisch geladen, die erst dann zu seinen Nachfolgern geworden sind – oder vielleicht nicht mal das? Ja und seine Apostel beim ersten Abendmahl – waren die denn getauft? – Ich weiß von Menschen, die tief bewegt und angerührt waren, als sie am Heiligen Abendmahl teilgenommen haben – Ungetaufte, die doch der Kirche noch fernstanden. Und nun durften sie dazugehören zu unserer Gemeinschaft und waren voll angenommen …
Ums Dazugehören geht es im heutigen Predigttext aus der Apostelgeschichte, Kapitel 10. Es ist eine lange Geschichte; ich werde sie erzählen und dabei nur einiges wörtlich aus der Bibel zitieren.
Da ist ein Mensch, namens Kornelius. Er ist Römer, und er ist Militärangehöriger, stationiert im Heiligen Land, in Caesarea. Und er will dazugehören. Zu den Juden unter denen er lebt. Zu ihrer Gemeinschaft. Und zu ihrem Gott. Wahrscheinlich ist es das: Die Faszination ihres Glaubens – an einen Gott – und die klaren Regeln und Konsequenzen, die aus diesem Glauben folgen. Das hat es damals häufig gegeben: Anhänger des Judentums, die selber keine Juden werden konnten. Weil die Hürden so hoch waren. Bis heute ist es nicht einfach, Jude zu werden. Man ist als Jude geboren, oder man ist es nicht. Man kann wie ein Jude glauben, man kann wie ein Jude leben – man ist doch keiner. So geht es Kornelius.
Da ist ein anderer Mensch, namens Petrus. Er ist Jude, und er ist Anhänger von Jesus Christus. Messianischer Jude, würde man heute sagen, oder Judenchrist. Nur: damals gab es nichts anderes: nur Judenchristen. Die Urgemeinde – das waren Juden, die in Jesus von Nazareth den jüdischen Messias gefunden hatten. Sie lebten weiter als Juden unter Juden, nur dass sie an Jesus glaubten und erwarteten, dass er bald wiederkommen und das Reich Gottes in Israel errichten würde. – Und dabei natürlich dieses andere, weltliche Reich, Rom vernichten würde – zu dem so einer wie Kornelius gehörte.
Eigentlich konnten sie überhaupt nicht zueinander kommen: Juden und Römer, Petrus und Kornelius. – Und dann ist genau das eben doch geschehen.
Kornelius hatte eine Erscheinung: Ein Engel Gottes erschien ihm und sagte: Gott hat deine Gebete und deine Wohltaten für die Armen gesehen. Darum schicke deine Leute nach Japho zu einem gewissen Simon Petrus.
Petrus hatte auch eine Erscheinung: Ein Tuch voller Tiere und Gewürm, die für Juden unrein sind, wurde ihm gezeigt und dazu sagte eine Stimme: Schlachte und iss! – Petrus entgegnete: Auf keinen Fall, Herr! Ich habe noch nie etwas Unreines gegessen! Aber die Stimme wiederholte die Aufforderung und fügte hinzu: Was Gott für rein erklärt hat, das nenne du nicht unrein.
Kurz darauf klingelt es an der Tür – Verzeihung: es klopft –, und die Männer von Kornelius stehen draußen. Und Petrus lässt sie ein, hört sich ihr Anliegen an, bewirtet sie, beherbergt sie, und am nächsten Morgen marschiert er mit ihnen los nach Cäsarea. Immerhin zwei Tagesmärsche, 50 km, immer an der Küste entlang. Schließlich kommen sie bei Kornelius an; der hat schon seine Verwandten und Freunde zusammengerufen: Jetzt passiert gleich etwas ganz Besonderes. Auch wenn keiner so richtig weiß, was.
Petrus weiß es auch nicht. Gott hat hier offenbar zwei Menschen zueinander geführt, die erst mal gar nicht zusammengehören und auch nicht so recht wissen, was sie miteinander anfangen sollen. Kornelius fällt vor Petrus nieder, als wollte er ihn anbeten. Und Petrus sagt: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch. Dann betritt er das Haus des Kornelius und erklärt als erstes, dass er das eigentlich gar nicht darf: Ihr wisst ja, dass es einem Juden nicht erlaubt ist, engeren Kontakt zu Fremden zu haben oder sie gar in ihrem Haus zu besuchen. – Sehr freundlich, wenn man sich so was erst mal anhören muss: Also, eigentlich darf ich ja mit euch gar nichts zu tun haben! Aber … und jetzt zeigt sich, dass Petrus etwas verstanden hat von der seltsamen Vision, die er zwei Tage zuvor hatte: Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen unheilig oder unrein nennen soll. Darum bin ich auch mit hierhergekommen. – Und nun? – Pause. Verlegenheit. Kornelius erzählt noch mal seine Geschichte von vorn, die Petrus eigentlich schon von seinen Abgesandten gehört haben sollte. Worüber haben die sich eigentlich zwei Tage lang unterhalten? – Wie auch immer, Kornelius endet mit einem Satz, der Petrus offenbar beeindruckt: Nun sind wir alle hier in Gottes Gegenwart versammelt, um zu hören, was du uns im Auftrag des Herrn zu sagen hast.
Und nun ist bei Petrus endgültig der Groschen gefallen: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! Egal aus welchem Volk einer kommt: wer Gott respektiert und gerecht handelt, der darf zu ihm gehören.
Und dann weiß er auch, was er weiter zu reden hat. Er erzählt von Jesus. Und wo von Jesus erzählt wird und Menschen etwas von Gott erwarten, da wirkt auch Gottes Heiliger Geist. Wie zu Pfingsten beginnen die Anwesenden Gott laut zu loben und in Zungen zu reden, und wie zu Pfingsten lässt Petrus sie taufen.
Jetzt gehören sie dazu. Richtig. Sie sind zwar keine Juden geworden, aber sie sind Christen geworden. Sie gehören zu denen, die an den einen, wahren Gott glauben. Sie gehören zur heiligen, christlichen Kirche, zur Gemeinschaft der Heiligen.
Für die junge christliche, bis dahin juden-christliche Gemeinde war das nicht einfach zu akzeptieren. Petrus musste sich rechtfertigen: Wie konntest du mit diesen Heiden Gemeinschaft haben?, fragen sie ihn. Petrus erzählt noch mal die ganze Geschichte, und endet mit der rhetorischen Frage: Wer bin ich, dass ich mich Gott hätte in den Weg stellen dürfen?
Eine Frage, die mich nachdenklich macht. Und weitherzig: Wer bin ich, dass ich mich Gott in den Weg stellen dürfte, wenn er Menschen in unsere Kirche und Gemeinde führt, die zu uns gehören wollen? Wer sind wir, dass wir Menschen wegschicken dürften, die mit uns spielen, singen, feiern, leben – und vielleicht sogar glauben wollen?
Leider gibt es auch die anderen – viel zu viele –, die gar nicht mehr zu uns gehören wollen, die lieber mit ihren Freunden zur Hölle gehen als mit uns in den Himmel. Aber vielleicht hat das auch mit uns zu tun. Damit dass sie sich bei uns ohnehin ausgeschlossen fühlen und abgestoßen. Damit dass wir sie schon für verloren erklärt haben.
Die ganz junge christliche Kirche hat es eindrucksvoll gelernt: Wir sind offen für alle, weil Gott offen ist für alle. Wer zu uns gehören will, der soll zu uns gehören dürfen.
Und so hoffe ich, dass das für uns nicht anders ist: dass wir Kirche sind, zu der man einfach dazugehören darf!